Rund um die Dianastraße: Das ist Nürnbergs AfD-Hochburg

25.10.2018, 12:25 Uhr
In der Dianastraße zeigen sich Probleme, die charakteristisch für die Nürnberger Südstadt sind.

In der Dianastraße zeigen sich Probleme, die charakteristisch für die Nürnberger Südstadt sind. © Roland Fengler

Ständig klingelt das Telefon. Mal ist es das Handy, mal das Festnetztelefon. Es ist kurz vor zwölf an einem warmen Oktobertag im Nürnberger Süden. Durch das große Fenster scheint die tiefstehende Sonne ins Innere der Pizzeria.

Routiniert fragt Farid Marwan die Wünsche seiner Kunden ab: "Wie ist Ihr Name? In welchem Stockwerk wohnen Sie?" Als das Telefon endlich zu schweigen beschließt, beginnt er über sein Viertel zu erzählen. "Die Leute haben hier den Eindruck, ihre Stimme ändert sowieso nichts", meint der Pizzabäcker. Hier lebten viele Migranten, zum Teil auch mit deutscher Staatsbürgerschaft - aber die gingen trotzdem nicht wählen. Marwan kann das nicht verstehen.

"Manche haben die Staatsbürgerschaft nur angenommen, um Privilegien zu haben", kritisiert er. "Ansonsten interessieren sie sich für Deutschland aber nicht." Die Schuld an den Integrationsproblemen gibt Marwan den Zuwanderern und der hiesigen Gesellschaft gleichermaßen. Die müsse offener werden, sagt er. Der 41-Jährige referiert ausführlich über seine Erfahrungen mit den Menschen im Bezirk. Zwischendurch wirft er einige kleine Holzscheite durch die Luke seines Ofens, die wie ein gieriger Schlund offen steht.

Migrationshintergrund ist in der Gegend die Regel

Das Feuer darf nicht ausgehen. Es ist Mittag, die Kunden haben Hunger. Viele soziale Probleme bekomme er mit. "Die meisten hier leben von Hartz IV", berichtet er. "Die fühlen sich dem Rest der Gesellschaft fremd." Die Motivation wählen zu gehen sinkt da gegen null. Bei Farid Marwan ist das anders. Er gehe regelmäßig zur Wahl. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Deutschland. Damals ist er als Flüchtling aus Südkurdistan in die Bundesrepublik gekommen. Eine Biografie, die typisch ist für das Viertel. Rund um die Dianastraße stammen über 60 Prozent der Menschen aus dem Ausland. Nicht mit jedem kann man ins Gespräch kommen. Einige sprechen kaum Deutsch. "Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?" Kopfschütteln, Schulterzucken.

Der hohe Ausländeranteil gefällt nicht jedem. Ein bärtiger Mann Mitte 50 steht vor einem Restaurant. "Warum hier so viele AfD gewählt haben? Schauen Sie doch einfach mal rum, was hier für eine Bagage wohnt!", sagt er verärgert. Über 19 Prozent der Stimmen haben die Rechtspopulisten am 14. Oktober in diesem Bezirk auf sich vereinen können. Ob er selbst wählen war, will der Mann nicht sagen. Aber: "Türkische Großfamilien kriegen mein Geld! Ich brauche die hier alle nicht!" Dann verschwindet er ins Restaurant. "Deutsch-griechische Spezialitäten" steht über der Tür.

Infostände gab es diesmal nicht

Außer Wahlplakaten war von den Parteien nichts zu sehen, sagen Anwohner.

Außer Wahlplakaten war von den Parteien nichts zu sehen, sagen Anwohner. © Roland Fengler

Entspannter sieht die Situation ein Gewerbetreibender, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Ich bin hier aufgewachsen, mir hat keiner der Ausländer was getan", sagt er. Allerdings berichtet er, dass von den Parteien vor der Landtagswahl nichts zu sehen gewesen sei. "Früher hat die SPD hier Rosen verteilt, auch bei mir im Laden", berichtet der grauhaarige Unternehmer. "Dieses Mal habe ich nichts mitbekommen. Auch keine Infostände."

Cindy Stern schlägt in die gleiche Kerbe. Zwar arbeite sie hier nur, aber: "Von der Politik habe ich nicht einmal was gesehen. Und ich gehe zweimal am Tag mit dem Hund raus." Ein paar Probleme bekomme sie da schon mit. "Es ist hier wenig Geld vorhanden, in der Grünanlage liegt viel Müll", erzählt die 35-Jährige. "Es ist kein Gebiet, in dem ich gerne wohnen würde." Wer mit den Menschen auf der Straße spricht, hört immer wieder das Gleiche: Hoher Ausländeranteil, kein Geld, wenig Interesse der Politik.

"Einfach nicht politisch interessiert"

Probleme, die Gerhard Groh kennt. Der SPD-Stadtrat ist im Bürgerverein Nürnberg-Süd engagiert, zu dessen Zuständigkeitsbereich auch das Gebiet um die Dianastraße gehört. "Die meisten Menschen fühlen sich dort von der Politik nicht mehr vertreten." Solche Leute neigten zu Protestparteien. "Die wenigen Deutschen hier meinen möglicherweise, dass mal jemand aufräumen muss." Vielleicht sei es ein Fehler seiner Partei gewesen, in der Straße keinen Infostand zu machen. Die Gemengelage im Viertel sei aber nicht neu. Walter, der nur seinen Vornamen nennt, kann das bestätigen. Der 84-Jährige sperrt gerade in einem Hinterhof sein Fahrrad ab. Lange Jahre sei er hier Wahlhelfer gewesen, daher kenne er die Situation. "Viele Leute hier sind einfach nicht politisch interessiert." Und die, die zur Wahl gingen, seien oft unzufrieden. "Die Streitigkeiten in der Großen Koalition zum Beispiel, das treibt die Leute zur AfD."

Ein Argument, das Farid Marwan nicht gelten lässt. Er steht noch immer am Tresen seiner Pizzeria. Die Probleme im Viertel beschäftigen ihn. Auch Menschen mit Migrationshintergrund berichten ihm manchmal, dass sie AfD wählen wollen. Für sie hat Marwan eine klare Ansage parat: "Ich sage denen, wenn die AfD an die Macht kommt, kannst du selber den ersten Flug nehmen." Längst hat Marwan einen deutschen Pass, spricht die Sprache seiner neuen Heimat fließend. Von seinen beiden Kindern verlangt der Familienvater perfekte Integration. Beide gehen auf ein Gymnasium. "Sie müssen akzentfrei Deutsch sprechen. Und lernen, dieses Land zu lieben." So wie Farid Marwan.

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