Max Müller: "Sport ist 360 Tage Qual..."

15.2.2014, 11:31 Uhr
Großer Horizont: Max Müller hat auf der NHTC-Bank auch schonmal Trainerequipment in der Hand.

Großer Horizont: Max Müller hat auf der NHTC-Bank auch schonmal Trainerequipment in der Hand. © Zink

Herr Müller, momentan finden Olympische Winterspiele statt. Kann ein Sommersportler überhaupt etwas mit Rodeln und Eiskunstlauf anfangen?

Max Müller: Doch, doch, ich gucke mir das sehr gerne an. Aber ich bin der Meinung, die eigentlichen Spiele, das sind die Sommerspiele. Ich habe mir bei der Eröffnungsfeier in Sotschi aber auch gedacht: ja, das hat schon fast Sommerspiel-Niveau. Denn die muss ja in einer Halle stattfinden und das ist immer etwas anderes als ein Olympiastadion, logischerweise.

Funktionieren Winterolympioniken anders als Sommerolympioniken?

Müller: Nein, ich denke nicht. Viele kenne ich ja von bundesweiten Veranstaltungen, dadurch gibt es eine persönliche Verbindung. Und man erkennt auch die Unterschiede, Felix Loch zum Beispiel, der ist normalerweise etwas kühler, wenn er im Weltcup gewinnt. Jetzt hat er in der gleichen Disziplin gegen die gleichen Gegner gewonnen, aber eben bei Olympia — daher flippt er fast aus. So ist das eben, mit den Olympischen Spielen, das war bei mir nicht anders.

Es wird nicht nur über die sportlichen Erfolge in Sotschi, sondern auch viel über die politischen Probleme in Russland gesprochen.

Müller: Wir hatten 2008 in Peking eine ähnliche Diskussion wegen der Menschenrechte. Ich finde aber, man muss das unbedingt trennen. Zu sagen, die Sportler sollen das boykottieren, ist falsch — das wäre eine politische Aufgabe. Es ist natürlich wichtig, dass die Gesellschaft kritisch bleibt, aber jeder sollte das Sportliche davon trennen.

Das ist schwierig, schließlich inszenieren sich Politiker bei solchen Veranstaltungen.

Müller: Auch wenn ein Putin im Stadion steht und versucht, die Spiele für sich zu vereinnahmen, hat das für mich nichts mit dem Sport zu tun. Die Sportler sollten sich drum kümmern, dass es dopingfrei abläuft und ihre Wettkämpfe gut über die Bühne gehen. In Peking haben die Leute gefragt: Warum boykottiert denn keiner die Spiele? Ganz einfach: Weil die Jungs und Mädels sich vier Jahre darauf vorbereiten und man ehrlich sagen muss: So etwas fällt nicht in das Metier der Sportler.

Aber Sportler können doch sehr öffentlichkeitswirksam Zeichen setzen.

Müller: Viel wichtiger finde ich es, ein gelebtes Vorbild zu sein. Das funktioniert, ohne dass man sich ein Schild bastelt, das man vor seinem Wettkampf in die Luft hält, es dann wegwirft und losläuft. Das funktioniert, indem man zum Beispiel mit Homosexualität sehr offen umgeht, man keine Berührungsängste mit dem Thema hat.

Und damit ist alles getan?

Müller: Gut, man kann seine Fingernägel in Regenbogenfarben lackieren, wie es mal eine Hochspringerin gemacht hat. Ich für mich aber lebe lieber Offenheit vor und denke, das ist der richtige Weg als Olympionike.

Bundespräsident Gauck boykottiert tatsächlich die Spiele.

Müller: Das ist auch legitim. Aber da muss ich sagen: doch nicht erst jetzt! Das Gesetz gegen Homosexualität gibt es schon länger, damals schon hätten sich der Bundespräsident melden müssen und die Kanzlerin. Und nicht bis zu den Olympischen Spielen warten und dann sagen: Jetzt fahren wir da nicht hin. Das ist doch auch für die Sportler das Größte, wenn dann die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident da sind.

Tatsächlich? Merkel in der Fußballkabine — manche empfinden das als peinlichen Zwangsbesuch...

Müller: Ich habe bis jetzt immer die Erfahrung gemacht, dass es anders war. Die Kanzlerin war zwar noch nie bei uns, in Peking haben wir aber den Bundespräsidenten getroffen, Größen aus Politik und Wirtschaft. Natürlich ist das ein Pflichttermin für sie, die müssen dort sein. Aber jeden, der mit Sport was am Hut hat, zieht das dann auch in seinen Bann. Alle haben gesagt, dass sie es aufregend fanden, mit uns zu sprechen nach den Spielen und da mal unmittelbar reinzuschnuppern. Das gibt einem als Sportler schon etwas, Anerkennung von bekannten Menschen und Repräsentanten des Staats zu bekommen.

