Nürnberg: Wer hat »Joana« erstochen?

21.4.2010, 00:00 Uhr
Die Prostituierte Gabriela N. wurde am 11.7.1992 erstochen.

Die Prostituierte Gabriela N. wurde am 11.7.1992 erstochen. © Stefan Hippel

Unter dem Pseudonym »Joana« bot Gabriela N. ihre Dienste an. Ihre Freier empfing die 23-Jährige in einem Appartement in der Forsthofstraße in Lichtenhof. Zwei Jahre lang ging sie unauffällig anschaffen. Am 11. Juli 1992 öffnete sie ihrem Mörder die Tür.

Blutiges Messer

Ihr Freund, ein von Drogensucht und Krankheit gezeichneter Mann, der in derselben Wohnung seine Rauschgiftgeschäfte abgewickelt haben soll, saß im Nebenraum vor dem Fernseher. Als er Gabriela Ns. Hilferufe hörte, rannte er in den Korridor, so die damalige Darstellung der Polizei. In diesem Augenblick stürzte ein Mann aus dem Schlafzimmer der Prostituierten. Er hielt ein blutiges, beidseitig geschliffenes Messer in der Hand. Der damals 35-jährige Freund warf sich auf den Täter und wurde durch mehrere Messerstiche verletzt.

Die Prostituierte flüchtete schreiend und blutüberströmt über die Terrasse nach draußen. Sie schleppte sich bis in die Andreasstraße. Dort brach sie zusammen, sie verblutete. Das Messer hatte die Halsschlagader verletzt. Die Polizei rekonstruierte später den Tatablauf. Der erste Stich muss Gabriela N. völlig überraschend getroffen haben.

Alte Fälle neu aufgerollt

Diese Tat und andere Tötungsdelikte, die zwischen 1949 und dem Jahr 2003 verübt und nie geklärt wurden, werden nun von einer neuen Mordkommission aufgerollt. »Die Akten waren nie geschlossen«, sagt Dezernatsleiter Thilo Bachmann.

Wie tief sich die Ermittler tatsächlich in die Akten der Altfälle, in die »cold cases« (»kalte Fälle«), eingraben konnten, »war bislang abhängig vom Tagesgeschäft«. Davon, ob alle Ermittler auf aktuelle Verbrechen angesetzt waren. Jetzt sollen sie kontinuierlich an den ungelösten Fällen dranbleiben.

Verstaubte Akten

Das bedeutet erst einmal Aktenstudium: Vernehmungsprotokolle, Zeugenaussagen, Berichte der Spurensicherung. Wichtige Beweisstücke, die in den Asservatenkammern von Polizei, Justiz oder Rechtsmedizin verstauben, müssen wieder ausgegraben werden. »Man muss sie erst einmal wieder suchen«, fährt Bachmann fort.

Alte Spuren werden mit neuer Kriminaltechnik untersucht. Die hat eine Revolution hinter sich. Wurden vor mehreren Jahren Tatorte noch mit dem Maßband vermessen, können sie heute digital und dreidimensional dargestellt werden. Gar nicht erst zu reden von den Möglichkeiten der Spurenauswertung.

Die DNA-Analyse und die Chance, Täter mit Hilfe ihres genetischen Fingerabdrucks zu identifizieren, eröffnete den Kriminalern schlagartig ganz neue Möglichkeiten.

Mord an einer Prostituierten

Auch im Fall der getöteten Prostituierten Gabriela N. sicherte die Kripo damals Material, aus dem DNA gewonnen werden konnte. Auch im zweiten Fall, der aktuell aufgerollt wird, im Mordversuch an einer 34 Jahre alten Prostituierten, die unter dem Namen »Mona Lisa« anschaffen ging, wurde DNA sichergestellt. Ein Freier hatte 1995 versucht, die Frau mit einem Kabel zu erwürgen. Sie befreite sich und riss ihm ein Büschel Haare aus. Doch bislang hat die Kripo diese Spur nicht weitergebracht. Der genetische Fingerabdruck kann nicht zugeordnet werden.

Die DNA ist keine Erfolgsgarantie. Es gehe auch darum, neue Tathypothesen zu bilden, fährt Bachmann fort. Und darum, Verdächtige, die bei den früheren Ermittlungen nicht überführt werden konnten, noch einmal ins Visier zu nehmen.

Fünf getötete Babys

44 Fälle schlummern ungelöst im Polizeiarchiv. Der Älteste geht bis ins Jahr 1949 zurück. Damals, am 22. Februar, erschoss ein Unbekannter in einem Uhrengeschäft in der Königstraße zwei Frauen und flüchtete. Acht ungelöste Raubmorde, neun Prostituiertenmorde und die Fälle fünf getöteter Babys, deren Schicksal nie geklärt werden konnte, liegen bei den Akten. Dazu kommt eine Reihe von Verbrechen, die sich keiner Kategorie zuordnen lassen. Sie sollen alle nach und nach hervorgeholt werden.

Zusätzliche Stellen hat das Kommissariat bisher höchstens indirekt bekommen - die Kriminaler, die sich bislang um die Döner- oder Bosporus-Mordserie kümmerten, wurden in die neue, in die dritte Mordkommission integriert. Sie bearbeiten Altfälle und sind parallel in die Ermittlungen in der Bosporus-Serie eingebunden. Hier gibt es nach wie vor keine heiße Spur.

Im Fall der getöteten Prostituierten Gabriela N. hat die Polizei vielversprechende Spuren: neben der DNA auch ein Phantombild des Täters. Eine Zeugin hatte einen Mann beschrieben, der blutverschmiert aus dem Haus in der Forsthofstraße gekommen war. Doch die Mordkommission konnte den Spuren bislang keinen Namen zuordnen. Gabriela Ns. Mörder kam davon. Bis heute.