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Musikschulen bekommen Leistungsdruck des G8 zu spüren

Vielen fehlt so die Muße fürs Musizieren - 16.05.2013 07:00 Uhr

Wegen der schulischen Belastung am G8 bleibt vor allem das gemeinsame Musizieren in den Ensembles der Musikschule auf der Strecke. Das „Nürnberger Jugendorchester“ wurde bereits aufgelöst. © Giulia Iannicelli


Über mangelnden Andrang an der städtischen Musikschule kann sich deren Leiter Rudolf Wundling zwar nicht beklagen. Das Interesse, überhaupt mit Instrumentalunterricht zu beginnen, sei riesengroß : „Wir haben nach wie vor Wartelisten.“ Was aber in den letzten Jahren eindeutig auf der Strecke bleibe, sei das gemeinsame Musizieren. So haben die Ensembles an der Musikschule im Jugendbereich ganz erhebliche Schwierigkeiten, Nachwuchs zu rekrutieren.

Immer mehr Kinder und Jugendliche sehen sich nicht in der Lage, mehrmals in der Woche in die Musikschule zu kommen, um mit einer Instrumentalgruppe zu üben. Sie begründen das laut Wundling in den meisten Fällen mit dem G8: Durch den Stundenplan mit Nachmittagsunterricht haben die Schüler schlicht nicht mehr genügend Zeit für ihr Hobby Musik. „Da lernt jemand Geige, Trompete oder Kontrabass, und wenn er dann das Niveau erreicht hat, in einem Orchester zu spielen, muss er passen, weil er keine Zeit hat. Dabei ist das doch der eigentliche Sinn: der Spaß am gemeinsamen Musizieren“, so Wundling.

Jugendorchester bereits aufgelöst

Er musste mangels genügend Musikern bereits das „Nürnberger Jugendorchester“ auflösen, „nachdem es zwei Jahre nur noch vor sich hindümpelte“. Und bei der Nachwuchsgruppe „I Musici“, aus der das „Nürnberger Jugendorchester“ immer wieder Nachschub an Musikern bekam, hat sich die Gruppenstärke von einst über 40 Mitgliedern um mehr als die Hälfte reduziert. Auch daran sei die zu große schulische Belastung der Kinder schuld.

In privaten Musikschulen spürt man ebenfalls Veränderungen, die auf das G8 zurückzuführen sind. Etwa bei „Musication“ am Stresemannplatz: Seit 1999 bietet die Einrichtung ein breites Spektrum von musikalischer Früherziehung bis zur Erwachsenenarbeit. Werner Steinhauser, Leiter der Musikschule, kann auf einen Stamm von 500 bis 600 Schülern verweisen. In den letzten Jahren komme es aber ständig zu Terminproblemen bei den Kindern und Jugendlichen: „Zwischen 16 und 18 Uhr drängt sich alles, vorher haben die Schüler wegen des langen Unterrichts im G8 keine Zeit. Wir bräuchten zehn Räume mehr, um die Nachfrage zu erfüllen.“

Während Steinhauser früher jedes Jahr steigende Schülerzahlen verzeichnen konnte, stagnieren sie seit einiger Zeit, und es gebe weniger Neubewerbungen. Immer wieder werden auch Schüler von den Eltern abgemeldet, „weil die Schule an erster Stelle steht“ und die Jugendlichen beides, also Schule und Musik, nicht mehr unter einen Hut bringen. „Gerade in den letzten beiden Jahren vor dem Abitur hören viele auf“, sagt Steinhauser.

Ein häufiges Argument der Eltern sei auch: Wenn die Leistungen in der Schule nachlassen, muss man eben den Musikunterricht aufgeben. „Dabei brauchen die Kinder eigentlich einen Ausgleich zum Lernen. Das Musizieren fördert außerdem die Konzentrationsfähigkeit.“

Rudolf Wundling, der auch Vorsitzender des Regionalausschusses bei „Jugend musiziert“ ist, hat sogar dort eine Veränderung festgestellt: „Im Regionalwettbewerb sind die Teilnehmerzahlen eingebrochen, und zwar um ungefähr ein Drittel.“ Kurioserweise sei aber das Leistungsniveau der Kinder und Jugendlichen auf Regionalebene deutlich gestiegen, so dass am Ende genauso viele Teilnehmer den Landeswettbewerb erreicht haben wie früher.



„Lehrer und Eltern schicken nur noch Kinder in den Regionalwettbewerb, wenn sie damit rechnen, dass die auch weiterkommen. Aus Spaß an der Freude machen immer weniger mit.“ Musikpädagogisch gesehen sei es „eine Katastrophe“, wenn auch beim Musizieren nur noch der Erfolg zähle. Nach Wundlings Beobachtung melden sich für den Wettbewerb außerdem fast nur Schüler mit guten Schulnoten, die es sich leisten können, für den Wettbewerb verstärkt zu üben, während sich schwächere Schüler offenbar ausschließlich auf die Schule konzentrieren müssen.

„Die Lust am sportlichen Vergleich in einem Wettbewerb scheint den schulischen Anforderungen zum Opfer zu fallen“, schließt Wundling daraus. „Aber gerade bei einseitiger Belastung wäre der Ausgleich durch das Musikmachen umso wichtiger für die Heranwachsenden.“

Die Besten messen sich vom 17. bis 22. Mai im Großraum Nürnberg, wo der diesjährige Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" stattfindet, der heuer sein 50-jähriges Bestehen feiert. Kinder und Jugendliche, die sich dafür qualifiziert haben, erbringen Spitzenleistungen in ihrer Kategorie.

Ute Wolf

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