"Rächer" Harmatz: "Deutsche töten, so viele wie möglich"

7.10.2016, 14:28 Uhr
Die Konsum-Großbäckerei am Schleifweg belieferte das Kriegsgefangenenlager Langwasser (li.). Nach dem gescheiterten Anschlag entdeckten amerikanische Ermittler das Arsen-Versteck unter dem Fußboden des Betriebes (re.). Dort wurden noch vier volle Giftflaschen gefunden.

Die Konsum-Großbäckerei am Schleifweg belieferte das Kriegsgefangenenlager Langwasser (li.). Nach dem gescheiterten Anschlag entdeckten amerikanische Ermittler das Arsen-Versteck unter dem Fußboden des Betriebes (re.). Dort wurden noch vier volle Giftflaschen gefunden. © Foto: Heigl/Nationalarchiv Washington

Harmatz war Mitglied der Geheimorganisation „Nakam“, was auf Hebräisch Rache bedeutet. Die Gruppe jüdischer Widerstandskämpfer hatte sich vorgenommen, durch spektakuläre Anschläge gegen Deutsche zu zeigen, dass Juden sich wehren und Vergeltung üben können.

Harmatz stammte aus Litauen und hatte fast seine gesamte Familie in der Schoah verloren. Noch vor wenigen Monaten gab er der Presseagentur AP ein Interview, in dem er bedauerte, dass er bei seiner Aktion in Nürnberg keine Nazis umgebracht hatte. Das Ziel der Organisation Nakam beschrieb Harmatz kurz und bündig: „Deutsche töten. So viele wie möglich.“

Die Gruppe hatte ursprünglich geplant, das Trinkwasser in Hamburg, Frankfurt am Main, München und Nürnberg zu vergiften. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch, da der Nakam-Leiter Abba Kovner verhaftet wurde. Auch die Idee, die angeklagten Hauptkriegsverbrecher während des Prozesses zu töten, wurde aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen im Justizpalast verworfen. Deshalb beschränkte sich die Organisation darauf, die berüchtigste Gruppe von NS-Kriegsverbrechern ins Visier zu nehmen – ehemalige SS-Mitglieder.

Dieses undatierte Bild zeigt Joseph Harmatz (links, am Boden liegend).

Dieses undatierte Bild zeigt Joseph Harmatz (links, am Boden liegend). © Repro: Jim G. Tobias

Am 13. April 1946 drangen drei Nakam-Kämpfer in die Nürnberger Konsum-Großbäckerei am Schleifweg ein. Die Bäckerei belieferte das Internierungslager in Langwasser, in dem sich damals mehrere Tausend deutsche Kriegsgefangene befanden, hauptsächlich SS-Angehörige. In der Bäckerei bestrichen die Kommandos etwa 3000 Graubrotlaibe mit Wasser, in das Arsenpulver gerührt war. Am nächsten Tag zeigten zahlreiche Gefangene Vergiftungserscheinungen, jedoch überlebten alle. Harmatz und seine Kameraden konnten nach Palästina fliehen, wo sie sich am Aufbau des Staates Israel beteiligten. Harmatz arbeitete für die Jewish Agency of Israel, die heutige Einwanderungsbehörde des jüdischen Staates, und die World ORT, eine jüdische Bildungsorganisation.

Die Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Nürnberg stellte im Mai 2000 ein Ermittlungsverfahren wegen versuchten Mordes gegen Harmatz und ein weiteres Nakam-Mitglied ein. Zuvor hatten sie sich zu der Tat bekannt, unter anderem in der Dokumentation „Die Rächer“ des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als Begründung für die Einstellung des Verfahrens führte die Staatsanwaltschaft „Verjährung aufgrund außergewöhnlicher Umstände“ an.

Die Konsum-Großbäckerei am Schleifweg belieferte das Kriegsgefangenenlager Langwasser (li.). Nach dem gescheiterten Anschlag entdeckten amerikanische Ermittler das Arsen-Versteck unter dem Fußboden des Betriebes (re.). Dort wurden noch vier volle Giftflaschen gefunden.

Die Konsum-Großbäckerei am Schleifweg belieferte das Kriegsgefangenenlager Langwasser (li.). Nach dem gescheiterten Anschlag entdeckten amerikanische Ermittler das Arsen-Versteck unter dem Fußboden des Betriebes (re.). Dort wurden noch vier volle Giftflaschen gefunden. © Foto: Heigl/Nationalarchiv Washington

Die von Nakam eingesetzte Arsen-Menge hätte laut bisher geheimen amerikanischen Militärunterlagen etwa 60 000 Menschen töten können. Warum der Plan nicht funktionierte, ist bis heute unklar. Eine Theorie geht davon aus, dass die Attentäter in ihrer Hast das Gift zu dünn auftrugen. Eine andere besagt, dass die SS-Männer sofort merkten, dass mit dem Brot etwas nicht stimmte, und nicht genug davon aßen, um zu sterben.

„Wenn ich auf etwas stolz bin, dann, dass ich dieser Gruppe angehörte“, sagte Harmatz in dem Interview kurz vor seinem Tod und fügte hinzu: „Gott bewahre, wenn wir nach dem Krieg einfach zur Routine übergegangen wären, ohne darüber nachzudenken, es diesen Bastarden heimzuzahlen.“

Der Film mit Interview-Aufnahmen von Joseph Harmatz ist im Netz unter nurinst.org frei verfügbar.