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Soziale Netzwerke: Wo Mitgefühl überbewertet wird

Immer mehr Nutzer reagieren mit Häme und Sarkasmus auf Tragödien - 29.01.2019 07:03 Uhr

Versuchtes Tötungsdelikt Nürnberg S-Bahnhaltestelle Frankenstadion, nach Schlägerei 3 Personen im Gleisbett, 2 Personen wurden durch S-Bahn getötet, 26.01.2019, ToMa-Fotografie © ToMa


Ich mag meinen Job. Ehrlich. Sehr sogar. Er ist spannend, interessant und fordernd - und nie langweilig. Und doch gibt es Tage, an denen ich am liebsten alles hinwerfen würde. Der vergangene Samstag war so ein Tag.

Es war ein Tag der schlimmen Nachrichten. Gleich morgens erwartete uns eine Meldung der Polizei, dass in der Nacht zwei Jugendliche am S-Bahnhof Frankenstadion nach einer Rangelei vor die einfahrende S-Bahn gestürzt waren und überrollt wurden. Beide hatten keine Überlebenschance.

Später am Tag kam auch noch eine Hiobsbotschaft aus Spanien: Der zweijährige Julen, der knapp zwei Wochen zuvor 107 Meter tief in einen Brunnen gefallen war, war tot geborgen worden. Seit dem 13. Januar hatten Rettungskräfte unermüdlich versucht, zu dem kleinen Jungen vorzudringen. Sie hatten auf ein Wunder gehofft - vergebens.

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Nach Schlägerei von Bahn erfasst: Jugendliche sterben am Frankenstadion

An der Nürnberger S-Bahnhaltestelle Frankenstadion kommt es an einem Wochenende Ende Januar zu einer Schlägerei, drei Personen fallen ins Gleisbett. Einer von ihnen kann sich retten, die anderen beiden werden von einem einfahrenden Zug überrollt und getötet. Eine Rekonstruktion der Ereignisse.


Die normale Reaktion auf derzeitige Nachrichten wären Bestürzung, Betroffenheit, Anteilnahme, Mitgefühl. Zwei Jugendliche werden nach einem Abend in der Disco aus dem Leben gerissen. Ein kleines Kind stürzt in einen Brunnenschacht und stirbt. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unendlich groß die Qualen von Eltern, Angehörigen und Freunden in diesen Fällen sein müssen.

Das wären die Reaktionen, die man nach solch tragischen Ereignissen erwarten sollte. Nicht gerechnet hatte ich allerdings mit den Kommentaren zahlreicher Nutzer auf unseren Facebook-Seiten.

Einige (mittlerweile entfernte) Kommentare zu den beiden Jugendlichen, die auf den Gleisen dere S-Bahn starben: "Tja. Wer schlägert..." / "Und ich musste drei Stunden am Bahnhof warten weil Zug Verspätung hat" / "Man sollte eben kein Alkohol trinken wenn man es nicht verträgt." / "Natürliche Auslese." / "Was machen Jugendliche um die Uhrzeit am Bahnhof?" / "Tja, so tragisch das auch ist. Aber selber Schuld, das Schlägern hat sich nicht gelohnt."

Einige Kommentare zu Julen: "Alter. Das wussten 99% schon von Anfang an das der Tot ist. Sorry aber das ist zwar Furchbar aber passiert in der Welt sonst nichts schlimmeres?!" / "Das kam nach 13 Tagen aber überraschend" / "Totales Versagen der Rettungsmannschaft"

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Hunderte Rettungskräfte suchten vergeblich nach Julen

Sie bohrten einen Paralleltunnel und trugen 40.000 Tonnen Erde ab - letztlich konnten die spanischen Einsatzkräfte den zweijährigen Julen aber nur tot aus einem illegalen Brunnenschacht bergen. Bilder einer bislang wohl einzigartigen Rettungsaktion.


Ich habe in meiner Zeit als Online-Redakteur schon viel erlebt. Mich mit ausgesprochen hartnäckigen Trollen herumgeschlagen, mit Verschwörungstheoretikern diskutiert - aber in diesen Momenten war ich dennoch sprachlos. Diese Kälte, diesen völligen Mangel an Mitgefühl hatte ich nicht erwartet. Und um ehrlich zu sein: Er macht mich unfassbar wütend. Allerdings nicht nur wegen der Tatsache, dass manche Menschen nicht für zwei Sekunden ihr Hirn einschalten können, bevor sie Ihre Meinung (oder das, was sie dafür halten) via Social Media in die Welt hinausblasen.

Nein, wirklich wütend macht mich etwas anderes: Dass nicht wenige dieser Kommentare von Usern geschrieben wurden, die sonst lauthals die Verrohung dieser Gesellschaft anprangern, wenn beispielsweise Rettungskräfte angegriffen werden. Oder wenn Menschen in U-Bahn-Stationen aus dem Nichts und ohne jeglichen Anlass die Treppe heruntergetreten werden. Meist dauert es in solchen Fällen nur Minuten, dann geht es los: "Ohne Worte!" "Armes Deutschland!" (der Empörungsklassiker schlechthin) - oder auch: "Was ist nur los mit dieser Gesellschaft?"

Ich sage Euch, was los ist, Leute: Ihr seid los. Ihr, die Ihr keine Sekunde darüber nachdenkt, dass hier Menschen ihr Leben verloren haben. So richtig echte Menschen, die Freunde und Familie hatten. Ihr, die Ihr keine Sekunde darüber nachdenkt, was in den Angehörigen vorgehen muss, falls sie Euren Bullshit lesen. Ihr, die Ihr keine verdammte Sekunde darüber nachdenkt, wie es Euch ginge, wenn Ihr betroffen wärt.

Ihr, die Ihr, wenn ein Mensch mit seinem Auto  von der Straße abkommt und stirbt, sofort etwas schreibt wie "bestimmt wieder ins Handy geschaut - typisch." Ihr, die Ihr nicht mehr wisst, wann man am besten einfach mal schweigt (das geht sogar in den sozialen Netzwerken, wirklich!). Oder ganz simpel: Ihr, die Ihr aus irgendwelchen Gründen glaubt, dass die Regeln eines normalen Miteinanders nicht gelten, nur weil Ihr einen Monitor und eine Tastatur vor Euch habt. Oder ein Smartphone. Oder was auch immer.

Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass Ihr jeglichen Anstand verloren habt. Falls dieser Anstand überhaupt jemals vorhanden war. Ich weiß nicht, ob der Grund für dieses Verhalten ein Mangel an Erziehung oder an emotionaler Intelligenz ist. Oder beides. Ob Ihr das Resultat oder sogar die Ursache der Verrohung dieser Gesellschaft seid. Aber Ihr seid mit Euren Kommentaren für die Ausbreitung dieser Verrohung mitverantwortlich. Nicht "die da oben". Nicht "die Anderen". Nicht "die Gesellschaft." Ihr seid es, niemand sonst.

Also tut der Welt einen Gefallen: Schaltet das Hirn ein, bevor Ihr Euch zu irgend etwas äußert. Stellt Euch vor, wie es sich anfühlen muss, auf der anderen Seite zu sein. Und solltet Ihr dazu nicht in der Lage sein: Haltet einfach die Klappe. Eure noch nicht komplett abgestumpften Mitmenschen werden es Euch danken. Und ich sowieso. 

Christian Urban Online-Redaktion E-Mail

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