Mittwoch, 19.02.2020

|

zum Thema

Prozess um Zwangsheirat: "Ich will meine Schwester tot sehen"

Bruder des Opfers wird vorgeworfen, einen Auftragskiller engagiert zu haben - 16.01.2020 19:24 Uhr

Der Angeklagte – hier zu sehen mit seinen Anwälten Nils Junge (links) und Bahattin Koyun – schwieg zum Prozessauftakt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen Auftragskiller angeheuert zu haben. © Foto: Daniel Karmann/dpa


Donnerstagmorgen im Ostbau des Justizpalastes an der Fürther Straße: Wer zum Sitzungssaal möchte, der muss sich noch einmal kontrollieren lassen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch. Mira wird heute vor der Jugendkammer des Landgerichts aussagen. Gegen ihren Bruder. Geht es nach der Staatsanwaltschaft, dann soll der 24-Jährige einen angeblichen Killer beauftragt haben. "Ich will sie tot sehen", soll er zu dem Mann, den er am Hauptbahnhof kennenlernte, gesagt haben. Der Tatort sei ihm egal. Wichtig sei nur, dass das Mädchen so schnell wie möglich stirbt. Laut Anklagebehörde soll er dem Killer ein Foto seiner Schwester gezeigt haben – die Adresse, wo er sie finden könnte, lieferte der 24-Jährige auch gleich mit. Kostenpunkt für sechs bis sieben Messerstiche: 1500 Euro.

Was der Bruder nicht wusste: Der Killer ging zur Polizei. Er erzählte den Beamten brühwarm von dem Auftrag. Für den 24-Jährigen klickten die Handschellen. Seit Mitte Juni wartet er in der Untersuchungshaft auf seinen Prozess. Zum Auftakt am Donnerstag schweigt der junge Mann. Möglicherweise aber – so stellt es einer seiner beiden Verteidiger in Aussicht – wird er am Montag aussagen. Ebenfalls am Montag: Die Vernehmung des "Killers".

Während die Anklage verlesen wird und Formalitäten geklärt werden, wartet Mira abgeschirmt auf ihre Zeugenvernehmung. Als Schwester des Angeklagten muss sie nicht aussagen. Die mittlerweile 16-Jährige sitzt aufrecht im Gerichtssaal. Der Bruder nur wenige Meter von ihr entfernt. Mehr als ein halbes Jahr haben sich die beiden nicht mehr gesehen. Mira – die eigentlich gar nicht Mira heißt – lebt in Sicherheit an einem geheimen Ort. Ohne ihre Familie. Monika Goller setzt sich neben ihre Mandantin. Die Anwältin schirmt Mira vor den Blicken ihres Bruders ab. Ja – Mira möchte aussagen. Und das tut sie. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu privat sind die Antworten, die die junge Frau hier geben wird. Und weil Mira zudem noch minderjährig ist, wird sie von der Jugendkammer, die hier als Jugendschutzkammer tätig ist, ganz besonders geschützt.

Bereits am Mittwoch hat Mira in einem anderen Strafverfahren ausgesagt. Vor dem Jugendschöffengericht. Gegen ihre Eltern. Und auch die Vorwürfe gegen die beiden wiegen schwer. So soll der Vater – derzeit sitzt er in Untersuchungshaft – Mira mit dem Tod bedroht und mehrfach geschlagen haben.

Strenge Heiratsregeln

Als Mira zu einer Freundin floh, erzählte ihr ihre Mutter am Telefon, dass sie ihren Cousin nun doch nicht heiraten müsse. Das Mädchen vertraute darauf, dass sie jetzt nicht mehr geschlagen wird und kehrte in ihr Elternhaus zurück. Kaum angekommen, packte der Vater Mira an den Haaren, zog sie in ihr Zimmer und schlug sie mit einem Gürtel auf ihren Rücken und ihren Oberschenkel. Anschließend sperrte er sie bis zum Morgen ein, damit sie nicht erneut von daheim flüchtet. Am Abend dann konnte Mira bei einem gemeinsamen Ausflug endgültig entkommen.

Der Prozess gegen die Eltern beginnt mit Rechtsgesprächen. Legen die Angeklagten umfassende Geständnisse ab, kommt ihnen das bei der Strafzumessung zugute. Der Mutter wird eine Bewährungsstrafe in Höhe von drei bis sechs Monaten in Aussicht gestellt, dem Vater eine Freiheitsstrafe zwischen zwei Jahren und drei Monaten und zwei Jahren und sechs Monaten. Zur Bewährung kann eine Freiheitsstrafe in der Höhe nicht ausgesetzt werden.

"Das ist ein Familienkomplex", sagt Philipp Schulz-Merkel. Der Anwalt vertritt in dem Verfahren Miras Mutter. Für seine Mandantin mache eine Verständigung keinen Sinn, bei der ihr Mann am Ende im Gefängnis bleiben würde. Geständnisse bleiben aus. Die Eltern schweigen, während Justizbeamte zusammen mit USK-Beamten den Flur hermetisch abriegeln und genau aufpassen, dass nichts passiert.

Über ein Krisentelefon gegen Zwangsheirat kann jungen Mädchen und Frauen geholfen werden. Die Mitarbeiter, hier in Hannover, beraten verstärkt Betroffene, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa


Mira – sie wurde bis zu ihrer Aussage streng abgeschirmt – hätte auch in diesem Verfahren ein Zeugnisverweigerungsrecht. Das Mädchen aber spricht. Auch in diesem Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Bereits im Dezember musste sich Miras Cousin vor Gericht verantworten. Dem 28-Jährigen wurde vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts der Prozess gemacht. Angeklagt wurde er unter anderem wegen Vergewaltigung. Verurteilt wurde er am Ende wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen. Ein weiteres Verfahren läuft gegen die Mutter des Mannes, den Mira hätte heiraten sollen.

Mira und ihre Familie sind Jesiden. Vor fünf Jahren kam die Familie nach Deutschland. Geflohen ist sie aus dem Irak, wo Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Genozid durch die Terrormiliz Islamischer Staat droht. Strenggläubige Jesiden halten sich an strikte Heiratsregeln. Demnach dürfen sie nur Mitglieder ihrer eigenen Religionsgemeinschaft heiraten. Wer dagegen verstößt, wird traditionell aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Die weltliche Spitze der Jesiden betont, dass junge Gläubige die Person heiraten sollen, die sie lieben und Zwangsehen zum Scheitern verurteilt seien.

Eine Studie des Bundesministeriums für Familien aus dem Jahr 2011 allerdings lässt aber zumindest erahnen, dass Zwangsheiraten unter Jesiden dennoch gängige Praxis sind. Demnach waren damals knapp zehn Prozent aller Ratsuchenden zur Problematik der Zwangsheirat Jesiden. Schätzungen zufolge leben in Deutschland maximal 200 000 Jesiden.


Weitere Gerichtsmeldungen


Julia Vogl

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Nürnberg, Nürnberg