Tarifdschungel und schlechte Beratung

Sechs Handyverträge aufgeschwatzt: Senioren zahlen oft viel mehr als nötig

Rurik Schnackig
Rurik Schnackig

Lokales

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15.1.2022, 05:55 Uhr
Sage und schreibe sechs Handyverträge wurden einem Senior aufgeschwatzt. Die Nachbarin in Langwasser kümmerte sich um die Kündigung.

Sage und schreibe sechs Handyverträge wurden einem Senior aufgeschwatzt. Die Nachbarin in Langwasser kümmerte sich um die Kündigung. © iStock.com/Drazen Zigic, NN

Eine Mail eines Lesers unter vielen Reaktionen macht besonders nachdenklich: „Sie müssen sich mal vorstellen, wie viele Senioren Ähnliches erlebt haben und sich nicht melden, weil es ihnen peinlich ist, dass sie sich über den Tisch haben ziehen lassen. Unangenehm vor der Familie, die dann sagt: ,Ach Opi, wie kannst du nur?‘“ Er zollt dem 90-Jährigen daher hohen Respekt, dass er den Mut hatte, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Ein viel zu großes Paket

Der Senior wollte wegen einer länger dauernden Telefonstörung ein schlichtes Handy, um erreichbar zu sein oder um bei einem Notfall Hilfe holen zu können. Erhalten hat er ein Smartphone mit Internetvertrag für 39,90 Euro monatlich – etwas, das er nach eigenen Angeben nie braucht. Als Bekannte mit ihm den Vertrag rückgängig machen wollten, schlug der Versuch fehl. Erst auf Nachfrage der Redaktion hob das Unternehmen den Vertrag kurzfristig auf und bat um Entschuldigung.

Die Verträge sind oft schwer zu verstehen. Wer unsicher ist, sollte daher erstmal den Ausdruck des Tarifs ohne Unterschrift mit nach Hause nehmen.

Die Verträge sind oft schwer zu verstehen. Wer unsicher ist, sollte daher erstmal den Ausdruck des Tarifs ohne Unterschrift mit nach Hause nehmen. © Erwin Wodicka, NNZ

In vielen Fällen kämpfen die Kunden länger, das machen die Zuschriften deutlich. Eine Leserin aus Langwasser schildert eindrucksvoll, wie sie einem betagten Nachbarn half, nachdem dieser im Tarifdschungel nicht mehr durchblickte. Mit Schrecken stellte sie fest: Er hatte sechs Handyverträge. Das vertragsgebende Unternehmen wollte allerdings nicht einsehen, dass dies unpassend ist. Erst als die hilfsbereite Nachbarin ein Attest abliefern konnte, das dem Nachbarn eine eingeschränkte Geschäftsfähigkeit bescheinigte, kam er aus den Verträgen heraus.

Zusätzliches aufgeschwatzt

Für eine Leserin zeigt sich mit dem Verkauf komplexer Geräte generell eine Kettenreaktion zugunsten der Verkäufer: „Man erwirbt etwas und kommt damit nicht klar. Wenn man es im Laden erklärt haben möchte, wird einem Zusätzliches aufgeschwatzt, weil es dann angeblich besser funktioniert.“

Ein weiterer 90-jähriger Leser berichtet, dass er gern WhatsApp an seinem Smartphone nutzt. Doch seit geraumer Zeit steht dort: Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt. „Ich brauche wohl etwas Neues, habe aber schon Angst vor einem Besuch im Geschäft, weil ich denke, die wollen verkaufen – nicht beraten.“

Nicht gleich unterschreiben

Eine Frage zieht sich immer wieder durch die Zuschriften: „Wie kann ich mich als Kunde schützen?“ Klaus Lutz, pädagogischer Leiter des Nürnberger Medienzentrums Parabol, kennt die Problematik. „Es ist sehr schwer, da den Durchblick zu behalten“, sagt er. Er rät, im Shop des Tarif-Anbieters selbst noch nichts zu unterschrieben. „Lassen Sie sich beraten, nehmen Sie den Ausdruck des Angebotes mit und gehen Sie es am besten noch mal mit jemand Kundigen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis durch.“ Eine eigene Internetrecherche vorab sei meist schwierig, weil man auf den ersten Blick nicht sehen kann, ob hier unabhängig informiert wird.

Ebenso solle man am Telefon und an der Haustür keinen Vertrag abschließen. Und wenn es tatsächlich nur um das schlichte Telefonieren mit einem Handy geht, empfiehlt er eine preisgünstige Lösung: „Dann kann man ein schlichtes Handy im Elektromarkt kaufen. Eine Prepaid-Karte zum Aufladen gibt es auch bei Discountern.“ Damit sei man unabhängig von Verträgen oder etwaigen Provisionen der Verkaufenden – und die Kosten bleiben überschaubar.

Zögern viele aus Angst?

Laut einer Studie der Stadt Nürnberg sind noch rund 25 Prozent der Nürnberger Senioren „offline“. Dabei zeigt die Corona-Krise, welch weites Feld der Kommunikation sich auch bei einem Lockdown oder einer Quarantäne für die Senioren bietet. Ob viele aus Angst vor der komplizierten Technik oder den undurchschaubaren Verträgen zögern?

Gerade hier aufzuklären, ist eine der Aufgaben des Computerclubs CCN50 plus. Dessen Sprecherin Ingeborg Vogel wirbt sehr für einen Einstieg in die Materie. „Eine Bekannte meinte immer, das brauche sie alles nicht. Nun ist sie online und steht sogar eher auf, um gleich auf nordbayern.de zu schauen und um ihr tägliches Quiz zu machen.“

Wissen, was man braucht

Eine Tarifberatung mit Wahl eines Anbieters könne man zwar nicht anbieten. Aber es gibt regelmäßig Einsteigerkurse für Handy und Tablet, in denen es auch darum geht. Wer sich zu den 1700 Mitgliedern zählt, kann vertiefende Informationen bekommen. Vogel: „Wenn ich genau weiß, was ich brauche und will, bin ich wesentlich besser geschützt.“