Stadtarchiv: 200 Jahre Nürnberg im Schnelldurchgang

29.9.2018, 09:16 Uhr
Die beiden Stadtchronisten Daniela Stadler (links) und Steven Zahlaus (rechts).

Die beiden Stadtchronisten Daniela Stadler (links) und Steven Zahlaus (rechts). © Eduard Weigert

Damals hat der elfjährige Georg Paul Amberger mit den Notizen begonnen. Alles, was ihm wichtig war, hat er in sein Tagebuch notiert. Ab 1806 hat er dann systematisch erfasst, was in Nürnberg los war: Er wurde zum Chronist des Stadtlebens. Schlimme Hungersnöte, Besuche des bayerischen Königs, bunte Volksfeste oder beunruhigende Unwetter - alles findet sich in der handgeschriebenen Werken wieder.

"Amberger war kein Bücherwurm, sondern ein lebenslustiger Mensch", meint Daniela Stadler, die im Stadtarchiv die Chronik mit ihrem Kollegen Steven Zahlaus betreut. So war Amberger ein begeisterter Besucher des Volksfests auf der Peterheide (im Stadtteil Gleißhammer). Ausführlich schildert er die Wirtschaften, die Pferderennen und Spiele wie Sackhüpfen und Eierlaufen.

Mord, Totschlag und Selbsttötungen

Bei seinem Tod 1844 vermachte der erste Chronist Nürnbergs die Unterlagen der Stadt mit der Auflage, dass sie fortgeführt würden. Dies geschah auch durch Mitarbeiter des Magistrats und durch Bibliothekare. Allerdings in unterschiedlicher Qualität: So gab es einen Schreiber, der sich hauptsächlich für Mord, Totschlag und Selbsttötungen interessiert hat. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass halb Nürnberg zu seiner Zeit ausgestorben war.

Dem einstigen Archivdirektor Ernst Mummenhoff passte die recht subjektive Wahrnehmung der Stadt nicht: Er setzte 1890 durch, dass nur mehr sachliche, wertungsfreie Einträge ihren Weg in die Chronik finden. Daran hielten sich die meisten Mitarbeiter. In der Nazizeit gab es immer wieder mal Ausreißer: "Es wird deutlich, in welcher Zeit man sich gerade befindet", sagt Historikerin Stadler.

Doch im Großen und Ganzen sind die Einträge neutral, rein berichtlich abgefasst. Zwischendrin konnte sich ein Chronist auch in jüngerer Zeit einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: Als es um umfassende Bauarbeiten in einer großen Nürnberger Brauerei ging, merkt er spitz und ein wenig hämisch an, dass dadurch deren Bier auch nicht besser schmecken würde.

Ganz normale Bürger

Wer nutzt die Chronik? Firmen und Vereine melden sich beim Stadtarchiv, wenn ein Jubiläum ansteht. Die Stadtverwaltung klopft an, wenn ein bekannter Kommunalpolitiker zum Abschied gewürdigt werden soll. Doch es sind auch ganz normale Bürger, die sich dafür interessieren.

So wollte eine Dame wissen, wie oft Kaiserin Elisabeth ("Sissi") in Nürnberg gewesen sei. Sie habe in einem Buch gelesen, dass sich die Monarchin mehrmals in der Stadt aufgehalten habe. Mit Hilfe der Chronik konnte man feststellen, dass dies ein wenig übertrieben ist: Sie war bei ihren Reisen auf Durchfahrt in Nürnberg. Ihren Zug, der kurzzeitig halten musste, hat sie nicht verlassen, sondern im Abteil auf die Weiterfahrt gewartet.

Eine andere Dame erinnerte sich, als Kind ein Loch in der Wand des Cafes "Wanner" am Dutzendteich (heute: Gutmann) gesehen zu haben. Was das wohl war? Durch die recherche konnte man dies mit der Notiz vom 20. Februar 1954 klären: "Sprengstoffanschlag auf einen Faschingsball". Dort hatte ein geistig Behinderter eine 7,5 Zentimeter-Granate gezündet. Drei Menschen kamen ums Leben, 30 weitere Gäste wurden verletzt.

Im Computer gespeichert

Heute wird die Chronik natürlich längst nicht mehr handschriftlich geführt, die Daten werden im Computer gespeichert. "Unsere wichtigsten Quellen sind Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung", sagt Stadtarchiv-Mitarbeiterin Stadler. Hier findet sie alle wesentlichen Ereignisse.

Die Chronik kann man übrigens nicht im Internet abrufen, man muss sich in den Lesesaal des Stadtarchivs in der Norishalle bemühen. In dem Gebäude am Marientorgraben kann man dann die Nürnberger Ereignisse der vergangenen 200 Jahre auf Mikrofilmen an sich vorbeiziehen lassen.

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