Rassismus gegen Muslime: Was eine junge Frau in Franken erlebt

23.3.2021, 06:00 Uhr
Sema Oğuzcan-Avcı, 27 Jahre alt, engagiert sich gegen antimuslimischen Rassismus und gibt dazu auch immer wieder Schulungen.

Sema Oğuzcan-Avcı, 27 Jahre alt, engagiert sich gegen antimuslimischen Rassismus und gibt dazu auch immer wieder Schulungen. © e-arc-tmp-20210321_120337-1.jpg, NN

Frau Oğuzcan-Avcı, Sie kämpfen gegen antimuslimischen Rassismus. Wie äußert der sich Ihnen gegenüber?

Sema Oğuzcan-Avcı: Ich bin eine Muslima, die Kopftuch trägt. Darauf reagieren manche Menschen stark: Man wird als nicht kompetent wahrgenommen. Sondern nur als eine muslimische, unterdrückte Frau, die verheiratet ist, fünf Kinder hat und bestenfalls als Küchenhilfe oder Reinigungskraft arbeitet. Mir wird unterstellt, dass ich ungebildet sei und dass ich die Sprache nicht beherrsche. Dabei bin ich hier geboren und aufgewachsen, ich habe Abitur gemacht und studiert. Es ist stets dieser Druck, sich beweisen zu müssen: Ich habe etwas auf dem Kasten. Das ist anstrengend.

In welchen Situationen begegnen Ihnen diese Vorurteile?

Oğuzcan-Avcı: In allen Bereichen des Lebens. Zu Schulzeiten war ich noch nicht bedeckt. Aber das hat einige meiner Lehrer nicht davon abgehalten, mich auszugrenzen und mir zu vermitteln, ich könne nicht gut deutsch. Auch im Alltag, ganz banal beim Einkaufen, werde ich gefragt, ob ich deutsch verstehe. Aber auch in Behörden oder im Arbeitsleben. Studien belegen auch, dass Frauen mit Kopftuch im Bewerbungsprozess diskriminiert werden. Oder Menschen, die einen ausländisch klingenden Namen haben. Diese Erfahrung haben viele Bekannte und Freunde von mir gemacht. Ich selber war im Integrationsbereich tätig - da hatte ich nie große Probleme. Bei einer Bewerbung auf Stelle im öffentlichen Dienst wurde mir aber klar gesagt, dass ich keine Chance hätte, weil im öffentlichen Dienst eine Frau mit Kopftuch nicht angenommen werde. Das Kopftuch war nie in der Debatte, als die erste und zweite Generation der türkischen Zuwanderer in der Fabrik gearbeitet hat. Aber jetzt, da die jüngere Generation angesehene Jobs anstrebt, sieht man es nicht mehr gerne.


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Der Streit einer Drogeriemarktkette, die einer Angestellten das Tragen des Kopftuchs verbieten wollte, liegt jetzt beim Europäischen Gerichtshof.

Oğuzcan-Avcı: Die Arbeitgeber stellen Frauen mit Kopftuch nicht ein, weil sie Angst haben, dass die Kunden wegbleiben. Aber wenn Frauen mit Kopftuch in allen Bereichen unseres Lebens präsent wären, wäre es doch normal - und kein Grund, ein bestimmtes Geschäft nicht zu besuchen. Die Mehrheit der Muslime sieht das Kopftuch als religiöse Pflicht. Und dann von Frauen zu fordern, es für die Arbeit abzunehmen, finde ich nicht korrekt. Ich trage das Kopftuch für mich - und nicht für jemanden anderen.

Nach einem Urteil des Verfassungsgerichts kann aber das Tragen eines Kopftuchs im Gerichtssaal verboten werden. In der Begründung heißt es, ein Gericht müsse sich in weltanschaulich-religiöser Hinsicht neutral verhalten können.

