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So hat Corona den Alltag eines Klinikseelsorgers verändert

Anton Baier hat mit den Angehörigen vieler Covid-19-Patienten Kontakt gehalten - 28.06.2020 06:11 Uhr

Betreten verboten: Besuch von Angehörigen war für die 77 Menschen tabu, die im Nürnberger Klinikum behandelt wurden.

© Foto: Sebastian Kahnert/dpa


Herr Baier, anders als sonst, durften Sie zu Covid-19-Kranken nicht ins Zimmer. Wie hat sich der Klinikalltag dadurch verändert? Konnten Sie überhaupt noch helfen?

Es war eine starke Zäsur. Die Angehörigen, die uns hier, dem gesamten Team der Intensivstation, sehr wichtig sind, waren wegen Covid-19 plötzlich nicht mehr da, sie durften nicht mehr kommen. Aber es gab sie ja. Also haben wir uns darauf verständigt, dass ich sie anrufe.

Anton Baier (49) ist katholischer Pastoralreferent und Theologe, er arbeitet als Krankenhausseelsorger am Klinikum und im Krankenhaus Martha-Maria.


Das war vorher nicht üblich?

Ich war ja präsent auf der Station, ich war ansprechbar für alle oder bin auf die Menschen zugegangen mit den Worten: Ich bin Seelsorger hier, ich habe Zeit für Sie. Oder ich habe Kaffee angeboten und ein Gespräch. Ich habe viel zugehört, das war für viele sehr entlastend. Neu war jetzt, dass ich Angehörige am Telefon gefragt habe: Wie geht es Ihnen?

Wie haben die Menschen reagiert?

Sehr aufgeschlossen und dankbar, dass die Frage gestellt wurde, was ihnen so durch den Kopf geht, was sie beschäftigt, wenn ihr Mann, Frau oder Kind jetzt hier ist. Auch wer der Kirche fernsteht, hat das mitunter gerne angenommen. Klar war, dass ich nicht dafür da bin, Botschaften hin- und herzutragen. Der Kontakt mit den Ärzten war immer klar vereinbart. Da hat sich nichts vermischt.

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Was haben Sie bei diesen Telefongesprächen erfahren?

Es ging immer um den schweren Einschnitt, den eine solche Krankheit für alle Beteiligten bedeutet. Aber was bei einem seelsorgerischen Gespräch Thema ist, bleibt unter uns. Was im Erfahren schwer ist, wird im Erzählen leicht, das ist ein wichtiger Leitsatz. Oft hat sich ein Erzählstrang über Wochen entwickelt, da draußen ging das Leben ja weiter.

Wahrscheinlich sind Sie auf viel Verzweiflung getroffen. Oder auch auf Angst, selbst vom Virus betroffen zu sein?

Angst ja, die ist verständlich. Aber ich bin vor allem auf große Tapferkeit gestoßen. Bewegt hat mich auch das große Vertrauen: Mein Patient ist bei euch in sicheren Händen, und es wird gut sein.

Viele Kontakte wurden in der Corona-Krise über Videokanäle aufrechterhalten.

Auch wir haben Videokommunikation am Bett installiert, durch die Angehörige in Ton oder Bild präsent sein konnten. Das sieht aus wie ein Infusionsständer, an den ein kleines Tablett montiert wurde. Die Angehörigen wurden für eine halbe oder ganze Stunde am Tag zugeschaltet und konnten so Zuspruch geben – über die Stimme, über ein Dasein. Auch wenn der Patient im Koma lag.

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Nicht jeder kann das vermutlich.

Aber viele haben dieses Angebot angenommen, haben eine Beziehung hergestellt. Es wurden Lieder gesungen, Gebete gesprochen, erzählt, was zu Hause so los ist. Auch wenn der eine nur Zuhörer ist, ist das ein ganz aktiver Prozess. Für die Pflegenden auf Station war das übrigens sehr entlastend.

Auch wenn Sie nicht in die Krankenzimmer durften — hatten Sie selbst Angst, sich anzustecken?

Die erste Hälfte der Zeit täglich. Das lässt einen demütig werden. Diese Angst hatten mehr oder weniger alle. Aber daheimbleiben geht nicht, mein Platz ist hier in der Klinik. Es war übrigens schön zu erleben, dass fast jeder Patient ein Netzwerk hat, auch wenn er auf den ersten Blick alleine zu sein scheint. Wir sind nun mal Beziehungsmenschen.

Was ist Ihr Ausgleich zur Arbeit auf Station?

Ich wohne außerhalb und fahre 15 Kilometer mit dem Rad nach Hause. Das macht den Kopf frei. Die Familie und das Gebet tragen mich auch. Noch eins: Es ist nicht deprimierend, hier zu arbeiten. Es ist ein lebendiger Ort, hier wird gehofft, gekämpft, gesucht, manchmal auch gestorben.

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Normalerweise arbeiten Sie mit Koma-Patienten. Wie nehmen Sie Kontakt zu ihnen auf? Geht es da vor allem um Berührung?

Mir ist es wichtig, erst einmal Antwort auf die Frage zu bekommen: Darf ich überhaupt anwesend sein? Es gibt Menschen, bei denen gleich eine Nähe entsteht. Es kann auch sein, dass ein Patient eine gewisse Berührbarkeit anbietet, Körperspannung spielt hier eine Rolle. Aber ich bin da sehr zurückhaltend, denn er ist ja in einem sehr ausgelieferten Zustand.

Welche Signale kann ein bewusstloser Mensch überhaupt aussenden?

Das ist wirklich schwer zu beschreiben. Was ich dafür mitbringen muss, ist vielleicht mit der Intuition einer Mutter zu vergleichen, die auch ohne Sprache weiß, was ihr Kind braucht.

INTERVIEW VON CLAUDINE STAUBER

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