Tatort Nürnberg: Bankräuber tötete SEK-Beamten und sich selbst

8.9.2019, 16:16 Uhr
Tatort Werderstraße: Die Kugeln des Bankräubers trafen den SEK-Beamten am 24. April 1982. Der Polizist sackte an dieser Stelle schwer verwundet zusammen.

Tatort Werderstraße: Die Kugeln des Bankräubers trafen den SEK-Beamten am 24. April 1982. Der Polizist sackte an dieser Stelle schwer verwundet zusammen. © Archivfoto: Wilhelm Bauer

Die terroristischen Anschläge während der Olympischen Spiele in München 1972 waren der Anlass der Ständigen Konferenz der Innenminister, Spezialeinheiten in den Ländern (SEKs) und für den Bund (GSG 9) aufzubauen und einzusetzen. Der Beschluss der Ministerrunde gilt als Geburtsstunde der Spezialeinheiten in Deutschland. Die Beamten werden auf brandgefährliche Einsätze vorbereitet. Wenn etwa die öffentliche Sicherheit massiv bedroht ist oder sich jemand selbstgefährdend verhält.

Tödlicher Schusswechsel

Seit der Gründung der Spezialkräfte in Bayern 1974 haben in Mittelfranken zwei SEK-Beamte nach einem Schusswechsel ihr Leben verloren. Daniel E. (32) ist am 19. Oktober 2016 in Georgensgmünd von einem Reichsbürger durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt worden. Einen Tag später erlag er seinen Verletzungen. Der Fall ging wochenlang durch die Medien.

Mit diesem Colt Government schoss der Bankräuber Gerhard M.

Mit diesem Colt Government schoss der Bankräuber Gerhard M. © Foto: NN

Bereits 34 Jahre vor den tödlichen Schüssen in Georgensgmünd ereilte Theodor H. ein ähnliches Schicksal: Ein flüchtiger Bankräuber feuerte in Nürnberg mit einer Pistole vom Typ Colt Government auf den 30-jährigen Angehörigen des SEK Nordbayern. Der Täter richtete sich mit dieser Waffe kurz darauf selbst. Der Polizist starb Tage später an den Folgen der Schussverletzungen in der Klinik. Doch wie kam es zu dem tödlichen Schusswechsel in diesem fast schon vergessenen Fall eines Polizisten-Mordes?

Genau genommen gibt es in diesem Fall zwei Tatorte: Nürnberg und Büchenbach im Landkreis Roth. Gerhard M. steht am 23. April 1982 um 14.30 Uhr in der Sparkasse der mittelfränkischen Gemeinde. Der 30-Jährige, der bereits 13 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbrachte, hat sich vor dem Betreten der Filiale eine Strumpfmaske über den Kopf gezogen. In seiner rechten Hand hält er den Colt Government, die Waffe richtet er gegen den Vater eines dreijährigen Jungen. Beide gehören zu den fünf Kunden, die zu diesem Zeitpunkt in der Geschäftsstelle stehen.

"Geld her, sonst gibt‘s Tote!", brüllt er und fordert die Mitarbeiterin am Schalter auf, das Geld aus dem Tresor in eine Plastiktüte zu packen. In diesem Moment will ein weiterer Kunde die Sparkasse betreten. Noch ehe er kehrtmachen kann, dirigiert ihn der Bankräuber in die Innenräume und fordert ihn auf, sich auf den Boden zu legen. Minuten später ist die Tüte mit rund 90.000 Mark gefüllt, M. stürmt aus der Filiale, springt in einen orangefarbenen Ford-Escort-Kombi und sein Komplize am Steuer gibt Gas.

Zeugin konnte Fluchtfahrzeug beschreiben

Die alarmierte Polizei löst eine Ringfahndung aus, eine Zeugin kann das Fluchtfahrzeug exakt beschreiben. Der Kreis um die Täter zieht sich immer enger. Laut Ermittlungsakten hat es nach dem Überfall lediglich knapp eine halbe Stunde gedauert, bis der auffällige Ford am Schillerplatz in Schwabach gestoppt wird. Am Steuer: der 19-jährige Günter R. Vom Haupttäter allerdings fehlt jede Spur. Der hatte sich von seinem Fahrer in einem Waldstück absetzen lassen und war verschwunden.

