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Nürnberg: Barocker Erker wurde einfach geschreddert

Jahrelang lagerte das frühbarocke Bauteil in einer Halle - 11.12.2019 06:00 Uhr

Blick von der Karlstraße auf die Augustinerhof-Baustelle und das neue Zukunftsmuseum: An dieser Ecke stand das marode Haus Karlstraße 4 mit dem historischen Erker, der beim Abriss denkmalgerecht geborgen wurde. © Foto: Michael Matejka


Eigentlich sollte das ungewöhnliche Stück an irgendeinem historischen Haus im Stadtgebiet wieder angebracht werden. Das war der Plan der Alpha Gruppe, die als Eigentümerin die völlig maroden Häuser entlang der Karlstraße vor Jahren abreißen ließ. An ihrer Stelle steht nun der Rohbau des Zukunftsmuseums, das in einem Jahr eröffnet wird.

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Eine Fachfirma baute den frühbarocken Erker des kaputten Gebäudes Karlstraße 4 ordnungsgemäß ab. "Ich habe selbst zugeschaut, wie mit dem Hubsteiger Stein für Stein heil heruntergekommen ist", berichtet Steinmetz Harald Pollmann. Der bei den Altstadtfreunden engagierte Handwerker war damals misstrauisch und wollte sehen, ob das Prunkstück nicht einfach mit der Hausruine abgerissen wird.

Übrigens: Der Erker war bereits einmal "umgezogen". Ursprünglich krönte er das Anwesen Adlerstraße 8, ehe dieses 1962 dem Bau des großen Parkhauses weichen musste. Für den Aufbau fand man an der Karlstraße 4 eine neue Verwendung. Bis ein neuer Standort gefunden war, ließ die Alpha Gruppe ihn in einer Halle bei den Grundig-Türmen einlagern.

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Alpha Gruppe-Geschäftsführer Gerd Schmelzer unterstützte diesen Plan. Schließlich hatte er als Eigentümer der Immobilie Hauptmarkt 9 bereits 2001 einen Erker aufsetzen lassen, der beim Abbruch des Gasthauses "Seerose" am Dutzendteich übrig geblieben war. Doch bei dem frühbarocken Bauteil von der Karlstraße ging es schief. Auf Nachfrage der Lokalredaktion teilt Josef Daum von der Alpha Gruppe zerknirscht mit: "Wir bedauern sehr, dass durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen der Erker nicht mehr wiederverwendet werden kann."

Nur Fotos blieben übrig

Vor zwei Jahren habe man eine Firma mit der Räumung und Entkernung der Grundig-Halle beauftragt. "Die war mit Geraffel voll, das musste alles raus", sagt der Geschäftsführer. "Unglücklicherweise" habe jenes Unternehmen auch "den Erker entsorgt und leider geschreddert". Übrig blieben lediglich Fotos von 2014, welche die ordnungsgemäße Lagerung belegen. Insgesamt acht Jahre war das denkmalgeschützte Stück dort vor Wind und Wetter geschützt untergebracht. Im Lauf der Zeit sei das historische Bauteil aus dem "unmittelbaren Fokus" gerückt, so Daum. Konkret: Man hat es einfach vergessen.

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"Die Zerstörung ist in der Tat sehr ärgerlich", meint Nikolaus Bencker von der Unteren Denkmalschutzbehörde. Bei dem Dachaufsatz habe es sich um ein äußerst seltenes Exemplar gehandelt. Die meisten vergleichbaren Erker sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Lediglich in Ludwigstraße ist ihm noch ein Erker aus jener Epoche bekannt. Ob das Versäumnis Konsequenzen hat, ist noch unklar. Bencker will den Vorgang intern besprechen. Doch er glaubt nicht, dass ein Bußgeld verhängt wird: "Man muss die Umstände berücksichtigen. Schließlich war es weder absichtlich, willkürlich oder grob fahrlässig, sondern ein Versehen. Das ist sehr bedauerlich und traurig", meint der Denkmalschützer. Aber Vorsatz könne man nicht unterstellen. Er betont jedoch, dass das Denkmalschutzgesetz keineswegs ein zahnloser Tiger ist.

Bußgelder wegen Verstößen gegen die Bestimmungen gebe es immer wieder. Die höchste Strafzahlung in Nürnberg betrug 64.000 Euro, als die Ausstattung einer denkmalgeschützten Villa völlig zerstört worden war.

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