Armut

Studie: Arme Kinder haben weniger Spielfläche - auch in Nürnberg

9.5.2021, 17:26 Uhr
Kinder in ärmeren Wohngegend haben meist weniger Platz zum Spielen als Kinder in reicheren Gegenden. 

Kinder in ärmeren Wohngegend haben meist weniger Platz zum Spielen als Kinder in reicheren Gegenden.  © Armin Weigel, dpa

Von einem Haus oder zumindest einer Wohnung mit großem Garten können die Kinder in Steinbühl in der Regel nur träumen. Das ist umso tragischer, da es hier ohnehin nicht allzu gut um Freiraum und Sportanlagen bestellt ist. Aber auch Spielflächen gibt es in bestimmten Stadtteilen einfach weniger – ob nun an der Bärenschanze oder in St. Leonhard.

Städte im Vergleich

Eine Studie spricht nun davon, dass Kinder in den ärmsten Stadtteilen deutscher Großstädte weniger Spielplatzfläche zur Verfügung haben als ihre Altersgenossen in den privilegiertesten Quartieren. Die empirische Untersuchung des Deutschen Kinderhilfswerks, der Böll-Stiftung und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hatte dafür Daten aus Berlin, Dortmund, Erfurt, Hamburg, Leipzig, Saarbrücken und Nürnberg ausgewertet.

Dabei ging es grundsätzlich um die Frage, ob Kinder in ärmeren und reicheren Stadtteilen mit vergleichbar guter Infrastruktur aufwachsen – von der Bibliothek, über Verkehrssicherheit bis hin zu Spielplätzen und Naturflächen. Außer in Hamburg hatten laut Studie in allen untersuchten Städten Kinder in den Stadtteilen mit der niedrigsten Hartz-IV-Quote deutlich mehr Spielplatzfläche pro Kopf zur Verfügung als Kinder in den ärmsten Gebieten.


Stadt will Spielplätze attraktiver machen


Armut manifestiert sich auch an dem Fehlen von Raum, wie bereits die Bertelsmann-Stiftung 2018 konstatiert hatte. Wer wenig hat, lebt in der Regel beengt. Auch Elisabeth Ries, Sozialreferentin der Stadt Nürnberg, ist das Problem der Konkurrenz um Fläche klar – auch wenn sie sich gegen ein pauschales Urteil hinsichtlich der Spielflächen wehrt.

Elisabeth Ries ist Nürnbergs Referentin für Jugend, Familie und Soziales.

Elisabeth Ries ist Nürnbergs Referentin für Jugend, Familie und Soziales. © Christine Dierenbach/Presse und Informationsamt Stadt Nürnberg, NN

Sie kennt die Studie des Deutschen Kinderhilfswerks und kann den Ergebnissen für Nürnberg eben nur bedingt zustimmen. „Was Freiraum und Sportanlagen angeht, so sind diese tatsächlich nach Stadtteilen unterschiedlich verteilt“, sagt sie. „In weniger dicht besiedelten Vierteln haben wir natürlich mehr Freiraum und mehre Grünflächen“, so Elisabeth Ries weiter. In dicht bebauten Vierteln sei es hingegen schwer, neue Flächen zu schaffen.

Was Spielplätze angeht, so könne sie aber „keinen direkten Zusammenhang“ zwischen Fläche und sozialer Lage feststellen. Der Zielwert in der Stadt sieht 3,4 Quadratmeter Spielfläche pro Einwohner vor. Elisabeth Ries ist ehrlich: „In manchen Stadtteilen gelingt uns das, in anderen nicht“. Und bei Neubaugebieten ist dies leichter zu verwirklichen als in bereits bestehenden Ensemblen.


Unter Kontrolle


In dicht besiedelten Bereichen könne man nur an der Qualität und am Erhalt arbeiten, aber auch versuchen, bereits vorhandene Flächen zu nutzen, sagt die Sozialreferentin. So gibt es in Nürnberg derzeit 64 öffentlich zugängliche Spielplätze in Schulspielhöfen. „Diese waren in der besagten Studie überhaupt nicht berücksichtigt worden“, wie sie kritisiert. Dabei handele es sich jedoch auch um Spielplätze.

Lichtblick für die Kinder in der Südstadt: Der neu gestaltete Spielhof im Hummelsteiner Weg

Lichtblick für die Kinder in der Südstadt: Der neu gestaltete Spielhof im Hummelsteiner Weg © Stadt Nürnberg / Jugendamt, NN

In Nürnberg plant, baut und pflegt der Servicebetrieb öffentlicher Raum (Sör) die Spielplätze und Bewegungsparks im Stadtgebiet. Darunter sind unter anderem 229 öffentliche Spielplätze, die Schulspielhöfe, 14 Spielplätze in Kleingartenanlagen. Hinzu kommen Spielplätze in Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten oder anderen städtischen Orten, die sind allerdings nicht öffentlich zugänglich.

„Natürlich würde mehr immer besser sein“, wie Elisabeth Ries sagt. Beim Thema „Spielen in der Stadt“ gehe Nürnberg äußerst systematisch vor und habe einen gleichnamigen Jugendhilfeplan erarbeitet. Der spiegelt mehr als nur den Bestand und Bedarf von Spielflächen wider. Er beinhaltet Planungsgebiete, aber eben auch Flächendefizite, wie etwa in Bereichen von Galgenhof oder St. Johannis. Seit der Verabschiedung des Plans im Jahr 2008 wurde viel gebaut und saniert, derzeit wird der Jugendhilfeplan grundlegend aktualisiert.

Arbeit mit System

„Ein großer Vorteil ist, dass sehr systematisch und kontinuierlich geplant und investiert wird, dafür stehen auch die langfristig zur Verfügung gestellten Pauschalen“, so Elisabeth Ries. Denn dadurch müsse nicht jedes Mal um einzelne Maßnahmen verhandelt werden und am Ende noch in Konkurrenz mit anderen wichtigen Themen der Stadtpolitik treten. Allein für den Bau und die Generalsanierung von Spielplätzen stehen pro Jahr knapp 700 000 Euro zur Verfügung.


Bewegung im Freien


„Meiner Einschätzung nach trägt dieses systematische Vorgehen wesentlich dazu bei, dass die sozial höher belasteten Stadtteile, wo möglicherweise die Lobby weniger gut artikuliert auftreten würde, bei der Spielflächenausstattung nicht benachteiligt sind.“ Allein im vergangenen Jahr wurden 16 Spiel- und Aktionsflächen und Spielhöfe gebaut oder saniert – unter anderem entstand ein neuer Spielplatz am Nordostbahnhof. Drei weitere sind noch im Bau.

Der Ausbau der Flächen geht auch 2021 und 2022 weiter. So hat es der Jugendhilfeausschuss in seiner letzten Sitzung beschlossen. Ein wichtiges Signal für Kinder in dicht besiedelten Stadtvierteln.

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