Nürnberg nach dem Krieg: Bilder der Fotopionierin Gerardi

22.5.2020, 15:57 Uhr
Um 1950 in der Nürnberger Königstraße: Gertrud Gerardi hat gerade einen Umzug fotografiert. Vom Dach des Opels aus bot sich ein guter Überblick und freie Sicht auf die Ruinen der Sebalder Altstadt. Ihr maßgeschneiderter Hosenanzug, der zum Markenzeichen der Fotografin wurde, war bei ihren Klettertouren unverzichtbar, jedoch nicht überall gerne gesehen in einer Zeit, als Frauen noch Röcke zu tragen hatten!
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© Stadtarchiv Nürnberg, Sign. A68 22

1950 gelang es ihr, eine improvisiert wirkende Modenschau auf dem Hauptmarkt als kleine Flucht aus dem noch sehr beschwerlichen Alltag der Frauen in der Trümmerzeit punktgenau einzufangen.  Auf mondäneren Laufstegen brachte ihr der eigene Hosen-Look manchmal Ärger ein. Sie erinnerte sich in einem Gespräch für das Nürnberger Frauengeschichtsbuch 1999: „Was ich gelitten habe, dass ich Hosen trug. Das war doch völlig verpönt. Wenn da Modeschauen waren, wollten sie mich nicht mit Hosen haben.“  (aus einem Interview mit Gaby Franger)
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© Gertrud Gerardi

Überhaupt: die Trümmerjahre. Pressefotografen wie Gertrud Gerardi sind fast immer termingetrieben unterwegs. Nicht jeder Ort, nicht jedes Ereignis, zu dem sie von ihrer Zeitung geschickt werden, bietet Potential zur Schaffung einer Bild-Ikone. Zerstörung und Wiederaufbau boten Gerardi und ihren Berufskollegen aber viele, vor allem aus heutiger Sicht, einmalige (Durch-)Blicke. Hier hielt sie 1955, vom Trümmerhaufen des Pellerhauses herab, das Nebeneinander von Ruinen, Abtragung und Neuaufbau auf dem Egidienplatz fest.
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© Gertrud Gerardi

WOW! 1953 in der nächtlichen Königstraße leuchtet hinter dem einsamen Betrachter und dem VW-Käfer die aus Ruinen wiedererstandene Mauthalle hell auf in der zur Ruhe gekommenen Stadt. Gertrud Gerardi ist ehemaligen Kollegen als energisch, optimistisch und zukunftsgewandt in Erinnerung. Auch deshalb sei sie zur „Kronzeugin des Wiederaufbaus“ geworden, schwärmte Wolfgang Buhl in seinem Nachruf 2002.
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© Gertrud Gerardi

Mit dem Verschwinden der Ruinengrundstücke gewann auch das gesellschaftliche Leben in Nürnberg wieder an Schwung und Eleganz. Gerardi, die selbst immer auf gepflegtes und modisches Aussehen Wert legte, mag besonderen Gefallen an dieser Inszenierung der „Bar-Königinnen“ 1959 im Kabarett Wintergarten gefunden haben. Dort konnte man einen Flirt noch per Tischtelefon anbandeln, die Zigarette aber wirkt bereits wie ein selbstverständliche Accessoires der weiblichen Nachtschwärmer.
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© Gertrud Gerardi

Gestern noch mondäne Mode, heute Wäsche im Witschellager! - In der Barackenwohnanlage in der Nürnberg Witschelstraße, die Gertrud Gerardi 1957 mit ihrer Kamera festhielt, „hockt das Elend“, schrieben damals die NN. Während die Bildjournalistin eine Aufnahme nach der anderen machte, ließen sich die Frauen überhaupt nicht stören in ihrem Alltag. Gerardi gelang es immer wieder, den Leuten die Scheu vor der damals vielfach noch ungewohnten Kamera zu nehmen und sich ungezwungen und natürlich zu geben.
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© Gertrud Gerardi

