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Nostalgie: In Nürnberg sagen Telefonzellen leise Servus

Im Stadtgebiet stehen noch rund 100 öffentliche Münzfernsprecher - 03.11.2019 05:36 Uhr

Der Siegeszug des Handys besiegelte ihr Schicksal: Auch in Nürnberg gibt es immer weniger Telefonzellen – hier eines der wenigen Exemplare, die noch in Betrieb sind, an der Fürther Straße/Ecke Raabstraße.

31.10.2019 © Foto: Eduard Weigert


Früher durften sie in keinem Krimi fehlen. Filme mit Geheimagenten und Spionen wären nur halb so spannend ohne sie. Mit ihrer Hilfe kann Harry Potter und Mr. Weasley im fünften Teil der Fantasy-Filmreihe ins Zaubereiministerium reisen oder Clark Kent sich in Superman verwandeln.

Im richtigen Leben waren sie für die einen der ideale Ort auf einem Quadratmeter, um intime Gespräche zu führen, andere nutzten sie für Telefonate von unterwegs. Aber sie boten auch Schutz vor Kälte und zur Not einen Schlafplatz. Doch heute fühlt es sich nostalgisch an, wenn man sie betritt: die Telefonzelle.

Bedeutung nimmt seit Jahrzehnten ab

Wer ganz genau hinsieht, der kann sie noch finden – auch in Nürnberg. Laut Ralph Sonnenschein vom Deutschen Städte- und Gemeindebund gab es bundesweit im Jahr 2006 noch etwa 110.000 ihrer Art, Anfang dieses Jahres waren es lediglich 17.000 — darunter rund 100 in Nürnberg –, die noch in Betrieb sind.

Treffpunkt für Leseratten: Diese Telefonzelle an der Wandererstraße lädt zum Schmökern ein.

31.10.2019 © Foto: Eduard Weigert


Wusste man damals den Raum, den die Telefonzelle für ungestörte Unterhaltungen bot, zu schätzen, ist es heutzutage mit dem Siegeszug des Mobilfunks vielen Menschen egal, ob andere ihre Gespräche mitbekommen – ob in der Warteschlange im Supermarkt, im voll besetzten Zug oder an einer Haltestelle. Statistisch gesehen habe jeder Deutsche mindestens einen Hausanschluss und ein Handy, sagt Telekom-Pressesprecher Markus Jodl. Die Bedeutung und Notwendigkeit öffentlicher Telefone habe dementsprechend abgenommen. So auch in Nürnberg: Der letzte dokumentierte Stand von Juli 2018 liegt bei 138 Münzfernsprechern, berichtet Harald Strebel vom Liegenschaftsamt. Im Jahr 2017 waren es 146 und vier Jahre zuvor noch 291.

1928 erstes Häuschen aufgestellt

Dennoch gibt es Orte mit hoher Nutzung, etwa den Flughafen oder auch den Hauptbahnhof. Dort wurden übrigens die ersten drei Telefonhäuschen in Nürnberg aufgestellt. Und zwar vor fast einem Jahrhundert, am 31. März 1928. In den nächsten Monaten folgten dann Rathenauplatz und Hallertorbastei als Standorte.

In Betrieb: eine Telefonstehle in der Breiten Gasse.

31.10.2019 © Foto: Eduard Weigert


Die bekannten gelben Häuschen, die lange Zeit auch das Nürnberger Stadtbild prägten, gab es in Deutschland erst ab 1946. Apropos, der korrekte Begriff ist übrigens nicht Zelle, sondern Telefonhäuschen, genauer gesagt: Fernsprechhäuschen.

Doch warum werden diese abgebaut und nicht einfach an ihrem Standort sich selbst überlassen? "Der Unterhalt einer Telefonzelle kostet Geld, etwa für Strom, Standortmiete und Wartung", berichtet der Telekom-Sprecher. Deshalb müssen jene Zellen abgebaut werden, deren Umsatz unter 50 Euro im Monat beträgt, denn ab diesem Betrag lohnt sich erst der Betrieb.

Die meisten Telefonzellen werden von der Telekom betrieben und diese muss eine Grundversorgung sicherstellen. Wenn die Gemeinde jedoch nicht auf den Standort verzichten möchte, kann etwa ein Basistelefon als kostengünstige Alternative angebracht werden. Ein großer Nachteil des Basistelefons ist, dass hier keine Münzen mehr eingeworfen werden, sondern lediglich mit Karte bezahlt werden kann. Entweder mit Kreditkarte oder der sogenannten "CallingCard", einer Art Prepaid-Karte. Ein Notruf kann aber natürlich immer kostenfrei abgesetzt werden. Auch in Nürnberg gibt es solche Basistelefone – wie am U-Bahnhof Sündersbühl.

Doch auch wenn das Telefonhäuschen abgelöst wurde und seinen ursprünglichen Zweck verloren hat, liegt sein Ende noch fern. Wer möchte, kann bei der Telekom eine ausgemusterte Telefonzelle – abhängig vom Zustand – ab 600 Euro aufwärts erwerben. Die gelben Häuschen sind besonders beliebt und schon ausverkauft, aber magentafarbene sind noch zu haben.

Lesefutter statt Ferngespräche

So entdeckt man bis heute auch im Nürnberger Stadtgebiet ausgediente Exemplare, die nun einen neuen Zweck erfüllen. Zum Beispiel im EMP-Laden in der Königstraße, hier hat ein gelbes Telefonhäuschen eine neue Bestimmung als Umkleidekabine gefunden. Ein ausrangiertes Exemplar in Gelb ziert in Muggenhof die Wandererstraße – als vierter Bücherschrank der Bürgerstiftung Nürnberg. Auch ihr achter Bücherschrank – vor der Lux-Kirche im Nordostbahnhof-Viertel – ist eine ehemalige Telefonzelle.

Und so besteht also Hoffnung, dass die Telefonhäuschen auch in Zukunft noch Wirklichkeit bleiben und nicht nur in einem Fantasyfilm oder Comic existieren.

Evelyn Schneider

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