Nürnberger spielte vor wenigen Tagen in Notre-Dame Orgel

16.4.2019, 17:01 Uhr
So sieht es aus, das gute Stück. Noch vor wenigen Tagen bereitete sich Organist Denny Wilke an der Orgel auf sein für den Sommer geplantes Konzert vor, das nach der Brandkatastrophe nun nicht stattfinden kann.

So sieht es aus, das gute Stück. Noch vor wenigen Tagen bereitete sich Organist Denny Wilke an der Orgel auf sein für den Sommer geplantes Konzert vor, das nach der Brandkatastrophe nun nicht stattfinden kann. © Denny Wilke

Herr Wilke, wie haben Sie auf den Brand der Kathedrale reagiert?

Denny Wilke: Es war ein Stich ins Herz. Es schmerzte einfach und ich war bestürzt. Vom 7. bis 9. April war ich drei Abende von 20 Uhr bis 1 Uhr allein in Notre-Dame, um etwas einzuregistrieren. Ich hatte die Orgel für mich und musste die Klangfarben aussuchen. Ich war in Paris, weil mein ehemaliger Lehrer dort ein Orgelkonzert gab. Ich selbst hatte auch Probezeit, weil ich am 20. Juli in Notre-Dame ein Orgelkonzert geben sollte, was nun hinfällig ist.

Was haben Sie von den Bauarbeiten an der Kathedrale mitbekommen?

Wilke: Eigentlich nichts weiter. Man sah die Gerüste und weiß ja, dass an großen Kirchen immer irgendwo welche drankleben. Das gehört zu großen Kathedralen einfach dazu.

Wie haben Sie von dem Brand erfahren?

Denny Wilke hat in Nürnberg, Rotterdam und in Bonn studiert. Er ist künstlerischer Leiter der Mühlhäuser Marienkonzerte und Stadtorganist der Marienkirche zu Mühlhausen, einer Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs. Als Organist spielt er auch im Gewandhausorchester Leipzig, der Dresdner Philharmonie und der Staatsphilharmonie Nürnberg.

Denny Wilke hat in Nürnberg, Rotterdam und in Bonn studiert. Er ist künstlerischer Leiter der Mühlhäuser Marienkonzerte und Stadtorganist der Marienkirche zu Mühlhausen, einer Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs. Als Organist spielt er auch im Gewandhausorchester Leipzig, der Dresdner Philharmonie und der Staatsphilharmonie Nürnberg.

Wilke: Durch meinen Nachbarn und meinen Kollegen Martin Brons, den Pfarrer von St. Sebald. An so etwas denkt man ja gar nicht. Dass es in Kirchen manchmal Brände gibt, so will ich es eigentlich nicht sagen, "kann passieren". Dass innerhalb einer Stunde die ganze Kathedrale in Flammen steht, ist schon der Wahnsinn.

Ist damit der Traum geplatzt, dort vor Publikum aufzutreten?

Wilke: Das kleine Fünkchen Glück ist, dass ich die Kathedrale und diese grandiose Orgel noch so erlebt habe. Ich habe in Notre-Dame bereits 2015 ein Konzert gegeben. Im Nachgang bin ich aber wirklich froh, das jetzt noch einmal allein erlebt zu haben. Wie der Wiederaufbau sein wird – wie die Frauenkirche in Dresden eins zu eins oder visionär –, das wissen wir noch nicht. Ich hoffe, dass sie das Bestmögliche rausholen. Immerhin hat der stellvertretende Bürgermeister von Paris mitgeteilt, dass die Orgel noch intakt sei.

Was war es für ein Gefühl für Sie, an der Orgel in Notre-Dame zu sitzen?

Wilke: Diese Orgel ist weltberühmt und einmalig. Als ich sie wieder begriffen habe, war ich fasziniert von der Magie, Mystik und Erhabenheit dieser Kathedrale, die einen immer wieder in ihren Bann zieht. Um Fotos zu schießen, war ich auf der Orgelempore und einigen Seitenemporen, auf die man sonst nie hinkommt.

Was haben Sie dort entdeckt?

Wilke: Da oben gibt es verhüllte Figuren, die kein Tourist sieht. Mit weißen Leinentüchern sehen sie aus wie Gespenster. Und dieses Farbspiel: Die Kathedrale hat eine wahnsinnige Beleuchtung. Der Spieltisch der Orgel gleicht einem Airbus-Cockpit.

Was ist Ihnen noch aufgefallen?

Wilke: Es ist verrückt, was man am Orgelprospekt sieht. Französische Revolutionäre haben zwei fleur de lis, also Königsfamiliensymbolbilder, abgehackt. Hinter der Orgelempore war noch ein Plakat von 1941. Zum Orgelkonzert lud man mit Hakenkreuz ein, unterzeichnet vom Kommandanten von Großparis. Da denkt man schon: die Französische Revolution, den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und zwei Weltkriege überstanden und dann – hoffentlich war es keine Brandstiftung – kommt ein technischer Defekt und die ganze Kathedrale steht in Flammen.

Einen ähnlichen Vorfall hatten wir in Nürnberg vor knapp fünf Jahren ...

Wilke: Es erinnerte mich an die Martha-Kirche, die Meistersingerkirche, aus der Richard Wagner eine große Oper gemacht hat. Sie hatte den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg überstanden und brennt wegen technischer Defekte bei Bauarbeiten.

Dieses Plakat aus der Besatzungszeit lag hinter der Orgel. Wie Denny Wilke im Bild festhält, wurde zum Orgelkonzert 1941 mit Hakenkreuz eingeladen, unterzeichnet vom Kommandanten von Großparis.

Dieses Plakat aus der Besatzungszeit lag hinter der Orgel. Wie Denny Wilke im Bild festhält, wurde zum Orgelkonzert 1941 mit Hakenkreuz eingeladen, unterzeichnet vom Kommandanten von Großparis. © Denny Wilke

Was hat es Ihnen bedeutet, an diesem historischen Ort zu spielen?

Wilke: Es ist nicht nur eine Ehre, man hat auch großen Respekt für unser Kulturerbe, das Frankreich mit Notre-Dame nun mal ist. Das ist etwas Besonderes.

Wie alt ist die Orgel?

Wilke: Da gibt es ja Teile aus dem 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurde sie erheblich erweitert und bis 2014 noch einmal richtig restauriert. Diese Mystik, Magie und Schönheit der Kathedrale sieht man auch an der Orgel – eine Einmaligkeit und Symbiose.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Ereignisse reagiert?
Wilke: Es haben sich einige Freunde und Orgel-Kollegen gemeldet. Ich werde auch meinem Kollegen Olivier Latry – er ist Notre-Dame-Organist und auch in Nürnberg bekannt, weil er bei der Internationalen Orgelwoche hier gespielt hat – sicherlich in der nächsten Zeit einmal schreiben. Jetzt ist es zu früh, der hat jetzt andere Sachen um die Ohren.

1 Kommentar