NS-Erbe: Zeppelintribüne dem "kontrollierten Verfall" überlassen?

29.12.2020, 09:50 Uhr
Seit Jahren wird über die Zukunft des Reichsparteitagsgeländes – und damit auch der Zeppelintribüne – diskutiert.

Seit Jahren wird über die Zukunft des Reichsparteitagsgeländes – und damit auch der Zeppelintribüne – diskutiert. © Foto: Eduard Weigert

An Debattenbeiträgen mangelt es seither nicht – vor allem die Zeppelintribüne reizt zur Auseinandersetzung. Und nicht jeder ist vom – längst beschlossenen – millionenschweren Erhalt der Bausubstanz überzeugt.

"Muss Nazi-Beton um jeden Preis erhalten bleiben?", lautet die provokante Fragestellung, mit der Jens-Christian Wagner an den Grundfesten der offiziellen Nürnberger Erinnerungskultur rüttelt.

Jens-Christian Wagner hält eine Sanierung für zu teuer.

Jens-Christian Wagner hält eine Sanierung für zu teuer. © Foto: imago images/Jacob Schröter

Der Experte, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, hadert vor allem mit den (mindestens) 85 Millionen, "wahrscheinlich aber über 100 Millionen Euro", die in den Erhalt der maroden Substanz fließen sollen.

Zwar soll ein Teil der Summe auch für pädagogische Arbeit auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände verwendet werden, doch nach Wagners Ansicht ist das nicht genug: "Wäre es nicht besser, das Geld in die historisch-politische Bildung zu investieren und die Nazi-Tribüne dem kontrollierten Verfall zu überlassen?"

Zu wenig Augenmaß

Das fragt sich Wagner, der als Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit in Jena lehrt und forscht. Wagner hat das Nürnberger Publikum bereits 2019 im Rahmen eines NN-Forums im Dokuzentrum mit seinen Thesen konfrontiert. Damals ließ ihn das Stadtoberhaupt Ulrich Maly relativ unwirsch abblitzen. Der Alt- OB verwahrte sich ganz generell gegen die Einwände von "Hörsaal-Historikern".

Wagner legt nun in einem Aufsatz für das Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung nach. Vor allem fordert er Verhältnismäßigkeit ein. Genau diesen Maßstab vermisst er bei den Nürnberger Plänen. "Augenmaß und kluge Bescheidenheit" seien das Gebot der Stunde beim Umgang mit Opfer- und Täterorten in Deutschland. Nürnberg plane, so der Vorwurf, völlig unbescheiden eine De-facto-Rekonstruktion. Damit schließt sich Wagner einem weiteren Kritiker der Pläne, dem renommierten Historiker Norbert Frei, an.

Wagner reibt sich vor allem daran, dass aus seiner Sicht die Finanzierung für die Sanierung der Zeppelintribüne und des Zeppelinfeldes "an allen wissenschaftlichen Begleitgremien vorbei rein politisch entschieden worden" sei.

"Merkwürdiges Licht"

Ein Vorwurf, der bislang noch nicht widerlegt werden konnte. Wagners Fazit: Täterorte wie das Reichsparteitagsgelände seien zwar unbestritten ein Teil der Erinnerungskultur, doch angesichts der mancherorts knappen Ausstattung für Gedenkstätten, also Opferorte, werfe die hohe Förderung für Nürnberg "ein merkwürdiges Licht auf die Zuwendungsgeber".


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Dabei zielt er vor allem auf den Bund, aber auch auf den Freistaat, die den Großteil der geplanten 85 Millionen Euro übernehmen wollen. In der Nürnberger Verwaltung und Stadtspitze, so mutmaßt Wagner, "mögen auch touristische Erwägungen eine Rolle" gespielt haben. Denn: "Hitler sells."

Der Aufsatz von Jens-Christian Wagner ist im von Jim G. Tobias und Andrea Livnat herausgegebenen Buch "nurinst 2020" des Instituts für NS-Forschung erschienen (ANTOGO Verlag). Dort findet sich auch ein Aufsatz des Nürnberger Historikers Alexander Schmidt über "Die Steine der Synagoge – zu Vergangenheit und Zukunft der Erinnerungskultur in Nürnberg". Weitere Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit hier.

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