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Syrer bekommt wegen Anschlägen Praktikumsplatz nicht

Erst Zusage, dann Absage - Unternehmen verteidigt sich mit Pauschalisierung - 09.08.2016 09:01 Uhr

So mancher Flüchtling sucht derzeit einen Praktikumsplatz, um seine Chancen auf Ausbildungs- und Studienplatz zu erhöhen. © dpa


Majd (Name geändert) will in den großen Ferien - anders als viele Gleichaltrige - nicht im Freibad auf der faulen Haut liegen. Stattdessen will der 18-Jährige ein Praktikum machen, um seine Chancen auf ein Studium zu erhöhen. Ein Nürnberger Logistikunternehmen lud ihn vor rund vier Wochen zum Vorstellungsgespräch ein. "Die Chefin hat mir das Praktikum zugesagt", sagt Majd, "sogar einen Termin für den Arbeitsbeginn haben wir ausgemacht". Drei Wochen lang sollte Majd Arbeitsluft schnuppern, zwei Wochen im Lager, eine im Büro.

Dann jedoch hörte er nichts mehr von dem Familienunternehmen. Zwei Tage, bevor er das Praktikum antreten sollte, rief er dort an. Die Antwort folgte am 3. August per E-Mail. "Leider können wir Ihnen keine Praktikantenstelle anbieten", ist dort zu lesen. Die Begründung des Unternehmens: "Nach langen Überlegungen in unserem Team haben wir uns aufgrund der schlimmen Anschläge in Deutschland entschlossen, die Stelle durch einen anderen Bewerber zu ersetzen". Die freundlich grüßende Gesellschafterin weißt zudem darauf hin, dass bereits ein Info-Schreiben an die Bundesregierung gegangen sei.

"Den Schaden müssen wir selbst tragen"

Dieses Schreiben, das beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingegangen ist, ist nicht minder erstaunlich. Es sei dem Unternehmen wichtig, Auszubildende zu finden und in das Unternehmen zu integrieren, steht dort. Dem jungen Syrer hätte man gern eine Chance gegeben. Aufgrund der schlimmen Vorfälle in dieser Woche in Deutschland habe man sich jedoch entschlossen, die Stelle durch einen anderen Bewerber zu ersetzen. "Wir finden, die Bundesregierung sollte direkt erfahren, warum wir eine derartige Integration ablehnen", heißt es weiter. Außerdem bittet man das Bundesamt darum, dem Bewerber diese Entscheidung mitzuteilen. Im Anhang der Mail: der komplette Lebenslauf des syrischen Flüchtlings. Abgeschickt wurde die Mail am 25. Juli - einen Tag nach dem Anschlag von Ansbach.

Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, dass man eben Verantwortung für die Mitarbeiter trage. In den vergangenen Tagen seien Firmen-Lkws in England von Syrern überfallen und aufgeschlitzt worden. "Den Schaden müssen wir selbst tragen", so die Gesellschafterin.

Wer Majd doch gern eine Stelle anbieten möchte, darf sich gern bei Marius Hanganu melden: mariuszhanganu@gmail.com.  

Julia Vogl

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