An den Schulen wird es eng

Raumnot an Nürnberger Gymnasien: Kinder müssen abgewiesen werden

22.6.2021, 06:55 Uhr
Der Übertritt von der Grundschule auf das Gymnasium ist für die Kinder ein großer Schritt. Nicht immer klappt es in Nürnberg mit dem Wunschgymnasium. Die Kapazitäten sind so knapp, dass manche Schülerinnen und Schüler sogar ins Umland verteilt werden. 

Der Übertritt von der Grundschule auf das Gymnasium ist für die Kinder ein großer Schritt. Nicht immer klappt es in Nürnberg mit dem Wunschgymnasium. Die Kapazitäten sind so knapp, dass manche Schülerinnen und Schüler sogar ins Umland verteilt werden.  © Julian Stratenschulte, dpa

Die Mutter klingt aufgebracht. Nein, sie sei nicht wütend auf die Schule, sagt Ines K. (Name geändert). Gar nicht. "Es war einfach ein Schock. Die Situation ist wegen Corona sowieso schon schwierig für die Kinder. Da hat uns die Absage der Schule zusätzlich hart getroffen." Die Familie wohnt in Thon, das Willstätter Gymnasium, das sich ihr Junge gemeinsam mit seinen besten Freunden ausgesucht hatte, liegt in der Altstadt. Doch es hat nicht geklappt. Als Alternative hatte die Familie im Anmeldebogen das Hans-Sachs-Gymnasium angegeben. Aber auch dort kam ihr Sohn nicht unter.

Die Verteilung der Schüler, die keinen Platz an ihrer Wunschschule bekommen haben, übernimmt das Büro des Ministerialbeauftragten für Gymnasien im Mittelfranken. Familie K. wurde das Pirckheimer Gymnasium in der Südstadt angeboten. Denn auch dort gibt es einen MINT-Zweig (MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Schüler mussten auf vieles verzichten

Das Problem sei nicht die Schule, sagt Ines K. "Aber jetzt muss mein Sohn mit der Straßenbahn statt zwei Kilometern acht Kilometer fahren." Was aber für ihn schlimmer ist: "Seine Freunde gehen jetzt auf andere Schulen. Das ist wirklich traurig." Dabei hätten sich die Kinder wegen der Corona-Krise ohnehin schon so wenig sehen können und auf so vieles verzichten müssen.

Dass seine Schule diesmal Absagen verschicken musste, betrübt auch Stephan Reuthner, den Leiter des Willstätter Gymnasiums. "Das tut uns sehr, sehr leid. Es ist wirklich bitter, in jedem einzelnen Fall."

Reuthner betont, dass es nicht an der Schule liege, dass Kinder abgewiesen werden müssen. Hintergrund sei der Aufbau der Gymnasien zum neuen G9. Damit hat sich das Raumproblem an vielen Schulen verschärft. Die letzten G8-ler machen 2024 ihren Abschluss. Im Jahr 2025 wird durch die Umstellung vom G8 auf das G9 kein Jahrgang Abitur schreiben. "Damit haben wir dann einen gesamten Jahrgang zusätzlich", sagt Stephan Reuthner.

100 Kinder ins Umland vermittelt

Das Ministerialbüro verteilt die Kinder nach bestimmten Kriterien. Dabei spielt unter anderem eine Rolle, welcher Zweig gewählt wird, ob schon Geschwisterkinder an einer Schule sind und wie gut die Einrichtung vom Wohnort der Schüler aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.


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Diesmal mussten erstmals sogar Kinder an Schulen im Umland vermittelt werden. Kinder aus dem Norden der Stadt nach Röthenbach an der Pegnitz - dorthin werden seit einiger Zeit auch Nürnberger Realschulkinder geschickt, die in Nürnberg keinen Platz finden. Schüler aus dem Süden Nürnbergs wurden an Gymnasien nach Wendelstein oder Stein vermittelt. "Wichtig ist", sagt Schulreferentin Cornelia Trinkl, "dass es einen guten Anschluss an den ÖPNV gibt."

Alt-Schulbürgermeister hatte früher schon gewarnt

Monika Braun, Mitarbeiterin des Ministerialbeauftragten, verweist darauf, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien stetig wächst und nun eben noch die Raumproblematik durch das G9 hinzukomme. Deshalb müsse die Zahl der Züge an manchen Schulen spätestens jetzt reduziert werden. "Es ist höchste Zeit. Man kann damit nicht mehr warten."

