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Ort des Geschehens: Nürnberg

Die Stadtchronisten halten bis heute täglich Lokalgeschichte fest - 03.09.2015 21:36 Uhr

So sieht die Arbeit der Stadtchronisten heute aus: Daniela Stadler sieht die Tageszeitungen nach wichtigen Nachrichten durch und tippt sie in den Computer. Steven Zahlaus braucht für Rechercheaufträge manchmal alte Chronik-Bände aus dem Keller.


So sieht die Arbeit der Stadtchronisten heute aus: Daniela Stadler sieht die Tageszeitungen nach wichtigen Nachrichten durch und tippt sie in den Computer. Steven Zahlaus braucht für Rechercheaufträge manchmal alte Chronik-Bände aus dem Keller.


Weltnachrichten aus Nürnberg sind selten, zugegeben. Aber fürs Stadtgespräch reicht schon weniger: ein Unglück, das die Sensationslust weckt. Am 9. Mai 1838 beispielsweise redete man nur über die Katastrophe vom Burgberg. Zwei morsche Häuser an der Bergstraße stürzten um kurz vor fünf Uhr morgens ein. Bäckermeister Dietrich, seine Kinder Johann, Barbara und Margarethe verloren so das Leben.

Georg Paul Amberger (1789 –1844) war Nürnbergs erster, inoffizieller Chronist. Schon als Kind schrieb er das Stadtgeschehen nieder. © Repro: Stadtarchiv


Nachzulesen ist das in der Stadtchronik. Seit 1801 verzeichnet sie Unfälle, aber auch Feierlichkeiten, politische Entscheidungen und Neuigkeiten aller Art. Mehr als 100 Bände sind es schon. Sie ruhen im Magazin des Stadtarchivs in der Norishalle. Droben in den Büros schreiben zwei Historiker sie laufend fort.

„Es geht darum, die Stadtgeschichte festzuhalten. Denn die wird nachgefragt“, sagt Daniela Stadler, die die Stadtchronik seit 2002 betreut. Liegen lokale Ereignisse länger als 25 Jahre zurück, wollen die Leute Fakten überprüfen. Wann und wie war das damals, wer war beteiligt? Familienforscher, Vereine, Kirchen, Firmen, Journalisten und Historiker suchen dann nach historischen Angaben. Antworten gibt die Stadtchronik, kostenlos, außer bei großem Aufwand oder kommerziellen Zwecken.

 

"Man kann nicht alles erfassen, so ist das Leben."

Daniela Stadler, Stadtchronistin

 

Auch die NZ war im Oktober 1953 Gegenstand der Chronik: Sie feierte 150-jähriges Bestehen im Mautkeller, das Festprogrammheft ist eingeheftet.


Dass es einmal gar nichts zu schreiben gibt, komme nur selten vor, am ehesten sonntags, sagt Stadlers Kollege Steven Zahlaus. „Es ist genügend los.“ Eher müssen die beiden aussortieren. Bei ihrer Auswahl stützen sie sich vor allem auf die Lokalzeitungen. Was relevant für die Nachwelt sein könnte, sagt ihnen die Erfahrung. „Es kommt mit Sicherheit nicht jedes Club-Spiel rein“, sagt Zahlaus. Auch beim Wetter werden nur die Extreme notiert.

Eine Seite aus Ambergers Chronik von 1839: Sie verewigt im Bild fünf historische Häuser, bevor sie abgerissen wurden.


Seit 1989 verzeichnen die Mitarbeiter die Einträge am Computer, in einem schnöden Word-Dokument. Zuvor geschah es an der Schreibmaschine, vor 1930 noch mit Tinte. Meist reichen heute wenige Zeilen. Etwa am 26. März 1996: „An allen Standorten der Alcatel SEL AG, auch in Nürnberg und Gunzenhausen, demonstrierten Beschäftigte gegen den Stellenabbau.“ 2. Mai 2002: „In der Nürnberger Arena trat die Düsseldorfer Punkrockband Die Toten Hosen auf.“ 1. März 2008: „Das Sturmtief ,Emma‘ bescherte der Berufsfeuerwehr Nürnberg und den Freiwilligen Feuerwehren am heutigen Samstag mehr als 160 Einsätze.“

Im 19. Jahrhundert gestaltete sich die Chronik wesentlich redseliger. Die zwei Häuserruinen von der Bergstraße anno 1838 sind auch im Bild zu sehen, auf einem sorgfältig beschrifteten Stich. Ein gedrucktes Exemplar der Leichenrede für Meister Dietrich und sogar ein Gedicht über das Unglück liegen bei. An anderer Stelle sind Tabellen mit Lebensmittelpreisen eingeheftet. Über eine Seite erstreckt sich auch der Vermerk über eine Ausstellung in der Klarakirche, wo im Herbst 1837 das Skelett eines gestrandeten Wals zu sehen war.

