Nürnbergs Willy Brandt sitzt selten allein

18.12.2013, 04:56 Uhr
Manfred Burger komm fast täglich vorbei und sagt dann: " Servus Willy!“

© Alexandra Haderlein Manfred Burger komm fast täglich vorbei und sagt dann: " Servus Willy!“

Trotz kalter Temperaturen gesellt sich Sabine Meier kurz zu dem Bronzekanzler. „Er hatte Charisma. Heute wünscht man sich solche Politiker, zu denen man hochschauen kann und denen man glaubt“, so die 34-jährige Bürokauffrau. „Das Gleiche gilt für seinen Nachfolger Helmut Schmidt. Seinen Worten lausche ich voller Interesse, das würde mir bei unserer Kanzlerin nicht passieren.“

Der nächste Passant, der eine kleine Verschnaufpause auf jener Bank einlegt, kann mit Willy Brandt nichts anfangen. Ganz im Gegensatz zu Eva Augustin, die mit ihrer achtjährigen Tochter Mima dem Geburtstagskind fünf rote Rosen vorbeibringt. „Er war ein so wertvoller Mensch, der es verdient hat, 1971 den Friedensnobelpreis zu bekommen!“

Ihr gefällt die Skulptur, im Sommer sitzt sie oft hier. Sie hat ihrer Tochter einen Zeitungsartikel zu Ehren des Politikers vorgelesen, „ich hoffe, da bleibt etwas hängen“. Die Blumen habe sie zur Erinnerung mitgebracht, „die Menschen vergessen so schnell“. Über die heutigen Politiker sagt sie knapp: „Es sind halt andere Zeiten und andere Menschen.“

Kurz darauf schlendern Barbara Volkert (66) und Anna-Maria Volkert an der Brandt-Skulptur vorbei. „Ich habe gerade meiner Enkelin von ihm erzählt, er war ein klasse Bundeskanzler“, schwärmt sie. Die 18-Jährige hat in der Schule von ihm gehört.

Auch Manfred Burger will dem „verdienten Sozialdemokraten“ noch eine rote Nelke vorbeibringen. „Ich komme fast täglich hier vorbei und sage dann immer: Servus Willy!“ Der 78-Jährige hat ihn zweimal in Nürnberg erlebt und bewundert ihn für seine damalige Ostpolitik. „So einen wie ihn hat es nur noch einmal gegeben: Willy Brandt und Helmut Schmidt, beide sind wahre Koryphäen!“

Zu Willy Brandts Geburtstag startete die "Nürnberger Häkelmafia", die sich mit gehäkelter Streetart in Nürnberg einen Namen gemacht hat, eine rot-weiße Geburtstagsüberraschung. Die Street-Art-Künstlerin Wooly Worlds (Jutta Leykauff) legte dem eisernen Willy Brandt am gleichnamigen Platz einen warmen Häkelumhang um und rote Rosen vor die Füße.

"Es ist kalt in Deutschland" prangt es von Brandts Brust, passend dazu heftete die Künstlerin einen politischen Aufruf, der an Willy Brandts politische Grundüberzeugungen erinnern soll. Und von der Bank leuchtet in Häkelschrift "Wir wollen Willy wieder". Den Grundtenor vieler Nürnberger hat sie mit ihrer Forderung getroffen.

© Lisa Himsel

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