Samstag, 18.01.2020

|

Neuselsbrunner Hochhäuser: Jetzt zweifeln auch Eigentümer

Wirbel um Hausverwalter: Bewohner kommen nicht zur Ruhe - 09.02.2019 05:51 Uhr

Noch vor einigen Wochen waren die Hochhäuser in Neuselsbrunn von Planen umgeben, als der Abriss der brennbaren Fassadenteile lief. Mittlerweile sind die Folien entfernt. Die flachen Bauten (rechts) sind als Teil der Gemeinschaft ebenfalls in gewisser Weise von den Maßnahmen betroffen. © Stefan Hippel


Wenn, dann soll es doch bitte ein ordentlicher Wechsel werden, findet Claus Heiß. Er ist einer der Verwaltungsbeiräte der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG). Ihm graut vor der Versammlung am kommenden Dienstag, bei der der Hausverwalter Vonovia Immobilien Treuhand (VIT) abgewählt werden könnte. Der Vertrag mit der VIT, der seit dem Jahr 2000 besteht, würde eigentlich noch 13 Monate laufen.

Heiß lebt in keinem der vom Abriss betroffenen Hochhäuser, sondern in einem der Flachbauten dazwischen. Es sei nicht so, dass er für den Unmut kein Verständnis habe, aber "die Betroffenen müssen auch verstehen, dass es erst einmal darum gehen muss, Neuselsbrunn zu erhalten. Wir gehen gerade den zweiten Schritt vor dem ersten." Die Gerichtsverfahren, in denen Schuldfragen und Schadenersatzansprüche geklärt werden können, werden, da ist sich Heiß sicher, noch zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen. "Die rechtlichen Fragen sollen alle geklärt werden. Ich bin auch nicht vonovia-treu. Von mir aus suchen wir uns jemand anderen. Ich halte nur das Vorgehen für falsch."

Bilderstrecke zum Thema

Neuselsbrunner Hochhäuser: Demonstration in Neuselsbrunn

Über 120 Menschen begaben sich am Mittwoch auf die Straßen in Neuselsbrunn. Der Grund dafür: Seitdem die Stadt Nürnberg die Fassaden lokaler Hochhäuser wegen akuter Brandgefahr erneuert hat, leiden die Anwohner unter fehlenden Isolierungen, Wasserschäden und Schimmel. Nun demonstrieren die Anwohner gegen die Stadt und die Hausverwaltung, denn in ihren Augen war die Sanierung mehr als unnötig.


Dass es in dieser Situation außerdem schwierig ist, eine neue Verwaltung zu finden, dafür hat Heiß bereits den Beweis vor sich liegen: die Kostenvoranschläge von vier Unternehmen, die bereit wären, den Wohnblock zu übernehmen. Das Angebot des "Favoriten" hat Heiß mit der VIT verglichen. "Bei der VIT zahlen wir Verwaltungskosten pro Wohnung pro Monat von 22,79 Euro. Der neue Verwalter verlangt 29,75 Euro." Pro Garage würden 5,95 Euro statt 3,04 Euro pro Monat fällig. Das Hauptproblem sieht er aber in den etwas versteckten Kosten. "Allein für das Übernehmen, also nur, dass die uns als neue Akte anlegen: 30 000 Euro. Das ist ein Angebot, das man nur Menschen in Notsituationen macht, die alles unterschreiben."

VIT verwaltet 78.000 Wohneinheiten

Die Eigentümergemeinschaft in der Verwalterfrage häuserweise zu splitten, ist übrigens nicht möglich. Die Untergemeinschaften bilden nach außen eine Gesamtgemeinschaft und können auch nur als solche auftreten. Die VIT verwaltet derzeit insgesamt 78.000 Wohneinheiten, der angedachte Verwalter etwa 4400.

Insgesamt stimmen 687 Wohneinheiten ab, 290 davon werden von der Kanzlei Kratzer & Partner vertreten, die die VIT sofort loswerden möchte. "Deren Stimmzettel dürfte klar sein", glaubt Heiß. "Aber die übrigen Stimmberechtigten zusammen, das könnte wenigstens knapp werden."


Hochhäuser in Neuselsbrunn: Vonovia kein rechtmäßiger Hausverwalter


Was wäre eigentlich gewesen, wenn die VIT früher gehandelt hätte? "Dann könnte heute vielleicht schon eine neue Dämmung auf der Fassade sein", sagt Nürnbergs Baureferent Daniel Ulrich. Früher handeln hätte bedeutet, bereits im April einen Bauantrag bei der Stadt für eine neue Fassade zu stellen. "Den hätten wir durchgewunken und auf weitere Gutachten verzichtet", so Ulrich. Die VIT ging einen anderen Weg. Als sie von der Stadt aufgefordert wurde, die Fassade auf Brennbarkeit untersuchen zu lassen, gab sie Proben an ein Institut in Rosenheim – und wartete erst das Ergebnis ab. Das Institut stufte die Dämmung im Oktober schließlich als "nicht nichtbrennbar" ein.

"Mit vorliegenden Erkenntnissen war Entscheidung richtig"

Ob es eine Möglichkeit gegeben hätte, mit der "nicht nichtbrennbaren“ Fassade zu leben, in dem man diese mit gewissen Sicherheitvorkehrungen – wie etwa einer Außen-Sprinkleranlage – absichert, darüber können die Experten heute nur noch spekulieren. Aber: "Mit den vorliegenden Erkenntnissen war die Entscheidung richtig", sagt Ulrich.

Ob weitere Hochhäuser in Nürnberg ähnliche Mängel in der Bausubstanz aufweisen, kann er "nicht ausschließen". Man habe alle Hochhauseigentümer angeschrieben und um Brandschutzinformationen gebeten. "Der Rücklauf ist mäßig." Bis man mit der Prüfung durch sei, werde es Ende 2019. 124 Hochhäuser gilt es in Nürnberg zu untersuchen.

Stefanie Taube

12

12 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg