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Promi-Auflauf beim letzten Neujahrsempfang mit OB Maly

Zwischen Abschiedsrede und Optimismus - "Nein, früher war nicht alles besser" - 08.01.2020 19:33 Uhr

Das letzte Mal in dieser Konstellation: Oberbürgermeister Ulrich Maly (Mitte) und die Bürgermeister Christian Vogel (rechts) und Klemens Gsell im Foyer der NürnbergMesse mit 1400 geladenen Gästen. © Foto: Eduard Weigert


Es ist ein Ritual, das sich weder die Stadt noch die Gäste nehmen lassen: das große Schaulaufen beim Neujahrsempfang der Kommune im Messezentrum. Rund 1400 Menschen aus der ganzen Region erlebten die letzte und vergleichsweise persönliche Neujahrsrede von OB Ulrich Maly (SPD). Das Wichtigste im Überblick.

Bloß keine Maly-Bilanz – oder doch?

Es gäbe eine Reihe von Möglichkeiten, die Rede zu gestalten, sagte Maly ganz zu Beginn. Er könnte zum Beispiel Bilanz ziehen. Doch das wolle er nicht, weil er den Gästen dann "Zahlen um die Ohren hauen und herausmeißeln müsste, welchen Anteil mein segensreiches Wirken an dem einen oder anderen Erfolg hat", wie er selbstironisch sagte.

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Ein bisschen tat er es dann doch: Bilanz ziehen. Als er nämlich daran erinnerte, dass die Arbeitslosenquote von 14,1 Prozent in 2005 auf 4,9 Prozent gesunken ist – "nicht von uns gemacht, aber halt auch nicht ganz ohne uns". Oder als der OB erwähnte, dass die Versorgungsquote mit Krippenplätzen während seiner Amtszeit von zwei auf 38 Prozent gewachsen ist oder sich die Investitionen insgesamt vervierfacht haben.

Ein Zwischenfazit

Auch wolle er seine Rede nicht nach dem Motto "Früher war alles besser, jetzt wird es ganz schlimm" gestalten, fuhr Maly fort. Stattdessen kritisierte er allzu apokalyptische Bestandsaufnahmen und Prognosen. "Zwischen Schwarz und Weiß ist doch eine Menge Platz für Grautöne."

Sein Zwischenfazit: "Nein, früher war nicht alles besser. Früher war Korea-Krieg, Kuba-Krise, Vietnam-Krieg, Tschernobyl, Seveso, Mauer in Deutschland, atomares Wettrüsten, Deutscher Herbst, Massenarbeitslosigkeit, schlechtere Luft."

Wobei es früher vielleicht leichter gewesen sei, die Deutungshoheit über politische Vorgänge zu erobern, fuhr er fort. Vielleicht habe es vor zwei Jahrzehnten auch noch "mehr Respekt im Umgang mit der politischen Klasse gegeben und ein bisschen weniger ,Bestell-Mentalität’ nach dem Motto: Wenn du im Rathaus nicht sofort lieferst, was ich gestern online bestellt habe, werde ich Protestwähler und informiere sofort die Medien", sagte Maly.

Aber Fakt sei auch: Es gebe auch heute eine klare Mehrheit von Demokratinnen und Demokraten. Verschiedene Studien bescheinigten den Deutschen außerdem hohe kulturelle Offenheit, Sehnsucht nach Gerechtigkeit oder Bereitschaft zum Ehrenamt. Maly bedauerte, dass solche "sympathischen Selbstverständlichkeiten des Menschseins" im "Wahrnehmungsschatten der vielen Pseudo-Skandale, die medial Widerhall finden", lägen.

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Auch kritisierte er, dass im Netz ausschließlich die Währung "Klicks" zähle – "und die bekommt man nur mit starken Reizen, mit permanenter Eskalation der Skandalisierung". In der Zeitung oder in öffentlich-rechtlichen Medien komme es zwar auch auf Quote an, "aber schon auch noch auf das Handwerk Journalismus".

Was Politik mit Bügelwäsche zu tun hat

Der OB verteidigte in seiner Rede auch ganz konkret die Rathaus-Kooperation aus SPD und CSU gegen den gelegentlich erhobenen Vorwurf, "langweilig" und zu wenig transparent zu sein. Vielleicht bedeute langweilig einfach nur "vernünftig". "Und vielleicht ist die Abwesenheit von offenem Streit ein Beitrag zur politischen Produktivität im Rathaus." Maly sehnt sich jedenfalls nicht in die Zeit des Niederstimmens mit knappen Mehrheiten zurück.

"Früher war nicht alles besser. Aber künftig wird auch nicht alles schrecklich", fuhr er schmunzelnd fort. Wobei Politik und Demokratie ein langwieriges und kompliziertes Geschäft bleiben würden. "Es wird Bügelwäsche bleiben. Keiner vor mir ist fertig geworden, ich nicht und keiner nach mir wird je fertig werden."

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Aber die nächste Generation kriege das schon hin. Es sei ihm eine Ehre gewesen, schloss er unter Applaus.

Wie kam die Rede an?

Durch die Bank sehr gut. Es sei eine würdige Abschiedsrede ohne große Selbstbeweihräucherung gewesen, sagten etliche. Bei manchen kam sogar ein wenig Wehmut auf.

Wer war eigentlich eingeladen?

Die Stadt hat rund 2500 Personen aus Politik, Wirtschaft, Polizei, Justiz, Sport oder Kultur eingeladen. Zugesagt haben etwa 1400. Darunter zum Beispiel der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU). Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte kurzfristig ab.

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