Es gibt bei den Winterspielen Exoten, die ursprünglich aus anderen Sportarten kommen und zum Beispiel Anschieber beim Bob sind. Würde Sie das reizen?

Müller: Witzig wäre es schon. Es gibt ja nicht viele, die bei Sommer- und Winterspielen Medaillen geholt haben. Aber auch für einen Anschieber musst du die Voraussetzungen haben, ich wäre dafür zu langsam und zu leicht. Leider. Wenn, dann müsste ich also für irgendein exotisches Land starten, aber auch dafür wäre ich nicht wintersportbegeistert genug.

Und außerdem: Welche Wintersportart bietet sich schon an für einen der weltbesten Hockeyspieler...

Müller: Curling vielleicht?

Für Curling wären Sie wiederum zu jung, mit ihren 27 Jahren.

Müller: Das stimmt, vielleicht wäre das was in ein paar Jahrzehnten.

Große Gefühle: Max Müller mit seiner Ehefrau Annalena.

Große Gefühle: Max Müller mit seiner Ehefrau Annalena. © Friedrich

Eine andere Sportart, die ausschließlich bei Olympischen Spielen in den Fokus rückt, ist Fechten. Vor kurzem waren Sie als Zuschauer in Nürnberg bei einem Wettkampf zu Gast. War das Wahlkampf für den angestrebten Stadtratsposten?

Müller: Sagen wir so: Es war eine Kombination aus Interesse und Wahlkampf.

Also: Wahlkampf.

Müller: Da waren vielleicht 35 Zuschauer... Ich habe keinen einzigen Wahlkampfzettel verteilt. Ich nutze diese Wahlkampfplattform aber aus, um mich in Nürnberg in Sportarten umzusehen, bei denen ich noch nicht so häufig war. Demnächst möchte ich auch mal zum Ringen gehen. Einfach um zu sehen, mit welchen Problemen die Sportler und die Vereine vor Ort zu kämpfen haben.

Das heißt: Sie wollen Sport-Bürgermeister Horst Förther beerben?

Müller: Nein, nein, nein — gar nicht! Ich möchte nicht Berufspolitiker werden. Ich möchte einfach etwas verändern im Sport in Nürnberg — ich sehe, was in anderen Städten passiert, was in anderen Ländern geschieht, wie dort um Spitzensportler geworben wird. Da hängen wir in Nürnberg meilenweit hinterher, finde ich.

Sind Sie deshalb zur CSU gegangen, weil Sie als Sportler enttäuscht sind von der Nürnberger SPD?

Müller: Nein, gar nicht. Ich komme aus einer in der CSU verwurzelten Familie. Ich glaube durch meine politisch angehauchte Aktivität — ich hatte doch dieses Gespräch mit eurer Zeitung nach den Olympischen Spielen in London mit Horst Förther — ist die CSU überhaupt erst aufmerksam auf mich geworden und hat mich angesprochen, ob ich nicht kandidieren möchte.

Aber Sie wollen ja nicht Berufspolitiker werden. Was wird man als Doppel-Olympiasieger — immerhin ist das Studium fast beendet.

Müller: Es könnte mir passieren, dass ich eine Prüfung noch mal machen muss. Dann müsste ich noch ein Semester dranhängen. Wenn nicht, kann ich bald meine Masterarbeit in Sportökonomie schreiben — übrigens wird das vielleicht eine wirtschaftliche Auswertung von Sotschi.

Als Hinarbeitung auf welchen Job?

Müller: Schwer zu sagen, es ist ein sehr offenes Studium. Ich möchte auf keinen Fall in einem Hamsterrad sitzen und daran arbeiten, dass es so immer weiterläuft. Ich möchte etwas bewegen, etwas gestalten. Es muss nicht einmal etwas mit Sport sein, aber es wäre mir natürlich lieber, weil ich den Sport einfach liebe.

Großes Vorbild: Max Müller kümmert sich auch um den Nachwuchs.

Großes Vorbild: Max Müller kümmert sich auch um den Nachwuchs. © Fengler

Als deutscher Weltklasse-Hockeyspieler hat man nie ausgedient. Das Ende des Studiums bedeutet bei vielen Nationalspielern das Karriereende.

