Stadträte erstaunt

Neue Fußgängerzone auf dem Weinmarkt: Kaum ein Autofahrer bremst

14.6.2021, 05:55 Uhr
Ist das wirklich Nürnberg? Seit die Autos weg sind, wird in der Altstadt auf der Straße getafelt. Hier ein Blick in die Irrerstraße.

Ist das wirklich Nürnberg? Seit die Autos weg sind, wird in der Altstadt auf der Straße getafelt. Hier ein Blick in die Irrerstraße. © Claudine Stauber

Im März 2020 hatte die Pandemie auch Deutschland erfasst, die bayerische Regierung erließ Ausgangsbeschränkungen, die Menschen durften ihre Wohnungen nur noch mit "triftigem Grund" verlassen. Im März 2020 führte die Stadt Nürnberg aber auch die im Stadtrat beschlossene Fußgängerzone auf dem Weinmarkt in der Altstadt ein - ohne Öffentlichkeit, zumal das Leben auf den Straßen unter Corona nahezu verschwand. Im Frühjahr und Sommer drehte sich aber das Blatt: Gastronomen durften ihre Außenbestuhlung ausweiten, weil pandemiebedingt innen nur eine vorgeschriebene Zahl an Gästen bedient werden durfte. Die Folge: Wie an vielen anderen Orten in Nürnberg verdrängte auch auf dem Weinmarkt das Leben die Ödnis. Südländischer Charme machte sich breit. Die frisch eingeführte Fußgängerzone setzte dafür nun den passenden, verkehrsberuhigten Rahmen.


Fußgängerzone am Weinmarkt: Ist das Nürnberg oder schon Italien?


Doch neben der Romantik der lauen, launigen Sommerabende, gibt es am Weinmarkt aber auch den ungemütlichen Vollzug von Recht und Ordnung, so dass eine neue Fußgängerzone irgendwann auch ihren Namen verdient. Bereits im Mai 2020 stellte die Stadtratsfraktion der Grünen einen Antrag für den Verkehrsausschuss: Die Verwaltung sollte über Ergebnisse mit Blick auf Kontrollen des Zweckverbands Kommunale Verkehrsüberwachung und der Polizei berichten, denn gerade in den ersten Wochen und Monaten nach einer solchen Einführung sei es wichtig, "die neuen Regeln konsequent durchzusetzen".

Im Verkehrsausschuss vom vergangenen Donnerstag stand das Thema schließlich auf der Tagesordnung. Grünen-Stadtrat Mike Bock zeigte sich im Gremium "überrascht über die hohe Anzahl der Verstöße". Kommunale Verkehrsüberwachung und die Polizei waren am Weinmarkt verstärkt auf Streife. Alleine zwischen Juni und August 2020 stellte die Polizei mehr als 500 kostenpflichtige Verwarnungen aus. Zwischen September 2020 und März 2021 wurden insgesamt 650 Kraftfahrzeuge beanstandet, heißt es im Bericht der Verwaltung. Vor allem Falschparker kassierten Knöllchen (72 Prozent der Verstöße) und auch diejenigen, die unberechtigt durch die Fußgängerzone fuhren (27 Prozent).

Mehr als 83 Prozent fahren schneller als erlaubt

Die Kommunale Verkehrsüberwachung kontrollierte im Sommer 2020 auch verstärkt die Geschwindigkeit der Fahrzeuge, die nicht schneller als zehn Kilometer pro Stunde fahren dürften. Die Messungen ergaben, dass mehr als 83 Prozent der Kraftfahrzeuge die zulässige Geschwindigkeit überschritten hatten. "Kaum ein Fahrzeug hält somit die für Fußgängerzonen vorgeschriebene Schrittgeschwindigkeit ein." Blickt man weiter in den Bericht, dann ist aber auch von einer Verbesserung der Situation die Rede. Im August und September vergangenen Jahres stellten die Verkehrsüberwacher noch zwei bis vier Verwarnungen pro Streifengang aus, aktuell sind es maximal ein bis zwei. Sowohl Polizei als auch Verkehrsüberwachung beteuern, den Weinmarkt auch weiterhin zu überwachen.

"Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich Gewohnheit eingeschliffen hat und Schilder einfach ignoriert werden", sagt Mike Bock im Verkehrsausschuss. Der Grünen-Stadtrat schlägt versenkbare Poller vor, wie es sie auch in Städten im europäischen Ausland gibt. CSU-Stadtrat Max Müller sieht darin "eine gute Sache", die aber nicht praktikabel sei. Er gibt zu bedenken, dass sobald Poller im Boden zu Lieferzeiten versenkt sind, "alle anderen, die nicht dürften, auch durchfahren". Baureferent Daniel Ulrich schließt sich Müllers Einwand an. Der Aufwand für versenkbare Poller sei zudem sehr groß.

Die Erfahrungen nach mehr als einem Jahr Fußgängerzone am Weinmarkt zeigten allerdings, dass Beschilderung, Möblierung des Platzes und regelmäßige Kontrollen alleine nicht ausreichen, um Kraftfahrer abzuhalten, durchzufahren. Ulrich findet, dass die Menschen in Fußgängerzonen selbst viel Einfluss haben, Kraftfahrer abzuhalten: "Zwischen gehenden Leuten durchzufahren macht sowieso keinen Spaß."

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