1957, Nürnberg, Weißer Turm. Lassen wir einfach den Original-Bildtext in den NN für sich sprechen: „Durch das Tor am Weißen Turm flutet golden das Sonnenlicht des Herbstes, von der Kamera eingefangen: ein bisschen Klein-Paris, ein Stückchen Alltag und darüber jene melancholische Stimmung gebreitet, die dem Herbst so eigen ist. Letzte wärmende Sonnenstrahlen - das promenierende Liebespärchen genießt sie, sogar der Schutzmann verharrt einen Augenblick auf seinem dienstlichen Gang durch die Stadt. Ja, man braucht nur hinschauen in sein Nürnberg - es ist schon schön!“  (aus einem Interview mit Gaby Franger)
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© Gertrud Gerardi

Durch ihre permanente Präsenz wurde die Fotografin bald zur stadtbekannten Persönlichkeit. Bei den Stadtratssitzungen - hier ein Bild aus dem Jahr1964 - repräsentierte „der blonde Blitz“ die „Nürnberger Nachrichten“. Gerardis Anfang in der Noris war jedoch schwer: „Was glauben Sie, als ich nach Nürnberg kam, der Stadtrat und so, meinen Sie, die hätten mich als Frau haben wollen? Überall wurden Sie zuerst als Frau nicht gern gesehen.“ (aus einem Interview mit Gaby Franger)
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© Gertrud Gerardi

Bis auf den Sport scheute sie keine Termine, auch wenn Produktionsfotos in einer Fabrik - wie hier bei MAN 1963 - nach eigener Aussage eine Herausforderung sein konnten: „Die grinsen doch alle, wenn sie als Frau kommen. Ich ging dann zu den Arbeitern hin: `Sagen Sie mal, ich soll hier Fotos machen, können Sie mir mal erklären, wie hier produziert wird?` Sie müssen sich immer einfühlen können in die Leute, müssen Kontakt zu ihnen haben. Sie können nicht großkotzig ankommen. Sie müssen sich gegenüber allen Leuten durchsetzen.
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© Gertrud Gerardi

Sich in einer Männerwelt durchsetzen, das gelang Gerardi, aber nicht weil sie mit Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Roland Buschmann, verheiratet war und eigentlich Buschmann-Gerardi hieß. Nein, sie lieferte! Darunter waren „Hingucker“ wie dieses Bild vom Sommerschlussverkauf 1956. Dazu noch einmal Gerardi selbst: „In der NN war ich Leiterin der Stelle, die anderen waren Männer, auch bei der Stadt. Aber ich konnte ihnen das Fotografieren vormachen, ich habe sie nicht vorgeschickt, sondern habe es selbst gemacht. Ich kam ja mit Erfahrung her.“  (aus einem Interview mit Gaby Franger)
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© Gertrud Gerardi

Die selbstbewusste Fotografin wusste genau, wo ihre Stärken lagen. 1996 sagte sie in einem Gespräch mit der
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Unterwegssein - Sehen - Erkennen - Draufhalten.  Auch das macht den optischen Menschen und die gute Fotografin aus! Dieses Gerardi-Bild zeigt einen Metzger, der mal eben mit einer Schweinehäfte aus seinem Geschäft mitten in der Nürnberger Innenstadt tritt und das „Suggerla“ zum Auto der Kundschaft trägt, die demnächst daraus daheim ihre Hausmacherwurst zubereiten würde. Die letzten Reste der Hausschlachter-Tradition sollten bald schon zugunsten von Tiefkühl-Koteletts verschwunden sein.
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© Gertrud Gerardi

Nachdem die kleine Gertrud 1917 eine alte Kamera auf dem heimischen Dachboden gefunden hatte, erlaubte Ihre Mutter, die Malerin Anna Gerardi, die Einrichtung einer Dunkelkammer. Nur der Vater blieb skeptisch, als sie ihren Traum weiterverfolgte und sich 1933 bis 1935 an der „Bayerischen Staatsanstalt für Lichtbildwesen“ zur Fotografin ausbilden ließ. Den eigenen Weg konsequent weiterzugehen, hatte sich aber gelohnt, wie die beiden extremen Untersichten zeigen. Links 1957 ein Brückenbauer über die Rednitz bei Katzwang. Rechts 1966 eine Wäscheleine in der Hochhaussiedlung Neuselsbrunn.
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© Gertrud Gerardi

