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Provokante These: Trümmerfrauen waren nur ein Mythos

In Nürnberg räumten oft andere den Kriegsschutt weg, so eine Historikerin - 07.12.2015 10:49 Uhr

Von der Fotografin Lee Miller stammt diese Aufnahme aus Nürnberg vom April 1945. Seit den 80er Jahren gibt es in Westdeutschland den Generationenbegriff der "Trümmerfrauen". © Lee Miller


Auch in Nürnberg hätten kaum Frauen ab 1945 Steine geschleppt, erklärte Leonie Treber von der TU Darmstadt bei einer Veranstaltung der Landtagsfraktion der Grünen in Nürnberg. „Das Trümmerräumen war eine wenig geachtete Tätigkeit für Menschen am Rande der Gesellschaft.“ Schuften mussten Ex-NSDAP-Mitglieder, Arbeitslose, Vertriebene — Frauen machten nur einen Bruchteil aus. „Die Menschen hatten nichts zu essen, da wollte keiner auch noch Steine schleppen.“

Dass es nicht ungefährlich ist, am Mythos der „Trümmerfrauen“ zu kratzen, musste Treber am eigenen Leib erleben. Seit Erscheinen ihres Buches 2014 bekam sie zahlreiche Drohungen. Aus Sorge um ihre Sicherheit schützt sie ihre Privatadresse. „Die Generation der Kriegskinder sieht durch mein Buch ihre Eltern verraten“, sagt die junge Wissenschaftlerin.

Schutträumen war schon vor 1940 eine Strafarbeit, das Image habe sich auch nach Kriegsende nicht gewandelt. „Insgesamt waren in Deutschland 400 Millionen Kubikmeter Schutt zu entsorgen.“ In Nürnberg waren es allein rund zehn Millionen Kubikmeter. Bereits Mitte Mai 1945 stellten in Nürnberg die amerikanischen Besatzungsmächte der Stadt 10 000 deutsche Kriegsgefangene fürs Steineschleppen in Aussicht. Tatsächlich räumten von Juli bis September frühere Wehrmachtssoldaten aus alliierter Kriegsgefangenschaft Straßen frei.

Außerdem mussten bis April 1946 ehemalige NSDAP-Mitglieder ran. Den Großteil der Arbeit übernahmen in Nürnberg aber laut Treber Baufirmen. Hinzu kamen wie in anderen Städten die „Bürgereinsätze“. Weil sich in Nürnberg aber kaum jemand freiwillig meldete, wurde der verpflichtende „Ehrendienst“ eingeführt. Männer zwischen 16 und 60 Jahren mussten an acht Tagen 50 Stunden Schutträumen. Während die Alliierten alle Bürger einsetzen wollten, bestand die Stadt darauf, Frauen auszunehmen.

Auch Steven Zahlaus vom Nürnberger Stadtarchiv betonte bei der Veranstaltung der Grünen: „Frauen waren in Nürnberg in keiner großen Zahl am Schutträumen beteiligt.“ Seinen Ursprung hatte der Begriff „Trümmerfrau“ laut Treber in Berlin. Dort gab es die „Bauhilfsarbeiterinnen“, die nur dann eine Lebensmittelkarte bekamen die zum Überleben reichte, wenn sie anpackten. Sie machten aber nur fünf Prozent der erwerbstätigen Frauen aus. In der Sowjetzone und später in der DDR wurde die „Trümmerfrau“ dennoch als Vorbild für alle Arbeiterinnen dargestellt.

In Westdeutschland wurden die „Trümmerfrauen“ erst vor dem Hintergrund der Rentendebatte in den 80er Jahren zu einem völlig ahistorischen Generationenbegriff, der allgemein für das entbehrungsreiche Leben der Frauen nach 1945 stand. Seither sei es versäumt worden, eine historische Einordnung vorzunehmen, kritisiert Treber.

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Ute Möller

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