Oğuzcan-Avcı: Das finde ich, ehrlich gesagt, absurd. Es geht ja um das Gedankengut. Es geht nicht um das, was auf dem Kopf drauf, sondern was drin ist. Wenn ein Richter rassistisches Gedankengut hat, dann sieht man das ja auch nicht. Wenn er das von seinen Entscheidungen trennt, kann auch er Richter sein. Bei einer Frau mit Kopftuch impliziert man aber, dass sie ihr Wertesystem in ihre Entscheidung einbezieht. Auf diesem Posten urteilt man doch nach deutschem Recht. Jemand, der in Deutschland lebt und das Rechtssystem anerkennt, sollte auch dessen Grundlage entscheiden können - egal ob er Kopftuch trägt oder nicht.

Wie sehr nervt es Sie, sich immer mit der Diskussion über das Kopftuch auseinanderzusetzen?


Oğuzcan-Avcı: Sehr. Ich habe mich immer als eine privilegierte bedeckte Muslima wahrgenommen. Ich habe mich 2013 mit meinem Abitur bedeckt, anfangs hatte ich kaum Probleme damit. Seit 2015/16 wurde es immer mehr Thema, als durch die Geflüchteten vermehrt arabische muslimische Frauen nach Deutschland gekommen sind. Damit hat die Diskussion zugenommen, ob das Land islamisiert wird. Der Blick der Medien auf Geflüchtete und damit einhergehend auf "den Islam" in stets reißerischen Kontexten haben die Situation zugespitzt. Ich bin es leid, mit gebrochenem Deutsch angesprochen zu werden, weil durch meine Optik auf fehlende Sprachkenntnisse geschlossen wird.

Was macht all das mit Menschen?


Oğuzcan-Avcı: Mich hat es in vielen Punkten zielstrebiger gemacht. Aus der Wut, die in solchen Momenten hochkommt, habe ich mir vorgenommen, dass ich mich von solchen Menschen nicht weiter herumschubsen lasse. Aber es kann auch in die andere Richtung gehen: Dass es aus dieser Wut zu Parallelgesellschaften kommt. Dass man sich ausgestoßen fühlt und in sein Grüppchen zurückzieht. Es gibt beides.


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Was kann man Ihrer Ansicht nach gegen antimuslimische Diskriminierung tun?


Oğuzcan-Avcı: Man sollte an den Schulen ansetzen. Und zwar nicht unbedingt mit einem Unterrichtsfach “Interkulturelle Bildung”, sondern in allen Fächern. Man kann in Deutsch oder Englisch das Thema Rassismus und Diskriminierung behandeln. Leider gibt es für Grundschulen immer noch Schulbücher, in denen die “bösen Muselmanen” erwähnt werden oder der “böse Ali”.

Besonders Frauen mit Kopftuch berichten immer wieder von Rassismus.

Besonders Frauen mit Kopftuch berichten immer wieder von Rassismus. © Laura Lewandowski/dpa

Die Schulbücher müssen angepasst werden, die Lehrer müssen mit interkultureller und transkultureller Kompetenz geschult werden. Das gleiche gilt auch für Behörden - da sollte es verpflichtende Veranstaltungen für Mitarbeiter geben. Es kann nicht sein, dass jemand dort schlecht behandelt wird, nur weil er kein gutes Deutsch spricht. Und solche Fälle gibt es leider immer wieder. Eine angemessene mediale Repräsentation migrantischer und muslimischer Themen wäre zudem auch hilfreich. Antimuslimischer Rassismus wird als solcher nicht benannt, sondern bewusst geleugnet, obwohl dieses Problem sich bereits vermehrt - insbesondere in Übergriffen gegen Muslime - gezeigt hat.

INFO

Am Donnerstag, 25. März, gibt es ab 19 Uhr im Rahmen der Nürnberger Wochen gegen Rassismus einen NN-Talk über das Thema “Schwarz-Weiß-Denken - Alltagsrassismus in Nürnberg”. Franziska Holzschuh, Leiterin der Lokalredaktion der Nürnberger Nachrichten und Martina Mittenhuber vom Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg diskutieren dazu mit Anne Chebu, Nasser Ahmed, Lena Mariama Meinhold und Sema Oğuzcan-Avcı. Die Veranstaltung können Sie im Livestream verfolgen unter https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte/