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"Russlanddeutsche wurden auch nicht freudig empfangen"

Migrationsforscher hält kulturelle Faktoren bei der Integration verschiedener Volksgruppen für überschätzt - 19.04.2017 21:11 Uhr

Jannis Panagiotidis


NZ: Herr Panagiotidis, sind Russlanddeutsche Ihrer Einschätzung nach gut integriert in Deutschland?

Panagiotidis: Tendenziell hat es gut geklappt. Man muss aber differenzieren. Wenn man die Sozialindikatoren anschaut, etwa die Erwerbslosigkeit, so liegt sie bei den Russlanddeutschen bei etwa sechs Prozent und damit höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Gleichzeitig ist sie aber niedriger als bei den anderen Migrantengruppen. Ähnlich verhält es sich mit dem Einkommen. Die Einkommensstruktur der russlanddeutschen Haushalte hat sich insgesamt der Einkommensstruktur der Haushalte ohne Migrationshintergrund angeglichen. Allerdings gibt es einen nicht unbeträchtlichen Teil, der mit sehr geringem Einkommen existiert. Es gibt die ganze Bandbreite von ökonomisch schlecht integrierten, prekär und in Armut lebenden Menschen, aber auch eine breite Mittelschicht und einen gewissen Anteil im Segment höherer Einkommen. Das heißt, Russlanddeutsche sind eine heterogene Bevölkerungsgruppe, und man kann sie nicht über einen Kamm scheren, wenn wir von der ökonomischen Integration reden.

NZ: Wie sieht es etwa mit der sozialen Integration dieser Gruppe aus?

Panagiotidis: Bei einem Teil der Russlanddeutschen kann man eine starke Fokussierung auf die eigene Community beobachten. Das muss man aber nicht zwingend als Zeichen schlechter Integration interpretieren. Es ist ein ganz normaler Prozess auf dem Weg der Integration, dass man sich in der eigenen Gruppe konsolidiert und nach und nach seine Netzwerke in die Gesellschaft erweitert.

NZ: Was beobachten Sie bei der zweiten Generation der Russlanddeutschen?

Panagiotidis: In der zweiten Generation stellt sich die Situation schon anders dar. Da geht die Sozialintegration, die Integration ins Bildungssystem und damit einhergehender Bildungserfolg doch recht schnell und gut vonstatten. Systematische Forschungen dazu fehlen aber, weil diese Generation schwer zu fassen ist. Und auch das mag man schon als Zeichen von Integration fassen: Es sind deutsche Staatsbürger, sie sind nicht über den Geburtsort identifizierbar, haben in vielen Fällen typisch deutsche Namen.

NZ: Was sind die entscheidenden Faktoren gewesen, die der Integration der Russlanddeutschen gedient haben?

Panagiotidis: Auf politischer Ebene war es extrem hilfreich, dass Russlanddeutsche unmittelbar deutsche Staatsbürger wurden. Es war klar, sie sind in Deutschland, um dort zu bleiben. Das ist die höchste Form der Willkommenskultur auf offizieller Seite, wenn man sagt: Hier ist der Pass, du gehörst dazu. In diesem Fall auf der Grundlage der deutschen Volkszugehörigkeit. Es war von vornherein eine Inklusion in die Gesellschaft auf der formalen Ebene.

NZ: Welche Maßnahmen waren noch hilfreich?

Panagiotidis: Hilfreich waren auch die Sprachkursangebote an die Spätaussiedler. Leider wurden sie aus finanziellen Gründen zurückgefahren, als sie am meisten gebraucht wurden. Aber grundsätzlich hat man da Maßnahmen in die richtige Richtung entwickelt, nur nicht konsequent durchgeführt. Das Gleiche gilt für die Anerkennung von Berufsabschlüssen. Es hat nicht in dem Maße funktioniert, wie es hätte sein sollen. Qualifikationen und viele Potenziale wurden verschleudert.

NZ: Was lief außerdem nicht gut?