Vor der Situation hatte Nürnbergs früherer Schulbürgermeister Klemens Gsell schon gewarnt, nachdem die Rückkehr vom G8 zum G9 beschlossen wurde. Nürnberg brauche zwei zusätzliche Gymnasien betonte er immer wieder: eines, weil die Einwohnerzahl wächst, und ein weiteres, weil das neue G9 eingeführt wird.

"Es gibt für jedes Kind einen Platz"

Seine Nachfolgerin Cornelia Trinkl hat die Raumnot quasi geerbt. Immerhin ist für ein weiteres Gymnasium ein Standort gefunden: Es entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Prinovis-Druckerei in Langwasser. In der Nordstadt einen Standort zu finden, sei eher schwierig, sagt die Schulreferentin. Und sie betont: "Es gibt für jedes Kind einen Platz. Auch wenn es nicht immer der an der Wunschschule ist." Die Vermutung, die manche Eltern anstellen, dass Kinder von außerhalb Nürnbergs bevorzugt würden, weist Cornelia Trinkl zurück.

Die Wunschschule der Familie W. (Name geändert) ist das Johannes-Scharrer-Gymnasium. Der sozialwissenschaftliche Zweig wäre ideal für seinen Sohn, sagt Ernst W.. Doch die Absage kam schon kurz nach dem Anmeldetermin. Seit Jahren muss das Scharrer-Gymnasium immer wieder Kinder abweisen.

"Ich habe es schon fast geahnt", sagt W.. "Schon bei der Anmeldung hieß es, dass nicht alle Kinder einen Platz bekommen werden." Was ihn zusätzlich ärgert: "Die Kinder sind in der Pandemie vergessen worden. Sie wurden stiefmütterlich behandelt."

"Die Stadt blockiert nicht"

Regina R. (Name geändert) ist wütend und enttäuscht. Auch ihr Sohn hatte sich das Scharrer-Gymnasium ausgesucht - wegen des sozialwissenschaftlichen Zweigs, den es an keinem anderen öffentlichen Gymnasium in Nürnberg gibt - und eine Absage bekommen. Ihm wurde von der Behörde ein Platz am Hans-Sachs-Gymnasium angeboten. "Aber mein Sohn will nicht ans Hans-Sachs." Regina R. sagt, dass wohl ein vor Jahren gefasster Stadtratsbeschluss die Ursache dafür ist, dass das städtische Scharrer-Gymnasium nicht mehr Kinder aufnehmen darf, weil auf die Stadt sonst zusätzliche Kosten zukämen. "Dabei gebe es dort durchaus Raumkapazitäten", habe sie erfahren.

Von Seiten der Schulleitung will man sich zu dem Thema nicht äußern, Direktor Michael Schminke verweist auf die Schulverwaltung. Cornelia Trinkl betont, dass es nicht an einem Stadtratsbeschluss liege, dass das Scharrer-Gymnasium nicht mehr Kinder aufnehmen kann. "Es stimmt nicht, dass die Stadt da blockiert." Das Gymnasium habe fünf Eingangsklassen bilden können wie in den Jahren zuvor auch. Zum Thema Anmeldezahlen will sich auch Harald Schmidt, der Leiter der Bertolt-Brecht-Schule nicht äußern. Er verweist ebenfalls auf die Schulreferentin.

Vor allem die Innenstadtgymnasien hätten ein Raumproblem, so Trinkl, die Möglichkeit zur Erweiterung sei nicht da. Dazu komme, betont auch sie, dass mit dem neuen G9 die Platzprobleme noch größer seien und die Gymnasien deshalb weniger Eingangsklassen bilden könnten. "Außerdem steigt die Zahl der Anmeldungen." In diesem Jahr sind es rund 150 mehr als im Vorjahr.

Für den Norden gibt es noch keinen Plan

Die Stadt sei dabei, weitere Kapazitäten zu schaffen, mit Hilfe von Neu- und Ergänzungsbauten. Die neue Bertolt-Brecht-Schule werde 2022 eröffnet, das neue Schulzentrum Südwest sei am Entstehen. Das Martin-Behaim-Gymnasium bekomme zusätzliche Züge und auch das Neue Gymnasium Nürnberg werde erweitert. All diese Schulen befinden sich jedoch im Süden der Stadt. Für den Norden gibt es noch keinen Plan. Es sei aber eine Entlastung der Innenstadtschulen geplant, sagt Cornelia Trinkl. "Wir denken über die Schaffung eines Oberstufenzentrums nach. Aber auch dafür müssen wir Räume finden."

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