Zivilcourage

Mutter bricht am Nürnberger Busbahnhof zusammen und bekommt Hilfe von Passantinnen

NN-Redaktion Gesellschaft
Anette Röckl

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25.11.2021, 18:05 Uhr
Rena F. ist dankbar über die Hilfe von Fremden, die sie bekam, nachdem sie nach einer Panikattacke am Busbahnhof zusammenbrach. Auch ihr neunjähriger Sohn handelte geistesgegenwärtig.

Rena F. ist dankbar über die Hilfe von Fremden, die sie bekam, nachdem sie nach einer Panikattacke am Busbahnhof zusammenbrach. Auch ihr neunjähriger Sohn handelte geistesgegenwärtig. © privat

Bei allen Horrormeldungen gibt es auch noch guten Nachrichten. Wie dieses Beispiel für Zivilcourage: Rena F. , die ihren Namen lieber nicht öffentlich lesen möchte, erlebte letzte Woche ihren persönlichen Albtraum. Sie war mit ihrem Sohn auf dem Weg zum ärztlichen Bereitschaftsdienst KVB, als sie am Zentralen Busbahnhof in der Nähe des Testzentrums plötzlich eine heftige Panikattacke erlitt. Was genau geschehen war, daran erinnert sich die 31-Jährige nur noch schemenhaft: "Ich habe gemerkt, mir drückt es alles weg, ich bekam unheimlich Herzrasen und dann lag ich schon am Boden. Ich war richtig weg, habe nur ein Gewusel mitbekommen, aber ich war eigentlich nicht ansprechbar."

Seit Corona leidet sie an Panikattacken

Ihr Sohn erzählte ihr später, dass vier Passantinnen gleich zur Hilfe eilten. Während andere vorher nur zu- und wegschauten, schritten die jungen Frauen zur Tat und kümmerten sich um Rena und ihren Sohn, während sie auf den Krankenwagen warteten. Den hatte der neunjährige Sohn geistesgegenwärtig gerufen. Das habe sie ihm so beigebracht, erzählt Rena.


Tag der Ersten Hilfe: So handeln sie im Ernstfall richtig


Seit dem Tod ihres Vaters und seit der Corona-Pandemie leidet die 31-Jährige unter Angststörungen. Oft kann sie den Auslöser ahnen und dann gegensteuern, in dem Fall überfiel sie die Attacke aber aus dem Nichts. "So schlimm, dass ich zusammenbreche, hatte ich es aber noch nie", sagt sie. Eine Situation, die sie vor allem auch für ihren Sohn vermeiden möchte: "Der Alptraum von jedem Elternteil, glaube ich, ist es, dass einem etwas passiert und sein Kind hilflos daneben steht", schrieb Rena F. Tage nach dem Vorfall auf dem Facebook-Portal "Schwarzes Brett Nürnberg".

Auf dem Portal suchte sie nach den Passantinnen, um ihnen für ihre schnelle Hilfe zu danken. "Es gibt doch noch gute Menschen und ihr seid der Beweis", schrieb sie, mit der Bitte, sich zu melden. Und es klappte: Eine der Helferinnen ist Crystal Wagner. Die 31-jährige Kinderpflegerin aus Fürth stand mit drei Freundinnen gerade am Testzentrum in der Schlange, weil sie noch Ausgehen wollten. Dann bemerkte sie Rena und ihren Sohn. "Sie saß komisch vorne über gesackt. Ich habe gesagt: ,Die Frau gefällt mir nicht, da stimmt was nicht'", erzählt sie. Statt wie andere wegzuschauen, beschloss sie hinzugehen. "Sie hatte die Augen verdreht und bekam schwer Luft, es war schon heavy", beschreibt Wagner die Situation. Sie rief nochmal beim Notarzt an, der bestätigte, dass der Junge ihn bereits gerufen hatte.

Crystal Wagner war eine der vier Helferinnen, die sich sofort um Rena und ihren Sohn kümmerten.

Crystal Wagner war eine der vier Helferinnen, die sich sofort um Rena und ihren Sohn kümmerten. © privat

"Ich habe mich um den Jungen gekümmert und versucht, ihn ein bisschen abzulenken. Meine Freundinnen haben mit der Mutter gesprochen, damit sie zu Bewusstsein kommt", erzählt Wagner. Die Kinderpflegerin und ihre Freundinnen blieben, bis die Sanitäter kamen. Genügend Menschen seien zu dem Zeitpunkt am Testzentrum gestanden, von ihnen hatte niemand geholfen.

"Die anderen waren nur Gaffer"

"Die haben sich nicht drum geschert, sondern nur geschaut. So richtige Gaffer", sagt Wagner. Für sie war die Hilfeleistung selbstverständlich: "Wenn ich in der Situation wäre, würde ich mir auch wünschen, dass mir jemand hilft." Über Renas Dank freute sie sich und auch darüber, dass es Rena gut geht, das Ganze tatsächlich "nur" eine Panikattacke war, wie man im KVB feststellte. "Das größte Lob hat aber eigentlich ihr Sohn verdient. Das hat er wirklich super gemacht!", findet sie.

Wer waren die rettenden Sanitäter?

Der Neunjährige hat die Sache gut überstanden und möchte jetzt auch cooler Rettungssanitäter werden, erzählt Rena. Die Rettungssanitäter, ein Mann und eine Frau, hätten richtige Rollenspiele mit dem Jungen gemacht, ließen ihn am Ende Notarzt spielen, um ihn abzulenken. "Dass sie sich nicht nur um mich kümmern, sondern auch noch so rührend um mein Kind, ist unheimlich toll. Und das, obwohl man ja liest und hört, wie sie durch Corona belastet sind." Ihnen würde sie ebenfalls gerne persönlich danken, wenn sie sie finden kann.

Dass ihr von Fremden geholfen wurde, dafür ist sie dankbar: "Das ist nicht mehr normal in unserer Gesellschaft, in der viele nur schauen." Zur Menschlichkeit gehört es für sie, zu helfen. "Zumindest den Notruf wählen, das kann sogar ein Kind." Noch ein Gutes hat die Geschichte, die in den sozialen Netzwerken viel kommentiert wurde, findet Rena: über das Thema Panikattacken zu sprechen. "Viele haben sie und es ist ihnen peinlich. Dabei kann es jeden treffen, man sucht es sich ja nicht aus."

Experte: "Man kann es gut behandeln, wenn man sich Hilfe holt"

Wer an Panikattacken leidet, sollte sich auf alle Fälle fachmännische Hilfe holen, etwa beim Hausarzt, der dann weitervermitteln kann, rät Prof. Thomas Hillemacher, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Nürnberger Klinikum. Stress und psychische Belastung, wie etwa diese Pandemie, fördern Angststörungen. Ein Warnzeichen sollte sein, wenn die Angst, den Alltag bestimmt und einschränkt und Vermeidungsstrategien entwickelt werden. Mit Medikamenten, vor allem aber mit Psychotherapie kann man Abhilfe schaffen, sagt der Experte: „Man kann es gut behandeln.“

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