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Tatort Nürnberg: Dieser Doppelmord sorgte für Entsetzen

In unserer Serie beleuchten wir historische Kriminalfälle, die schockierten - 02.06.2019 05:55 Uhr

Ein Ermittler erkundet den Fundort der Leichen im Wald. Der Täter hatte seine Opfer mit Dachpappe zugedeckt. © Foto: Rudolf Contino


B is zu ihrem 36. Lebensjahr hieß sie Klaus W.. Dann nannte sie sich Monika. Dann nannte sie sich Monika. Den Schritt in die Welt des anderen Geschlechts hat sie im Januar 1994 in einem Brief bekanntgegeben. Das Schriftstück verfasste sie in ihrer Gefängniszelle der Haftanstalt Straubing und schickte es ihrem Anwalt: "Ich bin eine starke Frau und werde jeden Tag stärker", schrieb sie. Ob sie den Klaus einfach abstreifen wollte? Den Klaus, dem sie es zu verdanken hat, dass sie hinter Gittern sitzt? In ihrem Brief schreibt sie auch, bereits als Halbwüchsiger Nylonwäsche angezogen zu haben, um für kurze Zeit in die Welt der Frauen zu wechseln.

In diesem Gartenhäuschen am Kohlbuck haben sich Einbrecher mehrere Tage häuslich niedergelassen. © Foto: Rudolf Contino


Anzeichen für die Umwandlungsabsicht hatte es schon vorher gegeben, ehe sie zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde. Doch die Ermittler konnten damals mit einer Reihe an Spuren zunächst gar nichts anfangen: Büstenhalter, einem Jeansrock, Pumps und einer Tasche voll Damenunterwäsche, die sie in Klaus‘ damaliger Wohnung in Simonshofen bei Lauf gefunden hatten. Mit dem Brief löste sich auch das letzte Rätsel um den Doppelmörder, der am 24. März 1991, es ist ein Palmsonntag, zwei Menschen auf grausame Weise das Leben nahm.

Polizeisprecher Klaus Zothner zeigt den zurückgelassenen Pullover. © Foto: Rudolf Contino


Johann und Hildegard B. entscheiden sich an diesem Tag für eine Tour ins Grüne. Den goldfarbenen Mercedes stellt das aus Nürnberg stammende Paar an der Sportgaststätte TSV 1846 Behringersdorf ab. Von da aus tauchen die beiden zu einem Spaziergang in den Erlenstegener Forst ein. Dutzende Frischluftfans sind an diesem Nachmittag in dem Waldstück in der Nähe der Kleingartenkolonie am Kohlbuck unterwegs.

An diesem 24. März treibt sich auch Klaus W. im Wald herum. Ein gefährlicher Mann, der einst an seinem 18. Geburtstag seine Großmutter wegen ein paar Hundert Mark umgebracht hatte. Das Landgericht Coburg verurteilte ihn zu neun Jahren Haft, wegen guter Führung kam er nach sechs Jahren frei. Doch W. wurde rückfällig, raubte in einem Zeitraum von fünf Tagen zwei Rentnerinnen in der Günthersbühler Straße in Nürnberg-Erlenstegen aus. Er kam abermals ins Gefängnis und 1988 wieder auf freien Fuß. Bis 1990 hatte der gelernte Schreiner Kontakt zur christlichen Kommunität, die sich um Strafentlassene bemüht. Dann aber verließ er die Gruppe und lehnte jede weitere Hilfe ab.

Ausschau nach Opfern im Wald

Am 24. März 1991 späht der kleine, zierliche Mann im Wald nach seinen nächsten Opfern. Um etwa 16 Uhr begegnet er dem Rentner-Ehepaar Hildegard und Johann B. Der vorbestrafte Mann zieht eine Gaspistole, fordert Geld und erhält auch 120 Mark. Doch W. bekam Angst, die beiden könnten ihn später als Räuber identifizieren. Er befiehlt ihnen, sich umzudrehen, zieht ein Campingmesser und sticht 62 Mal auf sie ein, wie ein Gerichtsmediziner feststellen wird. Als Johann B. sich noch einmal aufbäumt, schlägt ihn W. mit einem Holzscheit tot. Seine beiden Opfer deckt er mit Dachpappe und Erde ab, zieht die Schuhe von Johann B. an und verschwindet.

