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St. Peter: Senioren helfen Scharrerschülern bei der Ich-Suche

Jugendliche beschäftigen sich beim Projekt „Zukunft braucht Herkunft“ mit ihrer Vergangenheit und Identität - 20.05.2014 07:59 Uhr

Mithilfe von „Zeitschreiberinnen“, im Bild Armgard Cursawe (li.), gingen die Scharrerschüler auf die Suche nach ihrer Herkunft und Identität. Dabei machten sie erstaunliche Entdeckungen.

13.05.2014 © Ruth Neufeld


„Ich will euch die Geschichte von meinem ersten Fotoapparat erzählen, von der Boy-Box.“ Elke Plewinski knöpft ein braunes Ledertäschchen auf und holt einen handgroßen schwarzen Kasten hervor. „Da musste man an einem seitlichen Hebel immer vordrehen, damit man das nächste Bild machen konnte. Das ist wirklich eine vorsintflutliche Kamera.“ Die Frau mit den roten Haaren lacht in die Runde. Um sie herum sitzen 20 Schülerinnen und Schüler im Stuhlkreis. Mit einem Lächeln auf den Lippen lauschen sie den Worten der älteren Dame.

Elke Plewinski ist „Zeitschreiberin“. Sie hat ihre Geschichten der Kindheit, der Jugend und des Erwachsenwerdens aufgeschrieben, um ihre eigene Vergangenheit besser zu verstehen. Die Evangelische Stadtakademie bietet dazu Kurse an. Doch jetzt sitzt Elke Plewinski nicht in einem Schreibkurs, sondern trägt ihre Texte 14-jährigen Jugendlichen der Scharrer-Schule vor.

„Zukunft braucht Herkunft“ heißen die Workshoptage im Kulturladen Zeltnerschloss, an denen die Jugendlichen teilnehmen. Die Geschichten der Seniorinnen und Senioren sollen dazu beitragen, dass die Schüler sich mit ihrer eigenen Herkunft und Vergangenheit beschäftigen. „Es geht um Identitätsfindung“, erklärt Theresia Aschemann, die als katholische Religionspädagogin an der Scharrer-Schule tätig ist. „An der Schwelle des Erwachsenwerdens ist es wichtig, sich auch mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es geht auch darum, sich mit den nicht so guten Dingen zu versöhnen, zum Beispiel wenn man mit dem Vater nicht zurechtkommt.“

Offene Ohren

Die Idee zu der Veranstaltung wurde 2012 geboren, als das „Anwerbeabkommen Türkei-Deutschland“ 50 Jahre alt wurde. „Wir haben überlegt: Wie kann man zum Thema Migrationsgeschichte ein Projekt machen?“, erzählt Isolde Ebert, die für die Organisation des Programms im Kulturladen Zeltnerschloss zuständig ist. Mit der Scharrer-Schule hat der Kulturladen schon häufig zusammengearbeitet. Zudem liegt der Migrationsanteil an der Schule bei weit über achtzig Prozent, so dass Isolde Ebert mit ihrer Idee auf offene Ohren stieß.

Gemeinsam mit Theresia Aschemann, der ebenfalls an der Scharrer-Schule tätigen Sozialpädagogin Katja Zagel und Annette Körner, die eine Gruppe von Zeitschreibern in der Evangelischen Stadtakademie anleitet, entwickelte sie die nun schon zum zweiten Mal durchgeführten Projekttage. 2012 erhielt die Veranstaltung den Paula-Maurer-Preis, den das Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg seit 2006 jährlich vergibt.

Im Rahmen der Workshoptage befragen die Jugendlichen ihre Eltern zu Familienstammbäumen und Familiengeschichten. Von den Zeitschreibern lassen sich die Jungs und Mädels inspirieren, wie sie ihre persönliche Herkunftsgeschichte zu Papier bringen können.

Die von den Schülern selbst verfassten Geschichten werden am Ende in Form von Theaterszenen, Hörspielen oder Computer-Collagen umgesetzt. Die Medienpädagoginnen Ruth Olschinski und Anna Hielscher vom Medienzentrum Parabol zeigen dabei den Jugendlichen, wie eine professionelle Fotostory entsteht oder ihre Texte mit Hilfe von Mikrofon und Kopfhörer zum Anhören in den PC kommen.

Ins Ohr geflüstert

„Mein Opa hat mir gleich nach meiner Geburt meinen Namen ins Ohr geflüstert und für mich gebetet“, erzählt Yagmur (13) in ihrem Hörspiel. „Vorher wusste ich gar nicht so viel über meine türkischen Traditionen“, meint sie. „Die will ich später mal an meine Kinder weitergeben.“ Leo (14), dessen Eltern aus Albanien kommen, hat die Schulzeit seiner Eltern in einem Bilder-Comic dargestellt. Seine Eltern seien gerne in die Schule gegangen, obwohl sie oft blaue Finger von den Schlägen hatten, erzählt er. „Bei dreckigen Fingernägeln wurde man nämlich mit dem Stock gehauen.“

Positiv überrascht sind die Schüler von dem, was sie über sich und ihre Familie erfahren haben und auch über das, was sie Kreatives geschaffen haben. „Das hätte ich anfangs nicht gedacht, dass bei all dem so viel herauskommt“, meint Elias (15). Auch Rüzgar fand es doch sehr „interessant“, wie ihre türkischen Großeltern den ersten Schnee in Deutschland erlebt haben. Ihre Foto-Collage zeigt eine Pfütze. „Oma wollte Opa einen Schneemann ins Haus stellen. Aber der ist dann einfach weggeschmolzen.“
 

RUTH NEUFELD E-Mail

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