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Sie machen Nürnberg besser: Drei Männer und eine Frau erhalten die Bürgermedaille 2022

Isabel Lauer
Isabel Lauer

Lokalredaktion Nürnberg

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18.5.2022, 19:02 Uhr
Erhalten die diesjährige Bürgermedaille der Stadt Nürnberg: Leibl Rosenberg, Horst Schmidbauer, Ingrid Hofmann-Heinrich und Hubert Rottner Defet (von links).

© Montage: Redaktionsservice Verlag Nürnberger Presse Erhalten die diesjährige Bürgermedaille der Stadt Nürnberg: Leibl Rosenberg, Horst Schmidbauer, Ingrid Hofmann-Heinrich und Hubert Rottner Defet (von links).

Für die Stadt Nürnberg sind sie Gold wert: Ingrid Hofmann-Heinrich, Hubert Rottner Defet, Leibl Rosenberg sowie Horst Schmidbauer werden in diesem Jahr mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Der Stadtrat stimmte den Vorschlägen am Mittwoch zu.

Die einzige Frau unter den diesjährigen Preisträgern ist eine erfolgreiche Unternehmerin. Die Landwirtstochter, Jahrgang 1954, stammt aus Hiltpoltstein nördlich von Nürnberg. Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, Personalkauffrau und Englisch-Korrespondentin verwarf nach ersten Berufsjahren in einem Blumen-Import ihren anfänglichen Plan, als Orchideenzüchterin nach Südafrika auszuwandern. Stattdessen stieg sie in die Zeitarbeitsvermittlung ein. 1985 gründete sie ihre Firma Personalleasing I. K. Hofmann GmbH.

Fußball-Aufsichtsrätin

Für ihre "ausgezeichnete Unternehmensführung" und ihr Bemühen um familienfreundliche Arbeitszeitmodelle ist die – laut Stadtverwaltung – "Pionierin der Zeitarbeit" schon vielfach prämiert worden. Daneben sei ihr vielfältiges Engagement in Verbänden, Wohlfahrt und Freizeit zu würdigen. Hofmann-Heinrich gehört beispielsweise als erste Frau dem Präsidium der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände an. Sie ist ehrenamtliche Handelsrichterin, dänische Honorarkonsulin, Stadtteilpatin für Langwasser, Stifterin und Sponsorin des Fußballvereins Spielvereinigung Greuther Fürth.

Ein Pionier ist auch Hubert Rottner Defet, aber für die ökologische Landwirtschaft. Der 1951 geborene Nürnberger aus einem landwirtschaftlichen Elternhaus in Großreuth wurde zwar zunächst Kameramann und Schreiner, entdeckte aber schnell seine Leidenschaft für die Umweltschutzbewegung. Bei Spalt gründete er bereits 1976 eine Selbstversorger-Gemeinschaft ("Nagelhof") und protestierte gegen Atomkraft.

Biofach-Begründer

Als Mitbegründer und Veranstalter von Umwelt-Messen in der Region Nürnberg kennt man Rottner Defet bis heute: Ökologa, Biodiva, Grüne Lust und Frühjahrslust gehen auf seine Initiative zurück, allen voran die riesig gewachsene Biofach. Die ganze Familie verschreibt sich der öffentlichen Aufmerksamkeit für nachhaltigen Konsum und Grün in der Stadt, Rottners Töchter betreiben den Sommer- und Winterkiosk. "Hubert Rottner Defet ist Ur-Nürnberger und engagierter Visionär. Mit seinem Lebenswerk macht er – weit über die Noris hinaus – nicht nur auf einen sorgsamen Umgang mit unseren Ressourcen aufmerksam, sondern zeigt den Weg dorthin auch konkret auf", so das Rathaus.

Der Journalist, Publizist und Judaist Leibl Rosenberg, 74, hat sich in der Erinnerungsarbeit über Jahrzehnte einen Namen gemacht. Geboren in Lagerlechfeld, wuchs er als Kind polnischer Juden und Holocaust-Überlebender in einem Lager für "Displaced Persons" bei Wolfratshausen auf. Seit 1990 lebt und arbeitet er in Nürnberg. Die Aufarbeitung von NS-Raubgut aus der "Stürmer-Bibliothek" ist zu seinem Herzensprojekt geworden: Seit 1997 organisiert er in Detektivarbeit die Restitution von geraubten Büchern, die 1945 in den Redaktionsräumen und der Bibliothek von Julius Streichers antisemitischem Hetzblatt "Der Stürmer" entdeckt wurden.

Er liebt Geschichte und Geschichten

Der "Stadtbibliothek-Archäologe" Rosenberg hat in rund 3700 Fällen Vermerke oder Schriftstücke in den Büchern gefunden und konnte Objekte der Sammlung etwa 2200 Menschen oder Institution zuordnen. Bei einer erfolgreichen Rückgabe von Büchern aus dem Besitz von Ermordeten oder Verstorbenen kommt es mit den Familien oft zu emotionalen Szenen, die auch ihn sehr berühren, so die Stadt Nürnberg.

Der Stadtrat stellt aber auch Rosenbergs deutsch-jüdische Versöhnungsarbeit heraus, beispielsweise als Mitbegründer des Forums für jüdische Geschichte und Kultur oder einfach als "begeisternder Geschichtenerzähler".

Der mittlerweile 82 Jahre alte SPD-Politiker Horst Schmidbauer wird ebenfalls für seine Lebensleistung und seine "gelebte Solidarität" ausgezeichnet. Die Liste seiner Einsatzgebiete ist lang. Der gelernte Industriekaufmann, der in der Mineralölbranche arbeitete, war von 1972 bis 1990 Stadtrat für die Sozialdemokraten, im Anschluss 15 Jahre lang Bundestagsabgeordneter mit dem Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik. Von 1985 bis 1997 führte er die Nürnberger SPD. Ab 2001 steuerte er dann als ehrenamtlicher Vorstandschef bis 2021 die Nürnberger Lebenshilfe. Der Sozialdienstleister wuchs in dieser Zeit stark und brachte viele Inklusionsprojekte an den Start.

Er half im HIV-Blutskandal

Neben Menschen mit Behinderung liegen Schmidbauer aber auch andere benachteiligte Gruppen am Herzen. Als Parteilinker stemmte er sich in der Ära Gerhard Schröder in Berlin gegen die Agenda-Arbeitsmarktreformen. Im Bundestag und in einer Stiftung trieb er ab den 1990er Jahren die Entschädigung von durch Blutprodukte mit HIV infizierte Menschen voran. Als seine politischen Grundsätze benennt der gebürtige Nürnberger, der neben der Arbeiterwohlfahrt zahlreiche Verbände unterstützt, "Verlässlichkeit, Kritikfähigkeit und Furchtlosigkeit".

Die vier Geehrten bekommen die Medaille stets am Stadtgründungstag, dem 16. Juli, bei einem Festakt im Rathaus überreicht. Seit 1960 erhielten bislang nach Angaben des Rathauses 219 Menschen die Ehrung in Form einer Goldmünze mit dem großen Stadtwappen.

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