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"Tatort Nürnberg": Verheerende Detonation im Getreidesilo

Die Staubexplosion 1974 am Nürnberger Hafen forderte vier Menschenleben - 18.05.2019 05:57 Uhr

Bild der Verwüstung: Einsatzkräfte der Feuerwehr inspizieren das vollkommen zerstörte Maschinenhaus der Siloanlage an der Rotterdamer Straße.


Drei Faktoren müssen zusammentreffen, um die Katastrophe auszulösen: Ein Funke oder Glut, Staub und ein bestimmtes Mischungsverhältnis von Staub und Luft: Besonders riskant wird es, wenn 20 bis 2000 Gramm Staub in einem Kubikmeter Luft verteilt sind. Das sind die Voraussetzungen für eine Staubexplosion. Die Folgen dieser speziellen Detonation und der sich schlagartig ausbreitenden Stichflammen können verheerend sein.

Es sind vor allem Silos, Entstaubungsanlagen, Mühlen und Förderanlagen der Nahrungsmittelindustrie, in denen die Gefahren lauern. Am 14. Dezember 1970 etwa riss am Kieler Nord-Hafen eine Staubexplosion sechs Menschen in den Tod, 17 wurden verletzt. Am 6. Februar 1979 vernichtete eine Mehlstaubexplosion die Rolandmühle in Bremen am dortigen Holz- und Fabrikenhafen. 14 Menschen starben, 17 erlitten Verletzungen – es war die bisher größte Staubexplosion in Deutschland.

Vier Menschen starben, 16 wurden verletzt

Auch am Nürnberger Hafen kam es einmal zu einer solchen Katastrophe. Am 3. September 1974, knapp zwei Jahre nach der Eröffnung des Binnenschifffahrtshafens, erschütterte eine Explosion in einem Getreidesilo die Stadt und die Region. Vier Menschen starben an den Folgen ihrer schweren Verbrennungen, 16 wurden verletzt. "Um 18.40 Uhr ereignete sich eines der schwersten Unglücke der Nürnberger Nachkriegsgeschichte", titelten die Nürnberger Nachrichten damals.


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Es sind die drei Faktoren, die an diesem Tag in der Anlage der Firma Reitberger & Schüssler aus Würzburg zusammenkommen – einer der ersten Betriebe, die sich im neuen Hafengebiet angesiedelt hatten. In der Anlage werden Getreide und Futtermittel gelagert, entstaubt, getrocknet und ausgeliefert. Am 3. September gegen 16 Uhr gerät der Arbeitsablauf aber aus dem Ruder. Aus einem der zwölf rund 58 Meter hohen Silos qualmt es: Brand in der Trocknungsanlage. Die Firma alarmiert die Feuerwehr, die zunächst mit einem Löschzug anrückt. Von Anfang an ist den Brandbekämpfern klar, dass die Situation heikel ist, dass die Bedingungen für eine Staubexplosion gegeben sind, schließlich sind im Silo 180 Tonnen Getreide gelagert.

Wasser kann Detonation sogar begünstigen

Sie ahnen: Wasser kann unter diesen Umständen eine Detonation sogar begünstigen. Beim Löschen kann Staub aufwirbeln und die Luft damit so anreichern, dass das Explosionsgemisch entsteht, erklärte Hauptbrandmeister Georg Singer in den NN. Die Einsatzleitung entscheidet also, die Trocknungsanlage als geschlossenen Behälter nicht anzutasten und vielmehr den Inhalt in den Trockengutsilo zu entleeren. Lastwagen sollen die Fracht dann wegfahren. Irgendwann ist der Silo geleert, die Feuerwehr gab Entwarnung.

Und dennoch kam es zur Katastrophe. Später wird vermutet, dass ein technischer Defekt oder Überhitzung in der Trocknungsanlage der Auslöser dafür gewesen ist. Hafendirektor Walter Lechner glaubt, "dass ein Glutbatzen des zusammengebackenen Weizens in den Trockengutsilo gefallen ist, Staub aufgewirbelt und eine erste Verpuffung herbeigeführt hat".

"Und dann rollte der Feuerball über uns"

Mehrere Personen halten sich zu diesem Zeitpunkt in der Schaltzentrale des Maschinenhauses auf, dem Schauplatz der Explosion. Gegen 18.40 Uhr gibt es einen ersten Knall, der Anfang einer Kettenreaktion. Zwei Stichflammen erfassen die Menschen im Maschinenhaus und die in nächster Nähe. Überlebende des Infernos berichten den NN später: "Der Firmenchef wollte nicht, dass sich so viele Leute in der Schaltzentrale aufhalten. Darum gingen wir Sekunden vor der Explosion raus. Und dann rollte der Feuerball über uns."

Die Druckwelle vernichtet die Maschineneinrichtung, zerstört das Aufzugshaus, schlägt ein Loch in den Siloboden und reißt einen Teil des Daches weg. Durch die Wucht der Detonation werden Steine, Betonbrocken und Glasscherben durch die Luft geschleudert. Die Geschosse treffen Menschen, die an der Anlage stehen. Die bitteren Folgen: Die beiden Stichflammen verletzen 13 Menschen teils lebensgefährlich (vier Personen erliegen Tage später ihren schweren Brandwunden), sieben Personen erleiden Schnittwunden und Prellungen. Auch Einsatzfahrzeuge werden teils schwer beschädigt. Im Gebäude klaffen meterlange Risse, die Anlage gilt lange Zeit als einsturzgefährdet. Brennende Teile stürzen aber auch auf ein niederländisches Schiff, das, mit Getreide beladen, direkt am Kai neben der Firma Reitberger & Schüssler angelegt hatte. Gegen 19 Uhr steht auch der Frachter in Flammen, das Feuer kann noch rechtzeitig gelöscht werden.

Gefahr einer weiteren Staubexplosion

Mittlerweile ist Großalarm ausgelöst worden. 18 Kranken- und Notarzt-Rettungswagen rasen zum Unglücksort an der Rotterdamer Straße. Ein Rettungshubschrauber wird eingesetzt, selbst das US-amerikanische Militär schickt zwei Krankenwagen in den Hafen.

Die Feuerwehr hat große Mühe, den Brand in den Silos unter Kontrolle zu bringen. Die Löscharbeiten dauern mehrere Tage, immer wieder tauchen in der Anlage Flammen auf, weil Glutnester nur schwer zu finden sind. Damit droht auch immer wieder die Gefahr einer weiteren Staubexplosion. Am Samstag, 7. September, gibt die Einsatzleitung schließlich Entwarnung.

Beamte des Landeskriminalamtes und Spezialisten der Kripo Nürnberg haben indes die Ermittlungen zur Ursache aufgenommen. Doch zu einem eindeutigen Ergebnis kommen sie nicht. In ihrem Gutachten gehen sie von einem technischen Defekt aus. Die Ermittler kamen auch zu dem Resultat, dass die Leerung der Silos erst das gefährliche Getreide-Luft-Gemisch erzeugt hat. Um eine Explosion zu verhindern, hätte man während des Leerens Wasser in die Silos einspritzen müssen.

Am 9. Juni 1977 klagte die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth den Geschäftsführer der Firma an. Der Vorwurf: Herbeiführung einer Explosion, fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Wie das Verfahren aber ausging, ist nicht bekannt. Die Spur endet in den Archiven. 

Alexander Brock E-Mail

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