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Schutz vor Schlägern: Nürnbergs Frauenhaus half 13.000 Menschen

Schutzsuchende stehen sogar schon auf der Warteliste - Einrichtung wurde 40 - 20.12.2019 05:58 Uhr

Im Durchschnitt ertragen Frauen sieben Jahre lang Gewalt, bevor sie endgültig zusammenbrechen. Das sagt Barbara Grill, die Leiterin des Frauenhauses. © Sophia Kembowski, NN


Es ist eine gewaltige Zahl: Über 13.140 Menschen, darunter 6590 Frauen und 6550 Kinder, haben hinter der verschnörkelten Fassade schon Schutz gefunden. Schutz vor brutalen Schlägen von Ehemännern und Vätern. Aber auch vor unerträglicher psychischer Gewalt, die sie klein machte, depressiv und oft genug selbstmordgefährdet.

Claudia Zwiesel (Name geändert) war 25 Ehejahre lang in dieser mörderischen Mühle. Dass sie eines Tages Vorbild sein würde für Frauen, die wie sie den Ausstieg aus der Gewaltspirale suchen, dass sie als Ehrenamtliche in dem von einem Verein getragenen Nürnberger Frauenhaus mithelfen würde, war damals nicht abzusehen. Drei Kinder hat sie mit dem Mann, der sie wie Dreck behandelt hat. Alle Gefühle seien in ihr abgestorben, sagt die blasse 51-Jährige; ihr Neugeborenes habe sie "wie ein Stück Pappe im Arm gehalten".


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Schon in der Kindheit hatte sie körperliche Gewalt erlebt, der Vater ihrer Kinder habe getrunken und sie verbal geschlagen. Er ging ihr an die Gurgel und als sie plötzlich ein Messer in der Hand hielt, siegte ihr Überlebenswille. Immer habe sie die Schuld bei sich gesucht. Erst der Moment, als ihr halbwüchsiger Sohn sagte "Mama, pack endlich deine Koffer!", brachte die Wende. Claudia Zwiesel packte einen Koffer und zog für fünf Monate ins Frauenhaus. 20 Plätze verteilen sich dort auf 18 Zimmer, es gibt schon lange eine Warteliste, auf der zurzeit sechs Frauen stehen. Manchmal springen bis zu 30 Kinder durch die langen Gänge des Altbaus, was alle bis an die Belastungsgrenze bringt.

Frauen bekommen die Schuld an allem

Im Durchschnitt ertragen Frauen sieben Jahre lang Gewalt, bevor sie endgültig zusammenbrechen. Das sagt Barbara Grill, die Leiterin. Nur ein Prozent der Frauen, die länger als zwei Wochen im Haus bleiben, gehen zu ihrem Mann zurück.14 Jahre ist es her, dass Bea Gruber (Name geändert) auf der Warteliste stand. Drei Monate im Haus brachten dann den endgültigen Abschied von dem Mann, dessen blaue Augen sie einst so magisch angezogen hatten. "Ich wollte nicht sehen, wie er wirklich war", sagt die gepflegte 53-Jährige. Er nannte sie "Hure", zwang sie zum Sex an festgelegten Terminen und dazu, Schokolade zu essen, obwohl die Allergikerin danach würgend überm Klo hing. Er ließ sie alles bezahlen und versuchte ihr die Altenpflegeausbildung zu verbieten. Bis sie sich wehrte.

Die meisten gewalttätigen Männer, sagt Geschäftsführerin Grill, hätten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Sie verstünden es perfekt, Frauen zu faszinieren, und gäben ihnen dann die Schuld an allem. "Mit jedem Mal, nach dem sie bleibt, sinkt ihre Selbstachtung tiefer", so Barbara Grill. Bis zu drei Mal können Betroffene nach einer Trennung an der Türe des mächtigen Gründerzeithauses klingeln. Dann aber müssen sie sich entscheiden.


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De facto seien Frauen obdachlos, wenn sie hier Schutz suchten, heißt es. Die aktuelle Wohnungsnot mache es fast unmöglich, ein neues Dach über dem Kopf zu finden. Das neue Projekt "Second Stage Nürnberg" , bei dem das Frauenhaus mit dem Siedlungswerk und der wbg zusammenarbeitet, soll das Problem entschärfen.

Wie funktioniert "Second Stage", zu Deutsch die zweite Etappe? Wer nicht mehr akut bedroht ist, aber noch Hilfe braucht, ist, kann in eine von zehn Wohnungen einziehen und diese nach einer Weile selbst mieten. Eine Lösung, die vor allem den Kindern dauernde Umzüge und Schulwechsel erspare, betont Barbara Grill, die sich viel davon erhofft. Für jede fest belegte Wohnung bekommt das Frauenhaus wieder Ersatz. Dann kann sich eine andere Frau dort freischwimmen.

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