Prüfen, rufen, drücken: Wiederbelebung ist kinderleicht

5.1.2019, 08:00 Uhr
So tief drücken, bis es klickt: Notarzt Christian Engelen erklärt zwei Schülerinnen an einer Übungspuppe, wie eine Herzdruckmassage richtig ausgeführt wird.

So tief drücken, bis es klickt: Notarzt Christian Engelen erklärt zwei Schülerinnen an einer Übungspuppe, wie eine Herzdruckmassage richtig ausgeführt wird. © Rudi Ott

Sie haben den Dreh, oder besser gesagt: den Druck, raus: Schülerinnen und Schüler der Klasse 7 b am Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg bearbeiten den Brustkorb von "Practi-Man". Die beiden Handballen aufeinandergelegt, stemmen sie ihre durchgestreckten Arme mit ordentlich Kraft immer wieder in den Oberkörper der Puppe. Und zwar so tief, bis es klickt - das Geräusch zeigt an, dass der Druck stimmt.

Den richtigen Rhythmus liefert
Pharell Williams, dessen Song "Get lucky" aus den Lautsprechern dröhnt: 100 Beats pro Minute, das heißt, 100 Mal fest drücken, bis es klickt. Im Ernstfall erinnern sich die jungen Helfer vielleicht an das Lied und drücken dann trotz Aufregung im richtigen Takt. Hochkonzentriert und mit Feuereifer sind die Schülerinnen und Schüler bei der Sache. Dr. Christian Engelen, Notarzt und Anästhesist am Klinikum Nürnberg, beobachtet die Szenerie zufrieden. Er hat den Jugendlichen zuvor die nötigen Informationen geliefert und die Technik gezeigt.

Erwachsene zögern oft

Auf einer Fortbildungsveranstaltung hatte Engelen von der europaweiten Kampagne "Kids save lives" gehört. "Ich war sofort begeistert und dachte mir: So was brauchen wir auch in Nürnberg." Denn mit relativ einfachen Mitteln können bereits Zwölfjährige Leben retten. "Sie müssen nur wissen, wie", meint Engelen. Und das "Wie" lässt sich jungen potenziellen Rettern einfach und plakativ vermitteln: Prüfen, rufen, drücken. Konkret heißt das: Prüfen, ob der Patient noch atmet, den Rettungsdienst unter der Rufnummer 112 alarmieren und dann sofort mit der Herzdruckmassage beginnen.

Ein Ablauf, den auch alle Erwachsenen parat haben sollten. Aber leider trauen sich viele nicht, im Ernstfall beherzt zu drücken. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen und dem Bewusstlosen dann Schaden zuzufügen. Dabei können sie nur eines falsch machen: nämlich nichts tun.

Engelen hofft deshalb sehr auf die "Botschafter-Funktion" der Schülerinnen und Schüler. Sie tragen ihr frisch erworbenes Wissen in die Familie und animieren so vielleicht ihre Eltern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihre Kenntnisse in einem Erste-Hilfe-Kurs wieder aufzufrischen.

Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben in eine Notfall-Situation zu kommen, ist groß: Jedes Jahr brechen 50 000 Menschen außerhalb einer Klinik bewusstlos mit einem plötzlichen Herzstillstand zusammen. Nicht selten sind es nahestehende Menschen. Ihr Leben könnte gerettet werden, wenn jemand umgehend hilft. Schon nach drei bis fünf Minuten ohne Herztätigkeit sterben durch den Sauerstoffmangel Zellen im Gehirn und anderen lebenswichtigen Organen irreversibel ab. Die Chancen, ohne weitreichende Einschränkungen zu überleben, sinken mit jeder Minute, in der nicht gehandelt wird. Und bis professionelle Helfer eintreffen, kann es acht bis zehn Minuten dauern.

Nach der Rückkehr von der Fortbildungsveranstaltung fand Christian Engelen schnell Mitstreiter für die Idee, schon Schüler an das Thema heranzuführen. Der Verein Nürnberger Notärzte und die Jugendverbände von BRK, Arbeiter-Samariter-Bund, Maltesern und Johannitern haben sich mit der Aktion "#Nürnberg Drückt" ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Alle Jugendlichen an weiterführenden Schulen sollen sich ab der siebten Klasse — da sind die Buben und Mädchen im Schnitt zwölf Jahre alt - jedes Jahr in einer Doppelstunde mit dem Thema Herz-Lungen-Wiederbelebung befassen.

Ein erster Bericht in unserer Zeitung über das Projekt fand ein großes Echo bei den Lesern. Bisher gingen 14 000 Euro an Spenden ein - Geld, das für die Anschaffung von inzwischen 320 Übungspuppen, für Lehrmaterial oder die Ausbildung von Lehrern verwendet wurde. Eine Anschubfinanzierung mit 2500 Euro kam vom Klinikum Nürnberg, den Rest steuerten zum Beispiel die Sparkasse, die Apotheker- und Ärztebank, eine Crowdfundig-Aktion bei der VR-Bank oder eben unsere Leserinnen und Leser bei. "Dafür möchten wir uns herzlich bedanken", betont Engelen.

Auch bei den Schulen kommt die Idee gut an. Bisher wurden 23 Lehrer von 18 Schulen aller Schularten ausgebildet (für die nächste Fortbildung am 15. Januar wären noch Plätze frei). Dabei wird den Pädagogen das Rüstzeug für ein Unterrichts-Konzept vermittelt. Engelen und seine Mitstreiter hoffen, im neuen Jahr noch mindestens 25 bis 30 weitere Schulen für "#Nürnberg Drückt" zu gewinnen.

In Dänemark helfen 70 Prozent

In Dänemark hat die Idee bereits Schule gemacht. Hier ist Basiswissen in Sachen Reanimation schon seit 2005 Pflicht im Unterricht. Und das zahlt sich aus: In dem skandinavischen Nachbarland beginnen über 79 Prozent der Laien im Ernstfall mit der Herzdruckmassage. Engelen: "In Deutschland sind wir im besten Fall bei 40 Prozent. Mit einer Quote wie in Dänemark würden in Deutschland jedes Jahr 10 000 Menschen mehr überleben."

Nürnberg könnte eine der ersten Städte in Bayern werden, in der alle Schüler ab der siebten Klasse die Herzdruckmassage beherrschen. Dazu braucht es aber noch mehr Unterstützer der Aktion "#Nürnberg Drückt". Wer helfen möchte, kann auf das Konto des Nürnberger Notärzte e. V., IBAN DE94 3006 0601 0006 5345 20, bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank spenden.

Sponsoren oder Schulen, die sich an dem Projekt beteiligen möchten, können sich per E-Mail an nuernbergdrueckt@gmail.com wenden. Infos zur Aktion finden sich im Internet unter der Adresse www.nuernbergdrueckt.de

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