In Vernehmungen leugnet R., mit dem Bankraub etwas zu tun zu haben. Doch dann hält er dem Druck nicht mehr stand, erzählt den Ermittlern alles und nennt M. als Haupttäter. Doch von dem 30-Jährigen fehlt jede Spur. Die Einsatzleitung beschließt, M.s Wohnung in der Feldgasse in Nürnberg-Wöhrd observieren zu lassen. Das SEK übernimmt die Aufgabe, Beamte warten im Ein-Zimmer-Apartment auf M., um ihn zu überwältigen. So, wie die RAF-Terroristin Elisabeth van Dyck am 4. Mai 1979 in ihrer Wohnung in der Nürnberger Stephanstraße hätte festgenommen werden sollen – dann allerdings im Kugelhagel starb.

Kugel traf Beamten in die Brust

Auch vor dem Haus in der Feldgasse sind SEK-Beamte in einem Zivilfahrzeug postiert, unter ihnen Polizeihauptmeister Theodor H.. Es ist mittlerweile der 24. April gegen 1.45 Uhr, als den Polizisten im Rückspiegel eine Person auffällt. Der Mann nähert sich dem Dienst-BMW von hinten – und geht am observierten Hauseingang vorbei. Ob er bemerkt hat, dass seine Wohnung unter Beobachtung steht, ist bis heute unklar. Die Einsatzkräfte sind sich in diesem Moment aber fast sicher: An ihnen geht mit großer Wahrscheinlichkeit gerade der Gesuchte vorüber. Die vorliegende Beschreibung jedenfalls trifft zu.

Die Beamten beschließen, dem Mann im Auto zu folgen. Bis in die Werderstraße, dann ergibt sich eine Gelegenheit, den Verdächtigen zu stoppen und zu kontrollieren. Der BMW kommt hinter dem Verfolgten zum Stehen, H. steigt aus und ruft: "Halt, stehen bleiben, Polizei!" Blitzschnell dreht sich M. um und feuert wortlos mit seinem Colt Government auf den Polizisten. Er trifft ihn in die Brust, der Beamte sackt zu Boden. Dann hält der Schwerverbrecher den Lauf der Waffe an seinen Kopf und drückt einmal ab. Rettungsdienst und Notarzt stehen sofort bereit, der schwer verletzte Polizist wird notoperiert. Der Bankräuber verstirbt wenig später im Rettungswagen. 23 Tage nach der Schießerei erliegt der verheiratete SEK-Beamte und Vater eines neunjährigen Sohnes seinen Verletzungen.

Und der Fahrer des Bankräubers? Im Oktober 1982 wird Günter R. wegen schwerer räuberischer Erpressung und erpresserischen Menschenraubs vom Jugendschöffengericht zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt. Richter Martin Burkert wertet R.s Rolle nicht als die eines Gehilfen, sondern als die eines Mittäters: "R. hatte mit dem zwölf Jahre älteren Gerhard M. den Überfall genau durchgesprochen und geplant." R.s Anwältin plädierte auf Bewährung. Antwort Burkert: "Bei so viel Schuld darf es keine Bewährung geben."

Bis heute fehlen die erbeuteten 90.000 Mark. R. beteuerte, das Versteck nicht zu kennen.


Anmerkung der Redaktion: Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die gegebenen Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie 24 Stunden am Tag Hilfe und Beratung. Alternativ könne Sie sich auch an den Krisendienst Mittelfranken unter der Tel.-Nr. 0911 4248550 wenden. Durch die Möglichkeit von Hausbesuchen in ganz Mittelfranken und durch persönliche Gespräche (ohne Wartezeit und Terminvergaben) ergänzt der Krisendienst das Angebot der Telefonseelsorge.


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