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Nürnberg hört jetzt ins All: Neues Radioteleskop eingeweiht

Von der Sternwarte aus machen Forscher jetzt Jagd auf Wellen aus dem All - 29.04.2019 17:16 Uhr

Zur offiziellen Übergabe reiste sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an. © Stefan Hippel


Es regnet bei der Einweihung. Rund 50 Gäste drängen sich unter ihren Schirmen im Garten der Regiomontanus-Sternwarte am Rechenberg im Stadtteil St. Jobst. Genau für dieses Wetter ist die neue Attraktion gemacht, wegen der sie alle gekommen sind.

Nach fünf Jahren Planung geht das Radioteleskop in Betrieb. Die Nürnberger Astronomische Gesellschaft (NAG) übergibt es nach dem Aufbau nun offiziell an die Stadt Nürnberg, der die Sternwarte gehört. Die Zukunftsstiftung der Sparkasse hat die Kosten von knapp 30.000 Euro übernommen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) drückt den Startknopf. Dann richtet sich der drei Meter große Antennenspiegel gen Himmel aus.

Schon mit seinem Weltraumprogramm griff Söder nach den Sternen. © Stefan Hippel


"Das Wetter heute ist die perfekte Rechtfertigung, warum wir ein Radioteleskop brauchen", sagt NAG-Präsident Dieter Hölzl beim Festakt. Zahlreiche Besucher kommen jedes Jahr zu den mehr als 150 Veranstaltungen auf der Sternwarte. Sie wollen Sterne, Planeten und Galaxien beobachten. Aber wenn es bewölkt ist, sahen sie bislang nichts durch die herkömmlichen Teleskope. "Radiowellen durchdringen die Wolken", erklärt Hölzl.

Neues Teleskop kann Wellen aus dem All empfangen

Denn der Mensch ist erstaunlich blind. Seine Augen erkennen zwar die Farben des Regenbogens – Violett, Blau, Grün, Gelb, Orange und Rot – aber mehr nicht. UV-Strahlung, die eine kleinere Wellenlänge hat als das sichtbare Licht, zeigt sich erst durch einen Sonnenbrand. Mikrowellen, mit größerer Wellenlänge, machen das Essen warm. Radiowellen sind noch größer – rund einen Zentimeter bis einen Kilometer lang. Mit ihrer Hilfe können Musik und Fernsehbilder kabellos übertragen werden. Aber auch Blitze bei Gewitter senden Radiowellen aus, Sterne, wenn sie explodieren, und ganze Galaxien.

Mit dem neuen Radioteleskop können die Astronomen diese Wellen empfangen, verstärken und am Computer sichtbar machen. Sie können Satelliten verfolgen, die Drehung der Milchstraße messen, die Aktivität der Sonne und vieles mehr. Auch Wissenschaftler, Schüler und Studenten dürfen das Instrument benutzen. Dafür müssen sie nicht einmal zum Rechenberg fahren, sondern melden sich auf einer Online-Plattform an und steuern das Teleskop per Fernbedienung.

Schon beim Aufbau der Anlage haben Studenten der Technischen Hochschule in Nürnberg mitgeholfen. Sie haben Bauteile ausgewählt und aufeinander abgestimmt und untersucht, wie sie Störungen aus der Umgebung der Sternwarte von den Signalen aus dem All herausrechnen können. Auch die "Fernbedienung“ hat ein Student entwickelt.

Signale, die Millionen Lichtjahre entfernt liegen

"Wir werden die Anlage in vielen Vorlesungen und Seminaren sowie bei Projekt- und Abschlussarbeiten einsetzen“, sagt Walter Müller, Chef der Fakultät für Angewandte Mathematik, Physik und Allgemeinwissenschaften an der Hochschule. "Das Radioteleskop ist ein Paradebeispiel dafür wie sich Signale empfangen lassen, die Millionen Lichtjahre entfernt sind.“

Die Nürnberger Astronomische Gesellschaft hat das Radioteleskop auf den Namen Arno Penzias getauft, der am Termin der Einweihung, dem 26. April, seinen 86. Geburtstag gefeiert hat. Penzias, geboren 1933 in München, bekam 1978 den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung. Der Sohn jüdisch-deutscher Eltern konnte 1939 mit einem Kindertransport aus Deutschland nach England fliehen und forschte später in den USA. "Wir ehren damit seine wissenschaftliche Arbeit", sagt Hölzl. "Aber es ist auch ein Stück deutscher Erinnerungskultur.“ Penzias bedankte sich per E-Mail: Er fühle sich sehr geehrt und wünsche allen, die mit dem Teleskop arbeiten werden, wertvolle Erkenntnisse.

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