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Baumfrevler und "süßer Wolfi": Mysteriöse Kriminalfälle aus Franken

Vermisste Personen, brutale Morde und nie gefasste Täter: Immer wieder gibt es unerklärliche Kriminalfälle - auch in Nürnberg, Franken und der Oberpfalz. Einige sind bis heute nicht gelöst. Eine Übersicht in Bildern.


Eine 58-Jährige wird gut zwei Jahre später im Zeugenstand des Nürnberger Schwurgerichts eine beklemmende Szene schildern: Zu diesem Zeitpunkt ist sie mit ihrer Mutter in der Nähe des Tatorts spazieren gegangen und hörte "ein ganz schrilles Kreischen" und "ein Schlagen wie von Holz". "Dann war es plötzlich still".

In den folgenden Tagen quillt der Briefkasten vorm Haus des Ehepaars in Nürnberg-Ebensee über und die Katzen der beiden jammern vor Hunger. Das berichtet die Tochter den Beamten der Polizeiinspektion Ost. Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei durchkämmt daraufhin den Erlenstegener Forst, wo die Bs. öfter spazieren gingen. Mittlerweile hat auch die Wirtin der Sportgaststätte TSV 1864 Behringersdorf bei der Polizei angerufen, weil seit einigen Tagen der goldfarbene Mercedes vor ihrem Lokal steht. Schließlich findet ein Bereitschaftspolizist die Leichen.

Zwei Fingerabdrücke entdeckt

Die Ermittlungen übernimmt die Kripo Erlangen, denn das Waldgebiet, in dem das Ehepaar aufgefunden worden ist, liegt im Kreis Erlangen-Höchstadt. Am Tatort findet die Polizei einen Mantel, Stofffetzen und den Holzscheit mit Blutflecken.

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Tatort Nürnberg: Geklärte und ungeklärte Mordfälle, die die Stadt bewegten

Warum wurde im November 1985 eine Kellnerin hinterrücks ermordet? Was trieb den "Vampir" von Nürnberg an, der das Blut seiner Opfer trank? Warum schoss ein Mann anno 1982 in einer Diskothek mit einer Pistole um sich? Und wer tötete im September 1917 den Polizisten Ludwig Weber am Fischbacher Eisweiher? Es sind Fragen wie diese, die Nürnberg heute noch beschäftigen. Die Lokalredaktion blickt zurück auf geklärte und ungeklärte Mordfälle.


Ein cleverer Kripobeamter hat die Idee, dass das Gewaltverbrechen mit den Einbrüchen in den Gartenhäuschen der nahen Kolonie am Kohlenbuck zusammenhängen könnte. So befragt er Kleingärtner, ob sie den Mantel wiedererkennen – und hat Erfolg. Die Lauben werden gründlich durchsucht, in einer findet die Spurensicherung zwei Fingerabdrücke, die niemandem zugeordnet werden können. Am 29. April kommt der Durchbruch: Das Landeskriminalamt kann die Fingerspuren dem 33-jährigen Klaus W. zuordnen, der wegen seiner Verbrechen bereits registriert ist. Für W. wird es jetzt immer enger, Polizisten finden in seiner Wohnung sowohl die Schuhe von Johann B.
als auch den Autoschlüssel für den Mercedes. Konfrontiert mit den Fakten, knickt Klaus W. ein und gesteht den Doppelmord in vollem Umfang. Gut vier Wochen nach der Tat hat die Kripo den Fall gelöst.

"Der Mann ist gemeingefährlich"

Anfang Mai 1993 beginnt im Sitzungssaal 600 vor dem Nürnberger Schwurgericht die Verhandlung des Falls. Die Bluttat räumt Klaus W. vor Richter Adolf Kölbl zwar ein, doch über seine Motive schweigt sich der Angeklagte aus. "Was seine Gefühle betrifft, ist er verschlossen wie eine Auster", stellt der NN-Gerichtsreporter fest.

Der Sachverständige kommt in seinem psychiatrischen Gutachten zu dem Ergebnis, dass er bei dem geständigen Täter keine Anzeichen einer Geisteskrankheit erkennen könne. Vorsitzender Kölbl folgt in seinem Urteil der Expertise des Arztes und weist dem Angeklagten eine besonders schwere Schuld zu. "Offenbar gibt es solche Menschen, die für ein Butterbrot töten", sagt er. "Dieser Mann ist gemeingefährlich." Klaus W. erhält die Höchststrafe von 15 Jahren Haft, die Richter ordnen überdies eine Sicherungsverwahrung an. 

Alexander Brock

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