Müller: Es ist so abgesprochen, dass ich sehr wahrscheinlich nach der Weltmeisterschaft im Juni international aufhören werde, ja.

Spielt in dieser Entscheidung die Achillessehnen-Operation eine Rolle?

Müller: Naja, mir hat ehrlich gesagt immer irgendwas wehgetan all die Jahre, die Beine, der Rücken. Ich fand das aber normal — ich hatte einfach eine riesige Motivation. Aber ich merke jetzt schon, dass ich alle Motivation, die ich noch habe, in diese Comeback-Phase stecken muss, weil es mir nicht mehr so leicht fällt, mich zu quälen. Hinzu kommt, dass es jeden Tag vorbei sein könnte — wenn die Achillessehne der Belastung nicht standhalten sollte, beim Sprinten oder so. Das kratzt schon an dir. Diese Quälerei, dieser enorme Trainingsaufwand, das macht mich auch nicht mehr so glücklich, wie mich das mal gemacht hat.

Qual kann glücklich machen?

Müller: Sport besteht zu 360 Tagen aus Quälerei und Plackerei — damit man fünf Tage glücklich sein darf: feiern, gewinnen, Titel holen.

Also fällt das Aufhören gar nicht schwer?

Müller: Überhaupt nicht. Ich bin ein sehr zielorientierter Mensch, habe immer so etwas wie eine Prioritäten-liste in meinem Kopf. Da stand lange ganz oben: Hockey. Jetzt habe ich fast alles darin gewonnen, nur der Weltmeistertitel fehlt. Den möchte ich heuer holen, dann ist Schluss.

Auch beim Nürnberger Hockey- und Tennisclub?

Müller: Da möchte ich weiter zur Verfügung stehen, aber mit veränderten Prioritäten. Hockey steht nicht mehr ganz oben auf dieser Liste, aber ich hoffe schon, dass ich noch lange mitspielen kann.

Und der Anreiz, mit einem anderen Club Meister zu werden? Dieser Titel fehlt ja immerhin auch noch...

Müller: Gegen diesen Anreiz habe ich mich früher schon entschieden. Ich hatte da einen anderen Ansporn, ich wollte lieber in meinem kleinen Club spielen. Und beim NHTC waren die Ziele ja auch immer hochgesteckt, auch wenn es nie die Meisterschaft war — das wäre unrealistisch gewesen. Aber wir haben uns ja zeitweise um sieben Klassen verbessert.

Momentan aber wieder um eine verschlechtert — in der Halle ist der NHTC in die zweite Liga abgestiegen. Auch auf dem Feld droht das. Bricht beim NHTC gerade alles auseinander?

Müller: Das ist schwer zu sagen, weil es an vielen einzelnen Entscheidungen hängt — es ist in einem kleinen Verein ja niemand an Verträge gebunden. Ich glaube, dass von den älteren Spielern sich schon einige überlegen würden, ob es den Aufwand neben dem Beruf noch wert ist für eine zweite Liga. Ein Abstieg könnte also dazu führen, dass viele sagen werden: Ich konzentriere mich jetzt auf etwas anderes. Das birgt ein Risiko, aber wir wären auch dann auf jeden Fall konkurrenzfähig.

Wenn Christopher Wesley nach Rio möchte, zu den Olympischen Spielen 2016, kann er sich dann zweite Liga beim NHTC leisten?

Müller: Das hängt an den Gesprächen mit dem Bundestrainer. Aber das Niveau in der Nationalmannschaft ist eine volle Stufe über dem der ersten Liga. Ein Olympiasieger wird da auch nicht gemacht, sondern ganz woanders, in den internationalen Spielen. 2012 haben Chris und ich zweite Liga gespielt — und Gold gewonnen.

Trainer Norbert Wolff baut fest auf Max Müller in der Rückrunde. Aber der humpelt, wie ich sehe, durch die Wohnung.

Müller: Ich habe die Belastung kontinuierlich gesteigert, das ist das Bein noch nicht gewöhnt. Aber ich bin im Soll, Plan ist, dass ich Anfang März wieder voll belastbar bin. Und bis April bekomme ich das auf jeden Fall hin. Wir müssen das schaffen mit dem NHTC, koste es, was es wolle.

Und nächstes Jahr wird Max Müller dann Trainer oder Spielertrainer?

Müller: Auf keinen Fall, das bringt mich um, da drehe ich durch. Trainer sein ist nichts für mich. Ich bin es gewöhnt, dass ich, wenn es nicht läuft, eingreifen kann.
 

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