Fast schon berühmt wurde Gerardi dagegen wegen der teils extremen Draufsichten. Ihre männlichen Kollegen in der Redaktion stöhnten unter der regelmäßigen Anweisung der resoluten Bildjournalistin, ihr die Leiter etwa auf den Turm der Lorenzkirche zu schleppen. - Mit welcher Aufstiegshilfe sie 1967 bei der Inventur im Nürnberger Tiergarten die Höhe des Giraffen-Käfigs getoppt hat, ist nicht bekannt, aber schwindelfrei musste man in ihrem Beruf unbedingt sein.
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© Gertrud Gerardi

Ob in Gerardis Werken ein dezidiert weiblicher Blick zum Ausdruck kommt? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Dennoch sollen diese Bildkombo und ein weiteres Zitat dafürstehen, dass sie sich ihrer Rolle als Frau in einem damals noch weitgehend Männern vorbehaltenen Beruf und der Bedeutung der Frauenbewegung durchaus bewusst war. 1999 resümierte sie vielleicht etwas zu begeistert: „Wir haben so sehr viel verschiedene Entwicklungen durchgemacht, mussten uns immer wieder durchsetzen. Das war ein phänomenales Jahrhundert.“  (aus einem Interview mit Gaby Franger)
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© Gertrud Gerardi

Wiederaufbau, Wohnungs- und Gewerbebau gingen in Nürnberg Hand in Hand. Gerardi dokumentierte alles und erhielt v.a. für ihre Bilder zum Wiederaufbau 1975 die Bürgermedaille der Stadt. Aktuelles so einfangen, dass es morgen als Geschichtsdokument taugt, das gelang der Fotografin auch mit diesem Ackergaul vor dem Industriegelände in der Kilianstraße. Zwischen Kleinreuth und Großreuth begegneten sich 1964 Tradition und Moderne.
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© Gertrud Gerardi

„Normale Menschen“ waren Gerardis Alltag, prominente Nürnberg-Besucher vielleicht ihr Festtag. Während ihrer Zeit bei den
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© Gertrud Gerardi

Ende der 1960er: Die Kleider der Frauen waren kürzer und Bein-zeigen nicht mehr verpönt. Beim Kurs für den Modetanz Slop war Gerardi noch mal für die NN unterwegs, dann wechselte sie zum Hochbauamt der Stadt. Dort brachte sie „Licht in die kommunale Dunkelkammer“, so Kollege Buhl nach ihrem Tod. Für die Stadt gab sie die ersten Bildbände mit historischen Fotos in der Reihe „Nürnberger Erinnerungen“ heraus. Im Dürer-Jubiläumsjahr 1971 gingen ihre Bilder vom Christkindlesmark und den Feierlichkeiten in alle Welt.
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© Gertrud Gerardi

Den Nachlass von Gertrud Gerardi, zu dem auch diese knackige, gut gewählte Perspektive von 1967 aus dem Nürnberger Stadionbad gehört, teilen sich heute das NN-Bildarchiv und das Stadtarchiv. Ihre Bilder für die Zeitung und die Kommune machten sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit in der fränkischen Medienlandschaft. Aber auch vielen längst verschwundenen idyllischen Dorfansichten zwischen Fränkischer Schweiz und Altmühltal setzte sie in ihrem 1960 im Verlag Nürnberger Presse erschienenen Buch „Bilder aus Franken
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© Gertrud Gerardi

2002 starb Gertrud Gerardi, die neben Lala Aufsberg die bedeutendste Nürnberger Fotografin der Nachkriegsjahrzehnte war. Das Bild von 1964, das sie in der Lorenzkirche Auge in Auge mit dem Engelsgruß von Veit stoß zeigt, symbolisiert noch einmal die Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, mit der sie ihren Beruf ausgeübt hat. Oder in ihren eigenen Worten, 1996 in der NZ: „Ich kenne hier jeden Stein und jedes Haus, daher liebe ich diese Stadt und die Nürnberger so sehr.“
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© Verlag Nürnberger Presse/Bildarchiv der NN