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Nürnberger Philosoph animiert in Zeiten des Lockdowns zum Nachdenken

Norbert Schürgers: "Philosophie ist Lebenshilfe" - 27.02.2021 19:51 Uhr

Norbert Schürgers ist nicht nur Philosoph, sondern auch ein begeisterter Bergwanderer.

19.02.2021 © privat


Herr Schürgers, Einsamkeit, Freundschaft, Liebe, Alt werden, Tod, die Kunst, richtig zu leben: Sie sprechen viele ernste Themen an, die den Einzelnen beschäftigen. Geht es nicht ein bisschen fröhlicher?

Norbert Schürgers: Durchaus. Philosophieren heißt nicht, ausschließlich tiefsinnige Gespräche zu führen. Schauen Sie sich den griechischen Philosophen Platon an: Bei seinem ,Gastmahl' kam man zusammen, aß und trank gemeinsam, lachte und unterhielt sich - kurz: Die Teilnehmer hatten eine gute Zeit. Das ist auch Philosophie.

Nur, das ist wegen der Corona-Beschränkungen momentan nicht möglich.

Schürgers: Ja, aber das hält einen nicht vom Nachdenken ab. Deswegen gebe ich mit meinem Buch Impulse, über die jeder reflektieren kann. Es sind Anstöße, weiterdenken muss jeder selbst.

Beim Wort 'Philosophie' kommt manchmal als Assoziation: staubiges Theoretisieren im Elfenbeinturm.

Schürgers: Das will ich bewusst nicht. Mir geht es darum, aus den Erkenntnissen praktische Konsequenzen für den eigenen Alltag zu ziehen. Philosophie ist Lebenshilfe. Sie soll Vernunft in die Welt bringen.

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Doch es geht nicht nur um Vernunft, Sie sprechen auch über Gefühle - zum Beispiel Angst. Warum sind wir ängstlich?

Schürgers: Ängste begleiten uns von Kindesbeinen an, das ist nun einmal so. Wenn ich dies anerkenne, kann ich mich offensiv mit dem Gefühl der Furcht auseinandersetzen und es im besten Fall bewältigen. Aber: Ich verbreite keine Therapien, wie man es schafft, die eigene Angst zu bezwingen. Denn ein Philosoph ist kein Psychotherapeut. Er ist ein wissbegieriger, neugieriger Mensch, der Fragen stellt und Antworten findet. Man kann damit einen Weg zum Glück finden, man muss aber nicht. Es gibt keinen Automatismus.

Das Thema Einsamkeit, Alleinsein nimmt in Ihrem Buch einen wichtigen Platz ein. Warum?

Schürgers: Weil Einsamkeit eine große Rolle in unserem Leben spielt. Das merken wir jetzt bei den Beschränkungen durch die Pandemie besonders. Das Gefühl beschäftigt uns, dass uns etwas fehlt, dass niemand auf uns achtet. Manchen belastet, dass man verschwindet, ohne möglicherweise eine Spur zu hinterlassen. Gerade für ältere Menschen wird dies ein Problem. Philosophische Gespräche können dazu beitragen, Situationen der Einsamkeit in den Griff zu bekommen und zu einer inneren Ausgeglichenheit zu finden.

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Wie findet man die innere Balance, von der jeder träumt?

Schürgers: Einen goldenen Weg für alle gibt es nicht. Aber ich verweise gern auf den Philosophen Seneca. Er hat vor über 2000 Jahren bereits festgestellt, dass seine Zeitgenossen über Zeitmangel klagen. Das ist bis heute aktuell. Seneca meinte, dass wir zu viel Zeit verschwenden und unsere Tage mit allem Möglichen vollstopfen. Sein Rat ist bis heute richtig: Lebe bewusst! Vermeide Tätigkeiten, die Dich von Deinem Weg abbringen. Wir müssen unsere Endlichkeit akzeptieren, denn in absehbarer Zeit ist unser Leben vorbei. Und wir wissen nicht, ob etwas danach kommt.

Die Frage nach Gott und Religion tippen Sie in ihrem Büchlein ebenfalls an. Ohne zu einer eindeutigen Erkenntnis zu kommen.

Schürgers: Doch, ich komme schon zu einer Aussage. Seit es Menschen gibt, befasst man sich mit der Frage nach einem höheren Wesen, mit der Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. In unserer westlichen, aufgeklärten Welt haben es die etablierten Kirchen mit ihren Antworten mittlerweile schwer. Sie sind nicht mehr der alleinige Heilsbringer, wie die Menschen im Mittelalter geglaubt haben. Als Philosoph kann ich heute konstatieren: Die Frage 'woher komme ich und wohin gehe ich' - sie bewegt uns nach wie vor. Aber eine seriöse Antwort kann ein Philosoph nicht geben. Es ist eine individuelle Haltungsfrage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Und was ist mit den Gottesbeweisen der Kirchenlehrer oder den 'Gott-ist-tot'-Traktaten von Friedrich Nietzsche oder Karl Marx?

Schürgers: Die Versuchung ist natürlich groß, Antworten auf Fragen zu geben, wo es keine Gewissheit geben kann. Aber in dieser Frage gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis - weder für die eine, noch für die andere Seite. Die Ungewissheit muss man aushalten.

Sie geben nicht nur Anregungen durch Ihr Buch, sondern bieten auch persönliche Gespräche an.

Schürgers: In meiner Praxis 'ProPhil' in der Schlotfegergasse sind derzeit corona-bedingt keine Treffen möglich. Aber es gibt vielleicht bald die Möglichkeit zu Vier-Augen-Gesprächen, Kleingruppen-Diskussionen oder auch zu Hausbesuchen. Und langfristig plane ich ein Angebot 'Geistreich reisen'. Nach der Bewältigung der Pandemie fahren wir als Gruppe beispielsweise in die Toscana oder Andalusien, um philosophische Gespräche unterm Zitronenbaum zu führen. Gespräche, die mit der Landschaft und den dort geborenen Philosophen zu tun haben. Wir lassen uns von der Umgebung und ihren Denkern inspirieren. Aber bis das möglich ist, wird noch einige Zeit vergehen.


Weitere Informationen zu Norbert Schürgers unter www.prophil.net. Das Buch "Ja, ich lebe - aber wie" ist beim Verlag tredition erschienen und unter ISBN 978-3-347-19894-4 für 15 Euro als Paperback sowie unter ISBN 978-3-347-19895-1 für 20 Euro als Hardcover erhältlich.

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