Nürnbergs Bordelle seit November dicht: "Das ist eine Katastrophe"

5.1.2021, 08:28 Uhr
Am Frauentorgraben sind die Lichter schon seit Wochen ausgegangen. Viele Frauen, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, sind in ihrer Existenz bedroht.

Am Frauentorgraben sind die Lichter schon seit Wochen ausgegangen. Viele Frauen, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, sind in ihrer Existenz bedroht.

Deutschlandweit konnten die Frauen annähernd ein halbes Jahr hinweg nicht arbeiten, im September dann wurde unter anderem auch in Bayern zumindest die Prostitution nicht mehr ausdrücklich verboten – wenn auch nur in Wohnungen und Hotelzimmern. Jetzt aber liegt ein tatsächliches Prostitutionsverbot vor. Mit Inkrafttreten der 8. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung müssen alle Prostitutionsstätten – unabhängig von der Betriebsart – seit 2. November geschlossen sein.


So viele Prostituierte gibt es in Deutschland


"Seitdem sind auch Dienstleistungen untersagt, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist", wie Robert Pollack, stellvertretender Leiter des Nürnberg Ordnungsamtes, betont. Bieten Prostituierte also nicht Cyber-Sex an, so können sie ihrer Arbeit schlicht nicht nachgehen. Die Stadt Nürnberg hat zudem mit Allgemeinverfügung vom 1. Dezember "das Erbringen sexueller Dienstleistungen" auch außerhalb von Prostitutionsstätten, wie etwa im Hotel, angemieteten Zimmern, beim Kunden, in der eigenen Wohnung oder einem Kraftfahrzeug untersagt.

Abdriften in die Illegalität

Manuela Göhring, Sozialarbeiterin bei der Prostituierten-Selbsthilfe "Kassandra", hält das derzeit geltende generelle Prostitutionsverbot für mehr als problematisch. "Einige Frauen sind dadurch gezwungen, illegal zu arbeiten." Wer in diesen schwierigen Zeiten keine Rücklagen hat, den trifft das Arbeitsverbot mit voller Härte. "Zumal niemand weiß, wie es weitergeht. Das erhöht den Druck auf die Frauen enorm", sagt sie.


Bordelle dicht: Corona-Maßnahmen bringen Prostituierte in Bedrängnis


Mehr als 40 000 Menschen gingen laut Statistischem Bundesamt Ende 2019 offiziell der Prostitution nach. Wegen des seit 1. Juli 2017 geltenden Prostituiertenschutzgesetzes haben die Behörden zumindest einen Überblick, wie viele Frauen offiziell anschaffen gehen. Denn jede Frau, die mit Sex ihr Geld verdient, muss sich beim Amt anmelden. In Nürnberg sind derzeit anteilsmäßig überwiegend rumänische Prostituierte tätig, gefolgt von ungarischen und bulgarischen Frauen.

In der jetzigen Situation könne sie den Frauen, die als Solo-Selbstständige arbeiten, nur raten, Hartz IV zu beantragen, sagt Manuela Göhring. Auch wenn sie weiß, dass viele gar keinen Anspruch darauf haben: Entweder weil sie keinen gemeldeten Wohnsitz in Deutschland haben oder nicht lange genug in Deutschland sind. Das trifft vor allem viele Frauen aus Osteuropa, die aus bettelarmen Gegenden stammen und mit ihrem Verdienst nicht selten ihre Familien Zuhause unterstützen. Diesen Frauen könne man nur raten, wieder heim zu fahren, so Manuela Göhring.

Doch die Kommunikation ist erheblich erschwert. "Unsere Beratung ist zwar wirklich sehr niedrigschwellig, dennoch verlangt es auch viel Mut, sich an uns zu wenden. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir zu den Frauen gehen können."

Es ist kein Nürnberger oder gar bayerisches Phänomen. So schätzt man etwa bei der Beratungsstelle "Pink" in Freiburg die Lage ganz ähnlich ein: "Für uns ist die Arbeit durch das erneute Verbot fast unmöglich geworden, weil sich alles ins Private verlagert. Die Frauen trauen sich nicht mehr, Beratungsstellen aufzusuchen", so Simone Heneka von "Pink". Derzeit gibt es 86 genehmigte Prostitutionsstätten im Nürnberger Stadtgebiet. Vier Prostitutionsstätten haben im Laufe des Jahres ihr Gewerbe wieder abgemeldet, sagt Pollack vom Ordnungsamt. Auch die Betreiber hätten aufgrund der Schließungen zu kämpfen, wie Manuela Göhring weiß. "Auch die beraten wir in der Regel und halten Kontakt. Schließlich haben wir großes Interesse daran, dass die Frauen in einem ordentlichen Umfeld arbeiten können."

Dabei sei die Umsetzung der durch Corona vorgegebenen Hygienemaßnahmen keine große Sache gewesen, wie sie sagt. Sicher sei das mit den Masken und den Kontaktdaten "manchmal etwas schwieriger", wie Frauen berichten würden. Aber strenge Hygiene sei ohnehin längst Standard.

Straßenstrich ist verboten

Anders als in anderen Städten ist in Nürnberg die Straßenprostitution grundsätzlich verboten. Die Gefahr, dass sich dieser in der Illegalität etablieren könnte, sieht Manuela Göhring durchaus. "Ich sehe ja, wie viele noch arbeiten." Robert Pollack verweist hingegen auf das generelle Verbot, das schon immer kontrolliert worden sei. "Daher befürchten wir kein Ausweichen auf die Straße", so Pollack.

Dabei sind manche in einer besonderen Notlage, weil sie nicht wissen, wo sie hin sollen. "Beim letzten Shutdown wurde es noch geduldet, dass manche Bordellbetreiber die Frauen kostenlos in ihren Zimmern wohnen ließen. Aber das ist nun ausdrücklich untersagt", wie Manuela Göhring bedauert. Hier liefen die Frauen Gefahr, aufgrund ihrer Lage ausgebeutet zu werden. Und so berichtet die Sozialarbeiterin von Frauen, die etwa in einem 20 Quadratmeter-Zimmer untergekommen seien und dafür mehr als 650 Euro zahlen müssten. Geld, das die Frauen nicht haben und dann Schulden machen oder eben abarbeiten müssen – illegal und unter Druck.

Bleibt die Frage der Überwachung der Einhaltung des Verbots. Polizei und Ordnungsamt kontrollieren, ob Bordelle tatsächlich geschlossen sind. Auch werden Wohnungen, Anzeigen von Prostituierten kontrolliert, wie Pollack betont. Auch die einschlägigen Portale haben die Behörden im Blick. Manuela Göhring gibt sich dennoch keiner Illusion hin: Nach wie vor arbeiten manche weiter und treffen sich mit Freiern. Das Ganze hat sich ins Private verlagert. "Dass die Frauen alleine arbeiten, ist eine Katastrophe."