Protest gegen Bebauung

Nürnberg: Widerstand gegen "Wohnburgen" und "Monsterschule"

16.9.2021, 17:36 Uhr
Die Bürger informierten sich bei einem Spaziergang über die geplanten Bauprojekte. 

Die Bürger informierten sich bei einem Spaziergang über die geplanten Bauprojekte.  © Roland Fengler, ARC

Sebastian Brehm, CSU-Bundestagsabgeordneter, war schon da, Sebastian Körber (FDP) und Gabi Schmidt (Freie Wähler) aus dem Landtag ebenfalls. An diesem Freitag schaut nun Tessa Ganserer vorbei, die als Grünen-Kandididatin Brehm das Bundestags-Direktmandat in Nürnberg-Nord abjagen will. Über fehlendes Interesse kann sich Jürgen Brand, der die Proteste gegen die geplanten Bauvorhaben in Thon organisiert, momentan nicht beklagen.
Im Zentrum des Streits: eine vierstöckige Grundschule für 500 Kinder, die an der Forchheimer Straße entstehen soll, und die Wohnbebauung mit bis zu sieben Geschossen für 3320 Einwohner entlang des Wetzendorfer Landgrabens, die als Neu-Wetzendorf firmiert.

"Wir sind zu brav"

Rückblende: Ein warmer Sommerabend Ende Juli. Brand, Anwohner an der Forchheimer Straße, und Dirk Richter vom Bund Naturschutz haben zu einem "Protestspaziergang" durch das geplante Bebauungsgebiet geladen. Sie freuen sich über den immensen Zuspruch, 240 Bürger sind gekommen. "Wir sind zu brav", ruft Brand ihnen zu, man müsse frecher und lautstärker werden. Weder die Wohnbebauung noch die Schule passten ins Umfeld, zudem sei angesichts eher schrumpfender Bevölkerungszahlen (Brand beruft sich unter anderem auf das Landesamt für Statistik und das Helmholtz-Zentrum) der Bedarf gar nicht da. Der Anwohner hat eine Petition gegen die "Monsterschule" gestartet, wie er sie nennt.

Plädoyer für kleinere Schule

Manche Besucher des Spaziergangs sind aber auch skeptisch, wollen ungern gegen eine Schule unterschreiben. "Wo sollen die Kinder herkommen?", hält Brand ihnen entgehen. Zudem solle ein Teil des Baus in einem Überschwemmungsgebiet entstehen, was er angesichts jüngster Starkregenereignisse für hochproblematisch hält. Aber er lehnt das Projekt auch nicht völlig ab, ihm geht es um die Größenordnung. Ein zweistöckiger Bau für 200 Kinder wäre in Ordnung, findet der 54-Jährige. Über 500 Bürger haben sich laut Brand der Petition bislang angeschlossen.


Naturschützer Richter wiederum bangt um Fauna und Flora, die durch die "Wohnburgen" (so Brand) gefährdet seien. In den Büschen und Feldern lebten Rebhühner, Feldhasen und diverse Fledermausarten, berichtet Richter an jenem Sommerabend. Die Initiative Knoblauchsland meldet sich ebenfalls zu Wort, zieht mit Brand und Richter an einem Strang. Auf ihrer Homepage spricht sie sich gegen Neu-Wetzendorf und auch das Baugebiet Schnepfenreuth-Süd-West aus, wo an der Schleswiger Straße noch einmal 530 Wohneinheiten für 1080 Einwohner entstehen sollen. Seitens der zuständigen Bürgervereine vermisst Brand indes die aus seiner Sicht nötige Unterstützung.
Was die Parteien angeht, so waren beim Protestspaziergang nur die Freien Wähler mit Bundestagskandidat Thomas Estrada vertreten. Inzwischen scheint das politische Interesse größer geworden zu sein, wie die eingangs erwähnten Besuche zeigen.

Steigender Wohnraumbedarf

An der Haltung der Stadtspitze ändert dies aber bislang nichts: Baureferent Daniel Ulrich (parteilos) hält das demografische Argument der Anwohner und der Initiative Knoblauchsland für nicht stichhaltig. Zum einen gingen Berechnungen des Nürnberger Statistikamtes durchaus von "moderat steigenden" Einwohnerzahlen für Nürnberg aus; zum anderen sei der entscheidende Parameter nicht nur die Zahl der Einwohner, sondern der Wohnraumbedarf pro Kopf – und der werde gerade in den städtischen Außenbezirken ebenfalls größer. "Der Tod erzeugt Singles", sagt Ulrich. Gerade Rentnerinnen lebten nach dem Wegzug ihrer Kinder und dem Tod ihres Mannes oft alleine in einem 140-Quadratmeter-Haus, das sie einst zu viert bewohnt hätten.


Zudem dürfe man nicht vergessen, dass ein Viertel der Nürnberger nach geeigneten Wohnungen sucht, viele lebten prekär. Deswegen benötige man die Neubauten, die ab 2024 entstehen sollen, dringend. So sieht es auch SPD-Stadtratsfraktionschef Thorsten Brehm, der an den Stadtratsbeschlüssen zum Bau der Wohnviertel nicht rütteln will. "Aber wir müssen Überzeugungsarbeit leisten." Brand wiederum würde lieber in Bestandsbauten investieren, statt neu zu bauen und Flächen zu versiegeln.

Referentin hält Schule für notwendig

Was die Schule angeht, so widerspricht Schulreferentin Cornelia Trinkl (CSU) ebenfalls den Aktivisten vor Ort. Der Bedarf sei gegeben. Die Schule soll 2024/25 an den Start gehen und werde schon dann benötigt, sagt die berufsmäßige Stadträtin. Die Stadt rechnet demnach für den Norden weiter mit einem "Mangel an Klassenräumen" und mit immerhin 420 Kindern, die bereits im ersten Jahr nach Inbetriebnahme die neue Schule besuchen werden.

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