Plötzlich steht alles still: Repair-Café "FabLab" fürchtet um Existenz

5.4.2021, 05:58 Uhr
Die Vorstandsmitglieder Sabrina Bohn und Roland Möltner in den Räumen des FabLab, zum Basteln und Reparieren darf schon lange keiner mehr kommen.

Die Vorstandsmitglieder Sabrina Bohn und Roland Möltner in den Räumen des FabLab, zum Basteln und Reparieren darf schon lange keiner mehr kommen. © Foto: Hans Böller

Roland Möltner erinnert sich gern an den Buben, der mit seinem Fahrrad und einem Akku-Schrauber kam. Er wolle sich, sagte er voller Vorfreude, jetzt ein E-Bike bauen. Es funktionierte sogar, wenigstens theoretisch, die Räder drehten sich, aber der Antrieb war zu schwach. Trotzdem, "er hat etwas gelernt", sagt Möltner.

Umweltpreis für Nachhaltigkeit

Roland Möltner ist der Vorstand des FabLab Region Nürnberg, eines eingetragenen Vereins, in dessen Werkstatt alle Menschen willkommen sind, die neugierig auf Technik sind, die etwas lernen, etwas basteln oder reparieren wollen. Die Idee kommt aus den USA, FabLab steht für Fabrication Laboratory, Fabrikationslabor. Die Nürnberg-Fürther Initiative ist die größte ihrer Art in Deutschland, das Repair-Cafe hat zweimal den Umweltpreis für Nachhaltigkeit der Stadt Nürnberg gewonnen. Es ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte – oder ist es gewesen, bisher.

Bis die Pandemie kam. Seither, seit nun über einem Jahr, stehen alle Räder still – und stößt die Verlagerung des Alltags ins Digitale auf natürliche Grenzen, wenn es um ein aktives Erleben geht, um filigrane Feinarbeit am Objekt. Für das KidsLab haben sie einen Chat eigereichtet, aber da wird es "zunehmend ruhiger", erzählt Möltner, selbst die Jugendlichen seien der virtuellen Welt, in der sie seit Monaten leben, wohl überdrüssig, vermutet er.

Verein will keinen Schuldenberg hinterlassen

"Zwei, drei Monate können wir noch durchhalten, dann wird es kritisch", sagt Möltner, man könne es sich nicht leisten, defizitär zu arbeiten, "sollte der Verein abgewickelt werden müssen, dann soll kein Schuldenberg zurückbleiben." Ehrenamtliche Unterstützung in Sachen Finanzen und Buchhaltung würden sich die Idealisten dringend wünschen, da fehlt eine Fachkraft.

"Es tut schon weh, das so leer zu sehen", sagt Möltners Vorstandskollegin Sabrina Bohn beim Blick auf die verwaisten Standbohrer, Sägen, Drehbänke, Nähmaschinen und 3-D-Drucker. Seit 2018 ist das vor zehn Jahren gegründete FabLab direkt an der Stadtgrenze zu Hause, knapp auf Fürther Gebiet in der Schwabacher Straße 512. Mit 40 000 Euro aus eigenen Mitteln und monatelanger ehrenamtlicher Arbeit haben sie hier aus einer alten Industriehalle eine neue Heimat geschaffen – 380 Quadratmeter voller Inspiration fürs Werken, mittendrin ein Tischkicker.

Schutzmasken entworfen

Gefragt ist das FabLab durchaus auch während der Pandemie. Über die Antennenanlage der Freifunker auf dem Dach werden Gottesdienste gestreamt, spezielle Schutzmasken für medizinisches Personal haben sie hier kostenlos entworfen und hergestellt. Nur die Menschen dürfen nicht mehr kommen, damit fehlen deren Spenden – und weil auch selbst finanziell unter Druck geratene Sponsoren Zurückhaltung üben, übersteigen die Kosten für Miete, Geräte und geringfügig beschäftigte Mitarbeiter in der Verwaltung die Einnahmen deutlich. Rund 150 Mitglieder hat der vom Ehrenamt getragene Verein, gerade hat ein Mann seinen Beitrag von zehn auf 15 Euro erhöht – "ein Hartz-IV-Empfänger, das hat mich sehr berührt", sagt Roland Möltner. Als im Wortsinn offene Werkstatt ist das FabLab eine Einrichtung für alle, Vorkenntnisse muss niemand mitbringen, Geld auch nicht, gespendet wird freiwillig.

"Wir bieten unsere Erfahrung an", erklärt der 65 Jahre alte Möltner – "und profitieren von Geistesblitzen und Utopien der jungen Menschen", er sieht es auch als einen Dialog zwischen den Generationen. Der Opa mit der Werkstatt im Keller gehört zu einer aussterbenden Spezies, "und viele Kinder sind begeistert, wenn sie das Erfolgserlebnis haben, etwas reparieren oder basteln zu können".

Frauen und Mädchen, sagt Sabrina Bohn, seien leider noch stark unterrepräsentiert, die ältere Generation – aufgewachsen vor der Zeit der Wegwerfgesellschaft – wisse das Angebot besonders zu schätzen. Aber in den Jahren vor der Pandemie kamen auch ganze Schulklassen zu Besuch, und gerne würde sich das FabLab noch stärker als Partner für Handwerk und Industrie der Region sehen. "Die Nachwuchsförderung ist ein starkes Thema", findet Sabrina Bohn, "bei uns findet man junge Menschen mit einem Faible für Technik" – oder einem für die Kunst; im FabLab ist Raum für Kreativität, man kann hier malen, schneidern, gestalten.

Trotzdem: "Wir sind im Land der Vereine ein bisschen vergessen worden", fürchtet Sabrina Bohn, über Monate, berichtet sie, habe das FabLab keine Vorgaben erhalten, wie es weitergehen könnte, keine Informationen. "Wir wollen nicht jammern", sagt sie auch, "vielen Vereinen, Werkstätten und Initiativen geht es ja ganz ähnlich". "So lange Aussicht auf ein Überleben besteht, machen wir weiter", sagt Roland Möltner. Das immerhin kennen sie ja hier: Wer sich kreativ anstrengt, kann die schönsten Überraschungen erleben.

Mehr Informationen unter fablab-nuernberg.de