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Querdenker-Vergleich mit Sophie Scholl: "Ist eine Unverschämtheit"

Lehrer der gleichnamigen Nürnberger Realschule ist empört - 15.12.2020 17:53 Uhr

U-Bahnhof Bärenschanze im Jahr 2018: Mit Konfettis haben Jugendliche der Geschwister-Scholl-Realschule ein Plakat zum Tag der Menschenrechte gestaltet.

14.12.2020 © Stefan Hippel/NNZ


Herr Schwarzer, auf einer Kundgebung der "Querdenken"-Bewegung hat sich eine junge Frau im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl verglichen, die mit ihrem Bruder von den Nationalsozialisten hingerichtet worden ist. Zitat: "Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin." Was halten Sie von dieser Äußerung?

Michael Schwarzer: Das ist einfach nur eine Unverschämtheit, eine lächerliche Frechheit. Die junge Frau lebt in einem demokratischen System, in dem sie alles sagen darf. Sophie Scholl lebte in einer Diktatur, wo das absolut nicht gegeben war. Sie wusste sogar, dass sie für ihre Meinungsäußerung umgebracht werden kann.


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An Ihrer Schule wird das Befassen mit den Menschenrechten groß geschrieben. Warum?

Schwarzer: Seit der Schulgründung vor 17 Jahren begehen wir den "Internationalen Tag der Menschenrechte" als Projekttag. Ich habe ein Geschwister-Scholl-Lied als unser Schullied verfasst, in dem Texte und Gedanken von Hans und Sophie Scholl zitiert werden. Wir haben es zehn Jahre eifrig gesungen, danach ist es eingeschlafen und nun wollen wir es wieder beleben. Der Name unserer Schule ist für uns Verpflichtung. Es soll deutlich werden, dass auch heute Zivilcourage, Mut und Einsatz nötig sind.

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Heuer wollten Sie sich beim Aktionstag auf ganz unterschiedliche Weise mit den Geschwistern Scholl befassen.

Schwarzer: Ja, die Kleinsten sollten sich eine frisch gezeichnete Bildergeschichte unserer Kunstlehrerin Dorothea Koch anschauen. Die siebten und achten Klassen sollten mehr über die Zeit erfahren, in der die beiden Scholls gelebt haben. Wie waren sie gekleidet, was haben sie gegessen, wie haben sie mit ihren Eltern geredet? Warum waren sie so mutig? Man sollte mehr von ihrem Lebensumfeld erfahren. Landtagsvizepräsident Karl Freller hat unserer Schule sogar eine sehr persönliche, kurze Videobotschaft geschickt. Und die Großen hätten sich mit den Flugblättern beschäftigen sollen. Doch wegen Corona waren viele Klassen zuhause oder im Wechselunterricht.


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Menschenrechte ist ein großes Wort. Wo spielt das im Klassenzimmer eine Rolle?

Schwarzer: Es geht auch hier um die Gleichwertigkeit aller Menschen. In unseren Klassen gibt es gelegentlich Streit und Ausgrenzung, Beleidigungen und Rivalitäten. Darüber sprechen wir dann. Das Aufarbeiten gelingt mir ganz gut. Manchmal beschäftigte mich in Vertretungsstunden das Thema 'Diskriminierung'. Da äußerte ein Jugendlicher beispielsweise: ,Nur weil ich Syrer bin, bekomme ich schlechte Noten.' Bei so einer Aussage geraten Lehrer unter Druck. Doch wir haben in der Klasse darüber geredet und da äußerten Mitschüler: ,Nicht weil Du aus einem anderen Land stammst, hast Du schlechte Noten, sondern weil Du schlechte Leistung gebracht hast.' Dass dies beim Klassengespräch herausgekommen ist, halte ich für einen Riesenerfolg. Mittlerweile kommt keiner mehr mit einer derartigen Beschwerde.

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Sie bleiben aber nicht nur im Klassenzimmer, sondern suchen auch Menschenrechts-Orte in Nürnberg auf.

Schwarzer: Das ist richtig. Die Straße für Kinderrechte im Stadtpark oder die Straße der Menschenrechte am Germanischen Nationalmuseum. Den Saal 600 haben wir bereits besucht, da gab es noch gar kein Memorium Nürnberger Prozesse. Wir schauen uns an, was heute daraus geworden ist. Beim Saal 600 kommen wir natürlich auf das Thema Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag. Oder wir laden auch Gruppen wie Amnesty International ein, die über ihre Arbeit erzählen. Wir schauen, was heute in Bezug auf Menschenrechte wichtig ist und wo man aktiv werden kann.

Stichwort "aktiv werden". Als Klassenverband ist das momentan schwierig, weil die Pandemie zu neuen Unterrichtsformen zwingt.

Schwarzer: In den vergangenen Wochen hatten wir bei unseren Jüngsten regelmäßig Wechsel: Eine halbe Klasse war da, die andere Hälfte zuhause. Die achten und neunten Klassen haben ausschließlich von zuhause aus gelernt und die zehnten Klassen als Abschlussklassen waren da. Dadurch entfallen klassenübergreifende Aktionen, wir holen sie aber im nächsten Frühjahr nach. Nach den jüngsten politischen Beschlüssen gibt es noch bis Freitag Distanzunterricht, danach sind Ferien.

Klappt es gut mit dem home office bei Schülern?

Schwarzer: Überwiegend ja, aber wir arbeiten mit privaten Laptops oder PCs. Viele Schüler sind sogar auf die kleinen Handy-Monitore angewiesen, weil sie keine anderen Geräte haben. Die vom Staat versprochenen Geräte fehlen bis heute. Ebenso die FFP2-Masken für die Lehrer. Es sind bisher nur ganz wenige bei uns eingetroffen. Beim Wechselunterricht haben wir bis jetzt täglich gewechselt. Denn viele Schülerinnen und Schüler haben zwar online Zugang, aber sie besitzen zuhause keinen Drucker. So konnten sie die Arbeitsblätter nicht ausdrucken. Durch den täglichen Wechsel konnten wir sie ihnen mitgeben.

Wie geht es nach den Weihnachtsferien am 10. Januar weiter?

Schwarzer: In den letzten Monaten kamen kaum schnelle, verlässliche und vorausschauende Angaben aus dem Ministerium, wie mit den ständig wechselnden Bedingungen corona-konform umgegangen werden soll.. Das wünsche ich mir für die Zeit nach dem 10. Januar.


Der gebürtige Nürnberger Michael Schwarzer unterrichtet Mathematik und katholische Religion, "beides sind geistige, logische Fächer", wie er betont. Der Pädagoge steht seit 27 Jahren im Klassenzimmer. Wichtig ist dem 53-Jährigen ein fröhliches, gelassenes Miteinander unter Lehrern wie Schülern. Schwarzer wandert gerne, fotografiert und beobachtet Vögel.

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