Streetworker im Interview

Problembereich Bahnhof: Das bewegt die Drogenszene

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Nina Dworschak

Volontärin Gericht

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26.10.2021, 10:56 Uhr
Besonders zur Mittagszeit kommen am Bahnhofsvorplatz viele Leute zusammen.

Besonders zur Mittagszeit kommen am Bahnhofsvorplatz viele Leute zusammen. © Nina Dworschak

Wer ist der "Junkie" vom Bahnhofsvorplatz?

Martin Kießling: Theoretisch ist er ein Mensch wie du und ich. Er ist irgendwann abhängig geworden und kämpft seitdem mit seiner Erkrankung. Es gibt keine Schubladen, in die man die Leute einsortieren kann. Sie kommen aus unterschiedlichen Familienverhältnissen, haben verschiedene Wurzeln und Traumata. Psychische Begleiterscheinungen wie eine Depression oder Borderline sind nicht selten.

Gibt es keine Ähnlichkeiten?

Kießling: Es gibt keine homogene Gruppe, sie besteht zu zwei Dritteln aus Männern. Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 30, nur wenige sind obdachlos. Entgegen dem Klischee sind auch nicht alle arbeitslos.

Wie gerät man in die Drogenszene?

Kießling: Bei jedem Menschen, der dauerhaft konsumiert, wird man an den Punkt kommen zu verstehen, warum er konsumiert. Mir hat noch keiner erzählt, dass er es ausprobiert hat und deshalb in die Sucht abgerutscht ist. Das hat meistens tiefere Gründe.

Wie verbringt ein Drogenabhängiger seinen Tag? Sitzt er die ganze Zeit am Bahnhof?

Kießling: Die meisten Klientinnen und Klienten haben einen ähnlichen Tagesablauf, der von ihrer Sucht bestimmt wird. Sie brauchen Geld, um sich ihre Substanzen besorgen zu können. Dann konsumieren sie, damit sie keine Entzugserscheinungen spüren. Ein Heroinabhängiger konsumiert etwa dreimal pro Tag. Wenn er morgens um acht Uhr beginnt, hat er einiges zu tun.

Was beschäftigt die Menschen am Bahnhofsvorplatz?

Kießling: Es sind vor allem Alltagsthemen, viele leiden unter Stress. Die Angst erwischt zu werden, ist ein großes Thema. Es dreht sich auch viel um Entgiftung oder wie man an einen Substitutionsplatz kommt.

Martin Kießling ist Sozialarbeiter bei der Drogenhilfe Mudra in Nürnberg. Drei Mal pro Woche ist er als Streetworker am Bahnhofsvorplatz unterwegs, spricht mit den Drogenabhängigen vor Ort und verteilt frische Spritzen für einen hygienischen Konsum.

Martin Kießling ist Sozialarbeiter bei der Drogenhilfe Mudra in Nürnberg. Drei Mal pro Woche ist er als Streetworker am Bahnhofsvorplatz unterwegs, spricht mit den Drogenabhängigen vor Ort und verteilt frische Spritzen für einen hygienischen Konsum. © Privat

Kennt man sich in der Szene?

Kießling: Es ist wie in einem Fitnessstudio. Alle Menschen, die dorthin gehen, verbindet der Sport. Man sieht dieselben Gesichter immer wieder und hat das Gefühl, sich zu kennen. Das heißt nicht, dass man sich außerhalb des Fitnessstudios verabreden würde. Ähnlich ist es in der Szene. Natürlich gibt es zusätzlich Zweckbeziehungen und Rivalitäten. Fakt ist: Eine Heroinsucht kann man nicht allein stemmen, man muss sich mit anderen austauschen.

Und das macht man am Bahnhofsvorplatz…

Kießling: Genau, es ist ein Ort des sozialen Miteinanders. Die meisten Leute trifft man dort um die Mittagszeit. Das Dealen und der Konsum finden allerdings woanders statt, dafür ist der Bahnhofsvorplatz zu öffentlich. Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand dort einen Schuss setzt. Das passiert eher auf der Toilette in der Königstorpassage.

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