Rocker-Affäre: Überraschung zum Prozessauftakt in Nürnberg

7.11.2017, 16:59 Uhr
Für eine Racheaktion an den Hells Angels charterte das LKA offenbar einen Kleinbus für die Bandidos.

Für eine Racheaktion an den Hells Angels charterte das LKA offenbar einen Kleinbus für die Bandidos. © Franziska Kraufmann/dpa

Auf der Karriereleiter standen sie recht weit oben, doch nun sind sie allesamt suspendiert, weil sie Straftaten von der Strafvereitelung bis zum mittelbaren Diebstahl begangen haben sollen, betrogen und gelogen und ihre Kollegen an der Verfolgung von Verbrechen gehindert haben könnten.

Schwere Vorwürfe, doch wie stehen die Angeklagten dazu? Die zwei Kommissare, die als Hauptverdächtige gelten, lassen ihre Anwälte sprechen - und diese kündigen nur an, zunächst zu schweigen.
"Das überrascht jetzt ein bisschen", sagt Ulrich Flechtner, der Vorsitzende Richter der 13. Strafkammer - und verhehlt nicht, dass erst im Oktober Vorgespräche liefen, in denen umfassende Aussagen angekündigt wurden. So zeigt schon der Prozessauftakt, wie kompliziert die Aufklärung dieser Affäre werden dürfte, die schon in der Anklage so peinlich klingt.

Ein Polizist erscheint mit vier Anwälten

Mit einem ganzen Pulk an Verteidigern sind die sechs Polizisten in den Gerichtssaal marschiert - mindestens zwei Anwälte flankierten jeden, einer der Ex-Kommissare bemüht gleich vier Rechtsanwälte. Sie alle tragen dunkle Anzüge und frische Kurzhaarschnitte, optisch passen sie gut zu den Verteidigern in ihren schwarzen Roben. Wir gehören doch dazu, zu Polizei und Justiz, soll das Bild wohl sagen.
 
Ihren Anfang nimmt diese Geschichte, die nun an 30 Tagen bis März im Landgericht Nürnberg-Fürth verhandelt werden soll, im Jahr 2009. Mario F., ein Nachtclub-Besitzer aus Amberg mit guten Kontakten ins Rotlicht- und Drogenmilieu, dient sich dem LKA als Spitzel an, als V-Mann. Er will sich bei den Regensburger Bandido-Rockern einschleichen, dem Staat Einblicke hinter die Kulissen des organisierten Verbrechens liefern. Und so wird Mario F., ein Mann mit 13 Vorstrafen und viel Gefängniserfahrung zur Wunderwaffe der Polizei. Mittlerweile ist er 50 Jahre alt und zu erwarten ist, dass er als Zeuge die LKA-Beamten schwer belasten wird. 

Diebestour nach Dänemark

Ausgangspunkt der Ermittlungen ist eine Diebestour der Bandios im September 2011 nach Dänemark - dort wollten die Rocker Minibagger und Kleinbaumaschinen im Gesamtwert von 55.000 Euro stehlen und anschließend im Kosovo verscherbeln. Dass ein V-Mann bei einer solchen Nummer dabei sein will - nachvollziehbar. Doch der Knackpunkt ist, dass zwei Kommissare, so die Anklage, die den Spitzel "führten", wie es im Polizeijargon heißt, alle Vorschriften außer Acht ließen und später ihr Wissen um die Straftat leugneten. 

Denn die Sache flog auf, als die dänische Polizei Mario F. erwischte. Und hier beginnt in der 25-Seiten-starken Anklageschrift das Kapitel "Strafvereitelung". "In bewusstem und gewollten Zusammenwirken" verschleierten die Polizisten, dass sie Mario F. zu Straftaten, wie zur Teilnahme an der Entwendung der Minibagger, angestiftet hatten. Laut Anklage belogen sie Kollegen bei der Polizei und Staatsanwälte und später, als sich Mario F. wegen eines Drogendelikts vor dem Landgericht Würzburg verantworten musste, sagten sie auch dort falsch aus. 

LKA mietet Kleinbus für Bandidos

Einige Details in der Anklage sind so irre, dass sie in jedem TV-Krimi als zu überdreht geraten kritisiert würden: So wird auf Kosten des LKA ein Kleinbus für die Bandidos angemietet - eine Reise nach Rumänien steht an, eine Racheaktion an den dortigen Hells Angels ist geplant. Überdies hat das LKA für Mario F. einen Mercedes E 220 CDI geleast - als er das vereinbarte Kilometerlimit überschritt, ließen die Beamten von einem zwielichten Autoschrauber den Tachometer zurückdrehen. Der Formulierung der Staatsanwaltschaft, dass der beschuldigte Polizist offenbar der Staatskasse eine Nachzahlung beim Autohaus ersparen wollte, klingt schier ironisch. Wie und ob die Karrieren der Spitzenbeamten weitergehen, entscheidet sich erst nach dem Prozess.