Nürnberger Disco schlägt Alarm: "In vier Wochen ist das Geld weg"

18.3.2021, 05:55 Uhr
Eine Nische für Wave, Gothic und Fetisch ist

Eine Nische für Wave, Gothic und Fetisch ist "Der Cult" an der Stadtgrenze zu Fürth. Doch seit Monaten sind die Türen zu - und die Perspektiven düster. © Foto: Katharina Wasmeier

Rick Ziegler ist müde, sehr müde. Die halbe Nacht wachgelegen, sagt er, keinen Schlaf gefunden vor lauter Grübeln, und es wird immer schlimmer. Die Sorgen, sagt er, kommen immer näher. Rick Ziegler betreibt die Diskothek "Der Cult". Die befindet sich seit März 2020 im Dornröschenschlaf - wie alle ihre Artgenossen. Und wie wahrscheinlich bei den meisten klingt durch die Räume statt Musik, Lachen, Lebensfreude nurmehr eins: die Verzweiflung völliger Perspektivlosigkeit.

"Ich bin ein Vollblutnachtmensch", sagt Rick Ziegler, und damit meint der heute 55-Jährige nicht nur, dass er seit jeher gern selbst um die Häuser zieht, sondern dass er lebt für sein "Cult". "Mein Lebenswerk", sagt er.

Anfang der 1990er öffneten sich an der Stadtgrenze erstmals die Türen eines neuen Tanzlokals, aus der Rockkneipe Roads’ End wurde ein Laden mit Dub und Wave und Gothic, der 1996 den Namen "Der Cult" bekam und 2007 in einer alten Backsteinfabrik eine neue Heimat im Niemandsland zwischen A73, Kläranlage und Pegnitz, die perfekte Lage.

Der Laden, sagt Ziegler, der das Cult gemeinsam mit Partnerin Verena Gawlinski betreibt, lief von Jahr zu Jahr besser, auf rund 400 Quadratmetern Fläche innen und außen Platz für gut 450 Gäste, für Hochzeiten und Firmenevents, vor allem aber für die Feiern, für die Menschen aus ganz Deutschland anreisen: Wave, Gothic, Fetisch sind die Stile, mit denen sich das "Cult" einen überregionalen Ruf erarbeitet hat.

"Wir sind ein Wohnzimmer"

Das liegt, freilich, zum einen an Musik und Zubehör. Zum anderen, da ist sich Rick Ziegler sicher, daran, dass hier eine außergewöhnliche Kultur des Willkommenseins und Miteinanders gepflegt wird, dass der Chef persönlich begrüßt und Stammgäste nicht zu Besuch, sondern "heimkommen", dass "Papa Rick" ein offenes Ohr hat für Sorgen und hilft, wo er kann. "Wir sind nicht einfach eine Disko", sagt er. "Wir sind ein Wohnzimmer, eine erweiterte Familie."

Der Lockdown? Eine Katastrophe - finanziell wie menschlich. Blauäugig an die Sache rangegangen sei er, sagt Ziegler, geglaubt habe er, was die Bundespolitik ihm sagte: "In zwei, drei Monaten ist alles vorbei. Wir helfen euch." Das wird schon, dachten sie. Davon ist nichts mehr übrig. Keine Hoffnung, keine Perspektive, vor allem: kein Geld. Acht Festangestellte gilt es zu versorgen, Fixkosten zu bedienen, im Monat knapp 5000 Euro. 85.000 Euro Verlust hat das "Cult" gemacht, überlebt nur, weil das Ersparte aufgebraucht, ein Kredit genommen wurde, ein bisschen Überbrückungshilfe - und weil die Gäste spenden: 30.000 Euro bisher, das rührt den alten Haudegen.

"Wir wären schon lange tot, wenn es unser Publikum nicht gäbe", sagt er. Und dass jene Gäste spenden, die selbst nichts haben. Aber kann es das sein? Das Hygienekonzept, sagt Rick Ziegler und zeigt in einen Raum, der gerade noch die alten Tanznächte unterm Gewand aus Bar und Gastro erkennen lässt, hat "nicht nur sehr viel Geld gekostet", sondern sei wasserfest: "Die Infektionszahlen gingen hoch, die Gastro wurde zugemacht, die Infektionszahlen gingen weiter hoch - offenbar liegt es nicht an uns!", sagt er und verweist auf volle Büros, U-Bahnen, Supermärkte.

Oft, sehr oft habe er an die Bundesregierung geschrieben, der Verzweiflung Luft gemacht. Antwort? Nichts. "Niemand redet mit uns, keiner sagt uns was, wir hängen vollkommen in der Luft, sind allen egal." Kein gutes Gefühl.

Dass jetzt Gartencenter öffnen sollen, weil deren "Ware verderblich ist", so Ministerpräsident Söder, ringt Ziegler ein trockenes Lachen ab: "Was ist mit meiner verderblichen Ware?" Was mit den vielen Getränken, dem vielen Bier, das derzeit überall notverkauft und in den Gulli geschüttet wird?

"Mir geht das alles nicht mehr in den Kopf", sagt er. Wenn schon die Bundespolitik sich nicht solidarisch zeigt, ob nicht die Stadtverwaltung nochmal überlegen möchte, ob Gelder für prestigeträchtige, doch gleichwohl kostenintensive Projekte wie Dauerwelle oder Volksbad anderweitig besser aufgehoben wären?


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"Stirbt eine Lebensart aus?"

Noch eine Sorge treibt den 55-Jährigen um: Dass "eine ganze Lebensart ausstirbt" zum einen. Dass zum anderen die zunehmend undurchsichtigen Entscheidungen der Bundesregierung Wähler in die Arme der AfD treibt.

"In vier Wochen ist das Geld weg," sagt Ziegler. Ob 2021 sein Biergartenkonzept wieder öffnen darf, ist unklar. Bei einem "Totalausfall" wie dem derzeitigen hat das "Cult" Anspruch auf 90 Prozent der Fixkosten - "woher bekomme ich die restlichen 10 Prozent? Ab und an habe ich auch mal Hunger!", sagt er.


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Aber zumachen? "Mein Publikum, meine Gäste verlangen von mir, dass ich durchhalte. Mit ihren Spenden tragen sie mich durch die Zeit. Das ist mein letzter Anker."