Stadt prüft Verbot

24.3.2004, 00:00 Uhr
„Mit Lebe Gesund gesund leben“: An diesem Stand auf dem Hauptmarkt wird Biokost verkauft. Der Erlös, so berichten Aussteiger, fließt zum großen Teil an die pseudoreligiöse Glaubensgemeinschaft von Gabriele Wittek.

„Mit Lebe Gesund gesund leben“: An diesem Stand auf dem Hauptmarkt wird Biokost verkauft. Der Erlös, so berichten Aussteiger, fließt zum großen Teil an die pseudoreligiöse Glaubensgemeinschaft von Gabriele Wittek. © Wilhelm Bauer

„Der Bärlauch kostet 7,50 Euro. Wenn Sie drei Gläser nehmen, bekommen Sie eine Packung Kräuter-Ravioli gratis dazu“, sagt die freundliche Dame im roten Pulli, die an diesem Nachmittag am Stand von „Lebe Gesund“ am Nürnberger Hauptmarkt die Kunden bedient.

Nein, zu teuer sei das sicher nicht, hält sie dem kritischen Nachfrager resolut entgegen. Bei „den wertvollen Zutaten“ auf keinen Fall. Und auch das verwendete Öl sei bereits drei Mal ausgezeichnet worden. Weil der Kunde nun doch verzichtet, wird ihm noch eine 50 Seiten dicke Broschüre des „Lebe Gesund“-Versandes und eine Scheibe Steinmühlenbrot („Aus friedfertigem Anbau“) zum Probieren in einer grün und rot bedruckten Papiertüte in die Hand gedrückt.

Montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr und am Samstag von 7.30 bis 16 Uhr bieten die Verkäufer mit Genehmigung des städtischen Marktamtes in der Nürnberger Innenstadt (neuerdings auch in einem gemieteten Laden am Josephsplatz) ihre Biokost an und können sich über eine feste und treue Stammkundschaft freuen.

Doch was die oft ahnungslose Kundschaft nicht weiß: Der Erlös, so berichten Aussteiger, fließe zu einem großen Teil in die Kassen der pseudoreligiösen Glaubensgemeinschaft der selbst ernannten Prophetin Gabriele Wittek namens „Universelles Leben“ (UL).

Aber das durchschaut der Kunde oft erst auf den zweiten Blick, denn der Begriff „Universelles Leben“ taucht in den Prospekten nicht auf, die man am Stand, auch wenn man nichts kauft, in die Hand gedrückt bekommt. Erst nach einigen Mausklicks auf den angegebenen Internetseiten — etwa, wenn man für eine „Gabriele-Stiftung“ Geld für ein Tierschutzprojekt spenden oder ein „großes Gemüse-Abo“ für 15,30 Euro pro Lieferung bestellen will — stellt man fest, dass die Fäden in der Max-Braun-Straße 2/4 in Altfeld zusammenlaufen. Hier steht das Wirtschaftszentrum der zahlreichen Betriebe, hinter denen das UL steckt. Auf der offiziellen Homepage des „Universellen Lebens“ rangiert die „Gabriele Stiftung“ als Link ganz vorne. Ein Mausklick und man ist drin, auch wenn UL-Vertreter nicht müde werden zu betonen, die „Christusbetriebe“ hätten nichts mit der Sekte zu tun. Ein Insider: „Das stimmt nur formaljuristisch.“

Mit dieser Art der verdeckten Werbung, so urteilen Rechtsexperten, bewegt sich UL in Nürnberg auf „ziemlich dünnem Eis“. Grund: Wenn die Sekten-Jünger beim Missionieren erwischt werden, droht ihnen nach der Marktordnung laut Stadtrechtsdirektor Hartmut Frommer die Rote Karte. Bernhard Wolf, Beauftragter der evangelischen Kirche in Bayern für neue religiöse Strömungen, spricht denn auch von Verschleierung und fordert Aufklärung im Sinne der Verbraucher: „Wer hier sein Brot mitnimmt, muss wissen, bei wem er kauft.“ Bei Kontrollen habe man aber bisher noch keinen Grund zu Beanstandungen gehabt, erklärt man stattdessen im Rathaus. Mehr könne man nicht tun, denn schließlich sei nicht das „Universelle Leben“ Betreiberin des Standes, sondern eine Einzelperson.

Durch alle Instanzen

Dass man gegenüber der Truppe der Endzeit-Prophetin aus Würzburg nicht so zögerlich auftreten muss, hat zuletzt die Stadt Stuttgart vorgemacht. Die Schwaben haben die Lebe-Gesund-Botschafter wegen verbotener Werbung aus ihren Markthallen geworfen und den von den UL-Hausjuristen angestrengten Prozess durch bisher alle Instanzen gewonnen.

Nachdem CSU-Stadtrat Peter Bielmeier einen ähnlichen Schritt von den Nürnberger Ordnungsbehörden fordert, lässt Rechtsdirektor Hartmut Frommer jetzt für eine der nächsten Sitzungen des Rechts-und Wirtschaftsausschusses ein Gutachten erarbeiten.

Derweil hat UL die von vielen ähnlichen Vorgängen bekannte juristische Maschinerie angeworfen. In einem Brief an Oberbürgermeister Ulrich Maly klagt UL-Hausjurist Christian Sailer im Namen von „Lebe Gesund“ über eine beispiellose Verleumdungskampagne, bei der Erinnerungen an die Judenverfolgung während des Dritten Reichs wach würden. Beim „Universellen Leben“ handele es sich um eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes, an deren Gesetzestreue keinerlei Zweifel bestünden.

Ein paar Tage später verteilten UL-Aktivisten eine Schmähschrift, in der Bielmeier, von Hauptberuf Pfarrer, als „kirchlicher Fanatiker“ und „geistiger Brandstifter“ beschimpft wird, der zur Hetzjagd auf anständige Geschäftsleute blase. (Siehe dazu auch den nebenstehenden Bericht)