Montag, 16.09.2019

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Nürnbergs Wärmestube platzt aus allen Nähten

Überfüllung beschwört konfliktträchtige Situationen herauf - 07.08.2019 06:00 Uhr

Die Essensausgabe in der Wärmestube: Bedürftige erhalten hier mit Berechtigungsscheinen in der Regel bis zu zwölf Mittags- und sechs Abendmahlzeiten pro Monat. Die Nachfrage ist auch in jüngerer Zeit tendenziell weiter gestiegen. © Stephan Minx


Die Wärmestube, die zentrale Nürnberger Anlaufstelle für Wohnungslose und von akuter Armut Betroffene, braucht dringend Entlastung. In der wärmeren Jahreszeit macht die Möglichkeit, den dank einer großzügigen Spende neu gestalteten und demnächst überdachten Hof nutzen zu können, die angespannte Lage etwas erträglicher. Aber im Winter "kommen wir vermutlich um Zugangsbeschränkungen nicht mehr herum", fürchtet Leiterin Manuela Bauer. 

Die Stadt wie die kirchlichen Wohlfahrtsverbände als Träger suchen deshalb händeringend nach einem Platz für eine zweite Einrichtung dieser Art – zur Entzerrung der verschiedenen Gruppen vorzugsweise für Klienten mit ausgeprägter Alkoholabhängigkeit, unter ihnen viele aus den EU-Ländern Südosteuropas. Kern des Problems: Eine Überfüllung der Wärmestube hat dort schon konfliktträchtige Situationen heraufbeschworen – bis hin zu einer Messerattacke. Auch deshalb wurde Anfang 2017 ein Sicherheitsdienst engagiert.

Die "Szene" trifft sich rund um den Hauptbahnhof

Die zugespitzte Lage führt auch dazu, dass schon die simple Grundversorgung alle Kräfte bindet und soziale Beratung wie Beistand in Krisenfällen auf der Strecke bleiben. Dabei sollen und wollen die Mitarbeiter der Wärmestube den Klienten eigentlich auch dazu verhelfen, Auswege aus der Misere zu finden. So trifft sich die "Szene" weiterhin mit Vorliebe im Umfeld des Nürnberger Hauptbahnhofs – auch weil nicht wenige der Hilfsbedürftigen aus dem Umland stammen. Die dortigen Heimatgemeinden dürften sich die Hände reiben, bleiben ihnen so doch Sozialausgaben erspart. 

Um genaueren Aufschluss über den Kreis der Gestrandeten zu gewinnen, hat das Sozialamt inzwischen die Daten aus Notschlafstellen, der Ökumenischen Wärmestube und der Krankenhilfe des Sozialamts näher unter die Lupe genommen. Danach waren 2017 knapp 480 Personen, fast ausschließlich Männer, der Gruppe der "Alkoholkranken Menschen im öffentlichen Raum" zuzuordnen. Fast alle waren arbeitslos. Jeder dritte nahm mehr als ein Hilfsangebot in Anspruch; 34 Personen galten als "Intensivnutzer". Das Aufenthaltsrecht hilft wenig, denn die meisten dürfen als Deutsche oder EU-Bürger frei reisen und Arbeit suchen, auch wenn manchen von ihnen Sozialleistungen (noch) verwehrt bleiben.

Für eine neue Einrichtung unter dem Arbeitstitel "Die Stube" hat eine Planungsgruppe inzwischen ein Konzept vorgelegt. Doch alle Bemühungen auf der Suche nach geeigneten Räumen oder wenigstens einer freien Fläche sind bisher ins Leere gelaufen. Dabei geht es nicht allein um die Erreichbarkeit und Erschwinglichkeit einer Immobilie, sondern vor allem um die Schwierigkeiten einer Einbindung in die Nachbarschaft. Von einer "Trinkerstube", wie sie auch schon mal ins Gespräch worden war, halten die Beteiligten in Nürnberg gar nichts. Wie schon in der Wärmestube soll auch in der künftigen Einrichtung Alkohol tabu bleiben – schon weil der Konsum nicht zu kontrollieren wäre. 

Weil die Klienten als besonders belastet, vielfach "verelendet", "nicht wohnfähig" und in "körperlich desolatem Zustand" beschrieben werden, muss noch größeres Gewicht auf elementare Hilfen wie Körperpflege und Ersatzkleidung gelegt werden als in der bestehenden Wärmestube. Um Konkurrenz und Rivalität zu vermeiden, sollten in dem Tagestreff dieselben Gerichte ausgegeben werden wie dort, lautet die Empfehlung. Stadtmission und Caritas haben grundsätzlich ihre Bereitschaft bekundet, auch die Trägerschaft einer solchen ergänzenden Einrichtung zu übernehmen.  

Wolfgang Heilig-Achneck E-Mail

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