Panagiotidis: Die Willkommenskultur in der Gesellschaft war sicherlich nicht so ausgeprägt, wie sich das viele gewünscht hätten. Russlanddeutsche wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Die Wahrnehmung als Fremde, die Diskriminierung als Russen – darunter haben viele Russlanddeutsche gelitten. Die Vorurteile, die ihnen entgegen schlugen, sind bis heute nicht komplett verschwunden. Aber sie sind im Alltag  nicht so massiv präsent, wie es im Bezug auf andere Migrantengruppen der Fall ist. Es kam kaum zu gewaltsamen Übergriffen auf Russlanddeutsche, was in der Bundesrepublik der 90er Jahre nicht selbstverständlich war und auch heute nicht ist.

NZ: Kann man aus der Integrationserfahrung der Russlanddeutschen für die aktuelle Situation und die Integration von Flüchtlingen lernen?

Panagiotidis: Sicher. Dieser Lernprozess hat auch stattgefunden. Wenn wir auf die Integrationsmaßnahmen schauen, die heute Standard sind, sind das Instrumente, die im Kontext der Aussiedlerintegration entwickelt wurden: Sprachkurse, Hilfe bei der Anerkennung der Berufsabschlüsse, Berufsintegrationsmaßnahmen. Aus den negativen Erfahrungen sollte man zudem den Schluss ziehen: Man sollte die Förderung nicht dann kürzen, wenn sie am meisten benötigt wird, wie es bei den Russlanddeutschen war. Denn die Probleme, die sich daraus ergeben, müssen die Gesellschaft und die Einwanderer langfristig teuer bezahlen.

NZ: Was würden Sie jemandem sagen, der meint: Was bei der Integration eines Russlanddeutschen funktioniert, wird noch lange nicht bei einem Syrer klappen?

Panagiotidis: Da ist ein starkes Element von Populismus dabei. Gleichzeitig kann man nicht davon ausgehen, dass die Aufnahme von vielen Menschen in kürzester Zeit unproblematisch ablaufen wird. Aber ich denke, dass man den kulturellen Faktor nicht zu hoch hängen soll. Die Mehrheitsgesellschaft war auch nicht der Meinung, dass Russlanddeutsche deutsch sind. Da wurden massive Unterschiede konstruiert. Das war auch bei den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Im Endeffekt hat aber auch da die Integration funktioniert. Ein Syrer ist nicht das gleiche wie ein Schlesier oder Russlanddeutscher. Aber das heißt nicht, dass essentielle Unterschiede bestehen, dass einer sich integrieren kann und der andere nicht.

NZ: Vor knapp über einem Jahr demonstrierten Einwanderer aus den GUS-Ländern, darunter auch Russlanddeutsche, gegen Flüchtlinge. Der Anlass war die angebliche Vergewaltigung eines Mädchens durch einen Flüchtling in Berlin. Bis dahin war diese Gruppe politisch unauffällig. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Panagiotidis: Diese Demonstrationen starteten drei Wochen nach Neujahr. Damals gab es ein gesamtgesellschaftliches Klima der Verunsicherung nach der Kölner Silvesternacht. Vor diesem Hintergrund sind Gerüchte um die Vergewaltigung des Mädchens auf fruchtbaren Boden gefallen, es entwickelte sich eine Eigendynamik. Nur in diesem spezifischen Kontext wurden Demonstrationen möglich. Es kam aber auch nichts nach. Dahinter stand keine dauerhafte Mobilisierung der Russlanddeutschen. Der befürchtete große Ansturm auf die AfD ist ja auch ausgeblieben.

NZ: Wo stehen Russlanddeutsche heute politisch? Manche erwarten, dass sich diese Gruppe doch noch der AfD zuwendet.

Panagiotidis: Gewisse Tendenzen sind vorhanden. Gleichzeitig muss sich die Gesellschaft nicht so sehr um die Russlanddeutschen Sorgen machen. Der Zuspruch für die AfD aus der sogenannten Mehrheitsbevölkerung ist bedenklicher als der Zuspruch aus der migrantischen Minderheit. Was hinzu kommt: Russlanddeutsche sind generell politisch auf der Suche. Sie neigen nicht mehr in dem Maße den Unionsparteien zu wie es früher der Fall war. Sie suchen nach Alternativen, und diese befinden sich nicht nur im rechten Spektrum, sondern auch auf der politischen Linken. Das findet gesamtgesellschaftlich statt und da ist prinzipiell nichts schlechtes dran.

Fragen: Ella Schindler

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