Montag, 22.04.2019

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Mutmaßlicher Hochstapler: Unterlagen waren gefälscht

Chefärzte schöpften nach blumigen Schilderungen Verdacht - 03.04.2019 05:57 Uhr

Die Vorgänge um den — inzwischen ehemaligen — persönlichen Referenten des Medizin-Vorstandes sind am Klinikum Tagesgespräch. © Foto: Roland Fengler


Er sei Arzt und Diplom-Jurist, sagte der neue persönliche Referent des Vorstandes für Medizin und Entwicklung. Außerdem habe ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier per Urkunde zum Professor der Rechtsmedizin auf Lebenszeit und zum Direktor des Bundeskriminalamtes ernannt. Wenn er gebraucht werde, dann schicke man schon mal einen Hubschrauber, um ihn zu einer wichtigen Sektion beim BKA einzufliegen, streute er bei Gesprächen noch ein. Und ehemaliger Leibarzt der Queen sei er auch gewesen, ließ er seine staunenden Zuhörer wissen.

Es war wohl eine denkwürdige Chefarzt-Konferenz, von der Teilnehmer unserer Redaktion übereinstimmend berichten. "Schräg" sei es gewesen, formuliert es einer, wie sich der 45-Jährige vor Wochen vorstellte.

Promotion war nicht verzeichnet

Während einige Chefärzte noch darüber nachdachten, warum es einen persönlichen Referenten braucht oder ob ihnen da vielleicht der Nachfolger in spe von Medizin-Vorstand Prof. Günter Niklewski (Jahrgang 1952) serviert wird, schrillten bei anderen die Alarmglocken. "Hochstapler", formulierten einige Leitende Ärzte deutlich ihren Eindruck und forschten nach. In der Deutschen Nationalbibliothek fanden sie einen ersten Beleg für ihre Vermutung. Dort sind alle Dissertationen und Habilitationen gesammelt. Aber die vom neuen Referenten vorgelegte Promotion war nicht verzeichnet.

Nach dieser Information hakte der Vorstand weiter nach. Es stellte sich heraus, dass die Approbationsurkunde, die der Referent vor seiner Einstellung "im Original" vorgelegt hatte, gefälscht war. Und auch die Promotionsurkunde, die ihn als Doktor der Medizin auswies, war nicht echt, wie die in dem Dokument genannte Universität feststellte. Damit dürfte auch die Professur im Fach Rechtsmedizin hinfällig sein, da er kein Staatsexamen hat und kein Facharzt für Rechtsmedizin ist. Und wissenschaftlich relevante oder signifikante Arbeiten fanden sich ebenfalls nicht.

Betrugsdezernat ermittelt

Der Betroffene wurde mit den Vorwürfen konfrontiert, konnte aber den Sachverhalt "nicht glaubhaft entkräften", so der Vorstandsvorsitzende
des Klinikums, Prof. Achim Jockwig. Daraufhin wurde das Arbeitsverhältnis unmittelbar am darauffolgenden Tag beendet. "Außerdem haben wir sofort Strafanzeige gestellt", so Jockwig. Polizeipressesprecherin Elke Schönwald bestätigt den Eingang einer Anzeige aus dem Klinikum. "Das Betrugsdezernat ermittelt", so Schönwald. Auch die Landesärztekammer, die Landesprüfungsämter und andere Institutionen, die vorher mit dem 45-Jährigen zu tun hatten, hat das Klinikum informiert.

Jockwig ist froh, dass die Angelegenheit schnell aufgeklärt wurde — der Betroffene hat nur knapp sechs Wochen für das Unternehmen gearbeitet und war ausschließlich mit Verwaltungsaufgaben, Recherchen und der Anfertigung von Stellungnahmen befasst. "Ärztlich tätig war er bei uns nicht", versichert Jockwig. Er sieht auch keine Versäumnisse bei der Einstellung: "Das Klinikum hat alle relevanten Bewerbungsunterlagen, einschließlich eines Führungszeugnisses — wie bei allen Einstellungen —, im Original vorher eingesehen und geprüft."

"Teacher of the year"

Der Vorstandvorsitzende würde eine Art zentrales Register begrüßen, in dem solche Vorfälle eingetragen werden. Denn manche Betrüger ziehen ins nächste Bundesland und setzen dort ihre "Karriere" fort. Die entsprechenden Urkunden lassen sich dank Internet oft täuschend echt nachmachen, und der nächste Arbeitgeber fällt prompt wieder darauf herein.


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Der 45-Jährige war allerdings auch noch in einer weiteren Funktion für das Klinikum tätig. Er hat in zwei Jahrgängen der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU), deren Campus am Nordklinikum angesiedelt ist, im Fach Gerichtsmedizin Vorlesungen abgehalten, jeweils 15 Stunden. Auch eine Prüfung hat er erstellt. "Inhaltliche Grundlage dafür war ein 193-seitiges Skript, das der PMU vorliegt. Die PMU lässt Skript und Prüfung inhaltlich von einem unabhängigen Fachgutachter prüfen", erläutert Jockwig. Das Fach Rechtsmedizin werde in beiden betroffenen Jahrgängen wiederholt, um die Studierenden auch formell abzusichern. Pikante Note am Rande: Der angehende Medizinernachwuchs hat den "Prof" wegen seiner guten Lehre zum "Teacher of the year" gewählt.

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Vor seiner Tätigkeit am Klinikum war der mutmaßliche Betrüger einige Jahre lang an einer Klinik in der Region als Verwaltungsleiter und Prokurist beschäftigt. "Uns sind ebenfalls Vorwürfe zu Ohren gekommen. Allerdings ist es uns aktuell nicht bekannt, ob und welche Vorwürfe tatsächlich zutreffen", so eine Sprecherin.

"Beratungsarzt" in Kanzlei

Neben seiner Krankenhaustätigkeit war der 45-Jährige auch als Diplom-Jurist und "Beratungsarzt" bei einer Berliner Anwaltskanzlei tätig. Seit 2011 half er dort "unseren Fachanwälten und den Mandanten, das ,Medizin-Deutsch‘ der Gutachten ins Verständliche zu übersetzen", hieß es dazu im Internetauftritt der Kanzlei. Durch seine Arbeit in Kliniken kenne er die Schwachstellen, die dann häufig zu einer Schädigung der Patienten führen könnten.

Seit Montag ist der 45-Jährige von der Homepage verschwunden. "Wir sind sehr überrascht über diese Informationen, haben aber derzeit keine Überprüfungsmöglichkeit. Wir warten die weitere Entwicklung ab. Bis dahin haben wir die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung ausgesetzt", heißt es aus der Kanzlei. Die Redaktion konnte den 45-Jährigen für eine Stellungnahme nicht erreichen. 

KARIN WINKLER

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