Menschen, Tiere, Sensationen: Das war im Herbst 1837 Motto in der Klarakirche. Das begehbare Skelett eines Wals war dort für einige Wochen zu besichtigen, ein Fall für die Stadtchronik. © Fotos: Michael Matejka (5), Karlheinz Daut


Der Mann, der damals so detailverliebt berichtete, hieß Georg Paul Amberger. Nürnbergs erster Chronist wurde er, ohne dass ihn jemand ernannt hätte. Als elfjähriger Junge begann Amberger nämlich, ein Tagebuch über seine Stadt zu schreiben. Sein erster Eintrag vom 6. Februar 1801 würdigt, reichlich unspektakulär, den 25. Hochzeitstag eines städtischen Beamten namens Zahn. Bis zu seinem Tod 1844 verfeinerte Amberger, der als Kaufmann und auf städtischen Verwaltungsposten arbeitete, seine Dokumentation immer weiter, irgendwo zwischen Reporter und Andenkensammler. Er vermachte sie dem Rathaus, sie wurde öffentlich. Damit war er früh dran. Erst 1837 hatte König Ludwig I. anordnen lassen, dass alle bayerischen Städte ihre Geschichtsschreibung betreiben mögen.

Amberger sei ihr mit der Zeit sehr sympathisch geworden, erzählt Daniela Stadler. Er war ein belesener Büchersammler, gläubig, aber auch im Diesseits lebensfroh, wie die ausführlichen Beschreibungen seiner Volksfestbesuche beweisen. 1834 entschied er sich gleich für die Gedichtform:

Schon Nachmittags zur vierten Stunde

Fand sich die Schaar der Freunde ein

Und Jubel schallt aus jedem Munde

Verschenkt wird Bier ganz frisch und rein

So reimte er in der zweiten Strophe. Oft ließ er die Liebe zu seiner Heimatstadt durchschimmern, wenn er zu Jahresbeginn Segenssprüche in die Chronik schrieb.

In seinem Testament verfügte Amberger, dass die Annalen fortgesetzt würden. Das erledigten verschiedene Magistratsräte und Stadtbibliothekare, bis 1890 das Stadtarchiv die
Aufzeichnungen übernahm. Ernst Mummenhoff, der Archivar, ordnete jetzt Sachlichkeit an. Sein Vorgänger Johann Paul Priem war da kein
Vorbild gewesen. Am 16. August 1877 schwärmte er über mehrere Zeilen von einer „Riesenwurst“, die in einem „Wirtschaftslokal am Lauferplatz“ verkauft wurde. „Ein kleines Stückchen der Wurst ist auch in das Lokal der Stadtbibliothek gekommen, und der Chronist kann versichern, daß es ihm gar wohl geschmeckt hat“, begeisterte sich Priem.

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus ließen die Protokolle Objektivität vermissen, sind sie doch auch nur Ausdruck von Zeitgeschichte in der Diktatur. Je nach Chronist fallen manche Einträge antisemitisch oder parteitreu kommentierend aus. Doch sogar noch Stadlers Amtsvorgänger blieb nicht hundertprozentig neutral: Er schrieb manchmal einen kleinen lästerlichen Seitenhieb auf eine Nürnberg-Fürther Biermarke hinein.

Die Geschichtsschreibung verläuft nun seit 1801 lückenlos. Von 1915 bis 1929 war das Archiv allerdings zu knapp besetzt; die Chronik besteht in dieser Zeit fast nur aus Zeitungsausschnitten. Der erste Nachkriegschronist machte sich dann die Mühe, die Aufzeichnungen von 1944 zu rekonstruieren, nachdem sie am 2. Januar 1945 verbrannt waren.

Als Ergänzung führt Daniela Stadler heute auch die sogenannte zeitgeschichtliche Sammlung. Darin lagern Zeitungsartikel und Dokumente aus dem Alltag wie Flugblätter oder Plakate. Längst hat sich die Historikerin angewöhnt, von überall erst einmal Broschüren aufzuheben. Manchmal kopiert sie auch Inhalte von Internetseiten oder recherchiert in sozialen Netzwerken. Das flüchtige Phänomen der fremdenfeindlichen „Pegida“-
Bewegung und ihrer Gegner beispielsweise ließe sich anders kaum für die Nachwelt festhalten, berichtet sie.

Den Anspruch auf Vollständigkeit müssen Stadler und Zahlaus aber genauso fahren lassen wie ihre subjektiv schreibenden Vorgänger im 19. Jahrhundert. „Man kann einfach nicht alles erfassen, so ist das Leben“, sagen sie. Doch was sie in die Chronik aufnehmen, soll für die Ewigkeit sein. Auf Mikrofilm gebannt, liegen alle Nürnberger Bände aus der Zeit vor der Computer-Ära im Barbarastollen bei Freiburg. Dort bewahrt die Bundesrepublik die Kopien zahlreicher Kulturdokumente auf, um sie vor Katastrophen und Diebstahl zu schützen. Nürnbergs Gedächtnis zählt dazu. 

Isabel Lauer

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