Rollstuhlfahrerin aus Franken klagt die Deutsche Bahn an

26.3.2017, 07:56 Uhr
Ein Service-Mitarbeiter der Bahn hilft einer Gehbehinderten in den Zug. Das gezeigte Symbol-Bild hat mit dem aktuellen Fall nichts zu tun.

Ein Service-Mitarbeiter der Bahn hilft einer Gehbehinderten in den Zug. Das gezeigte Symbol-Bild hat mit dem aktuellen Fall nichts zu tun. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Menschen, die an den Rollstuhl gefesselt sind, haben es im Alltag oft schwer. Zumal, wenn sie den öffentlichen Personenverkehr nutzen wollen. Ohne die Hilfe von Service-Personal vor Ort ist zum Beispiel bei Zügen der Ein- und Ausstieg kaum möglich.

In dieser Hinsicht lobt Sandra Niersberger aus Neunkirchen am Brand die Deutsche Bahn jedoch. Als sie gemeinsam mit einer Freundin, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, und ihrer Tochter am Abend des 3. März am Bahnhof Frankfurt/Flughafen in den IC nach Nürnberg will, verläuft alles nach Plan. Der bestellte Service–Mitarbeiter steht am Bahnsteig bereit, gemeinsam wird auf den leicht verspäteten InterCity gewartet.

Schrecksekunde auf der Rampe

"Das Verladen des ersten Rollstuhls verlief noch planmäßig. Bereits während des Verladens des zweiten Rollstuhles versuchte aber die Tür des IC mehrere Male zu schließen", erzählt Niersberger. Kaum war die Rampe entfernt, folgte die Schrecksekunde: Die Tür schloss sich endgültig und der Zug rollte an. "Meine 14-jährige Tochter stand mit dem gesamten Gepäck, vier Koffern und einem Ersatzrollstuhl noch am Bahnsteig." Der Service-Mitarbeiter versuchte von außen noch vergeblich, die Tür zu öffnen, und nahm wohl auch telefonisch Kontakt zum Zugpersonal auf, was nach Aussagen der Tochter am Bahnsteig auch gelang. Doch nichts passierte.

Niersberger kann nur noch mitverfolgen, wie die Tochter zu weinen beginnt und panisch neben dem rollenden IC entlangrennt, bis das Ende des Bahnsteigs erreicht ist. Niersberger ist verzweifelt, ihr Kind steht ohne Geld, Ausweise und Fahrschein in Frankfurt. Sie schlägt die Glasscheibe vor dem Notknopf ein, schneidet sich an den Splittern die Hand. Der Alarmton heult auf, doch es passiert nichts. Kein Zugbegleiter kommt in das Fahrradgepäckabteil, wo die beiden Rollstuhlfahrerinnen stehen.

Alarm half nichts 

Im Frankfurter Hauptbahnhof steigt laut Niersberger von außen ein Zugbegleiter in ihr Abteil ein. Die Situation ändert sich dadurch nicht. Der DB-Mitarbeiter "hörte zwar den ohrenbetäubenden Lärm des Alarms, welchen ich aktiviert hatte, kümmerte sich jedoch nicht darum. Auch nachdem ich unaufgefordert auf ihn zuging und ihm mitteilte, dass ich den Alarm ausgelöst hatte, interessierte er sich dafür nicht. Keine Reaktion, nicht einmal eines Blickes würdigte er mich, nur ein mechanisches Handeln: Er schaltete den Alarm aus und verbarrikadierte sich in seinem Führerhaus." Aber damit nicht genug. Einige Zeit später kam laut Niersberger die Zugchefin, erkennbar an der roten Armbinde, vorbei. "Auch sie stampfte ohne ein Wort an uns vorüber." Als sie zurückkam, versuchte Niersberger, sie auf die Situation aufmerksam zu machen "Ich fragte sie, ob sie für diese Katastrophe zuständig sei." Die Antwort: Sie wisse von nichts und habe "auch noch andere Aufgaben".

Immerhin wusste die Rollstuhlfahrerin inzwischen ihre Tochter in Sicherheit. Der Mitarbeiter in Frankfurt hatte mit den Kollegen des nächsten ICE nach Nürnberg gesprochen, das Mädchen durfte ohne Fahrkarte mitfahren. Was Niersberger aber maßlos ärgert, ist die Tatsache, dass sie trotz wiederholter Beschwerde bis heute nur eine automatische Antwort mit vorgefertigten Textbausteinen bekommen habe. Rechtliche Schritte gegen die Bahn behält sie sich vor.

Deutsche Bahn bedauert Vorfall

Wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte, ist fraglich. Fest steht, dass die Deutsche Bahn mit aller Macht pünktlicher werden will. Die Abfahrt von ICE- und IC-Zügen soll unbedingt sekundengenau erfolgen. Seit einigen Monaten werden die Türen deshalb vom Lokführer bis zu einer Minute vor Abfahrt verriegelt. Eine bis zuletzt offene Tür, an der der Zugchef steht und einen Blick auf das Geschehen am Bahnsteig hat, gibt es nicht mehr. Nach Angaben von Angehörigen des Bordpersonals gegenüber den Nürnberger Nachrichten ist die Arbeit nach wie vor mit hohem Stress verbunden, wird bei der Schichteinteilung permanent hohe Flexibilität verlangt, die oft zulasten des Privatlebens geht. Dazu kommen häufige Anfeindungen durch Fahrgäste.

Die Deutsche Bahn nimmt unserer Zeitung gegenüber nach drei Tagen und zweifacher Anfrage Stellung. Der Vorfall sei bedauerlich, man entschuldige sich "bei der Kundin und ihren Mitreisenden". Mit der Zugchefin sei "über das Geschehene gesprochen" worden. "Sie entschuldigte sich hierbei nochmals vielmals für den Vorfall am Fernbahnhof Frankfurt/Flughafen. In einem persönlichem Gespräch mit der Reisenden hatte sie dies auch direkt im Zug nach der Abfahrt in Hanau getan." Zudem versichert der Konzern, "das Thema nochmals intern aufzuarbeiten", und bietet der Reisenden und deren Tochter "gerne einen Gesprächstermin mit unserem psychologischen Hilfsdienst an".

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