Nürnberg vor 70 Jahren: "Überall heulte das Feuer"

30.12.2014, 06:00 Uhr
Der Egidienplatz mit Blick Richtung Süden nach Kriegsende 1945: eine einzige Ruinenlandschaft.

Der Egidienplatz mit Blick Richtung Süden nach Kriegsende 1945: eine einzige Ruinenlandschaft. © Repro: Hagen Gerullis/Foto: Roland Fengler

Ingeborg Wagner wäre für ihr Leben gern Pianistin geworden. Als sie 14 war und mit Nachnamen noch Schrank hieß, beherrschte sie einiges von Schubert, Brahms, Strauss. Sie liebte ihren schwarzen Flügel. Er war ein Geschenk der jüdischen Frau Kommerzienrat aus der Blumenstraße, die Jahre zuvor in die USA emigriert war. Mit Ingeborgs Vater, einem Spediteur, hatte sie ihren Hausrat abgewickelt.

Ingeborg Schrank war fast 15 Jahre alt, als beim Großangriff vom 2. Januar eine Bombe die Fassade des Hauses, in dem sie mit ihrer Familie lebte, abriss. Es war das Kobergerhaus, benannt nach dem Verleger, der hier am Egidienplatz um das Jahr 1500 seine Druckerei hatte. Jetzt konnte man von der Straße in alle Zimmer schauen. Der Vater kletterte am nächsten Tag hinauf in die Wohnung. Alles war verbrannt. Im Flügel sah er noch die Saiten glimmen.

Ingeborg Wagner kann den Schrecken des Kriegs nie mehr vergessen.

Ingeborg Wagner kann den Schrecken des Kriegs nie mehr vergessen.

„Ich habe geheult wie ein Schlosshund“, sagt Ingeborg Wagner heute. Gleich nach der Katastrophe war sie mit ihrer Mutter aufs Land zu den Großeltern bei Hersbruck geflohen. An Klavierspiel war dort nicht mehr zu denken. Stattdessen: Kühe melken. Schule nachholen. Ein neues Leben improvisieren.

Nicht nur der Besitz, auch Nachbarschaften waren in einer Nacht verloren gegangen. Irgendwie ging es. „Mein Vater hat mir Lebensmut vererbt. Ich bin auch als Kriegskind ein vollwertiger Mensch geworden.“ Die schlimmeren Verluste ihres Lebens habe sie erst später als Erwachsene erfahren.

2. Januar 1945. Wie viele Haushalte beendet die vierköpfige Familie Schrank gerade das Abendessen. Fliegeralarm. Jeder ist die Abläufe gewohnt. Am Himmel leuchten Scheinwerfer auf. Der Sington der Bomber schwillt an. Es müssen viele sein. Die Mutter nimmt das Notköfferchen, alle hasten in den Nachbarkeller.

Ingeborg Wagner beschreibt ihre Todesangst eindrücklich. „Es rieselte und knirschte in den Backsteinen. Wir haben uns aneinander festgehalten. Ein Einbeiniger sagte, er wäre jetzt lieber im Schützengraben von 1914.“ Ein Volltreffer schlägt ein. „Die Druckwelle und die Explosion nehmen dir den Atem, Hören und Sehen.“

"Wir hatten es verdient"

Schon bei einem früheren Angriff beim Plärrer wäre die Schülerin im Splittergraben fast vor Angst gestorben. Andere Treffer zerstörten eine Werkstatt des Vaters in der Südstadt. Wer diese Bomben erlebt habe, müsse den Krieg hassen, sagt die heute 84-Jährige. Man hasse dann nicht eine bestimmte Kriegspartei. Sondern die Menschheit, dafür, dass sie sich selbst die Hölle auf Erden bereitet. Die Briten radierten die Altstadt aus, aber: „Sie haben nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Wir haben den Krieg begonnen. Wir hatten es verdient.“ Junge Generationen wüssten davon nichts mehr. „Sonst würden manche nicht so leichtfertig nach Waffen schreien.“

Die Kellertür klemmt. Wären sie verschüttet gewesen – „wir wären alle gekocht worden“, sagt Wagner, das habe man später an den verbliebenen Gemüsekonserven gesehen. Doch die Schranks und die Nachbarn gelangen ins Freie, hängen sich die Luftschutzdecken um und suchen Schutz. Nur wo? Vermutlich dauerte der Weg aus der Innenstadt Stunden, meint Wagner. „Es war kein Laufen, sondern ein Klettern. Es heulte wie Sturm, aber es war Feuer. Die alten Häuser brannten wie Zunder. Von links und rechts schossen die Flammen raus.“

"Diese Nacht hat einen Riss gemacht"

Sie weiß noch, dass sie beige-karierte Hausschläppchen trägt. Eine Frau mit Kinderwagen schließt sich ihnen an. Am Rathenau-, damals Feldmarschall-Hindenburg-Platz, liegen Leichen, denen Gliedmaßen fehlen. Irgendwann am 3. Januar bekommen sie einen Zug aus der Stadt.

Präzise haben sich die Erinnerungen erhalten. Weil sie so schlimm sind. „Diese Nacht hat einen Riss gemacht“, sagt Ingeborg Wagner. „Eine Wunde, die noch schmerzt, wenn man sie drückt.“ Den Egidienberg kann sie heute trotzdem gelassen ansehen. Sie sieht sich noch Rollschuh fahren ums Kaiserdenkmal. In St. Egidien wurde sie konfirmiert. Auch am Konfirmationssonntag gab es einen Luftangriff.

Ein Mädchen aus ihrer Gruppe fällt ihr ein, es starb dabei. Aber der Hof des Pellerhauses, das sie als Kind vor dem Fenster sehen konnte, wird jetzt wieder aufgebaut. Das gefällt ihr.

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