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Tausende Biker protestierten in Nürnberg: Viel Lärm und etwas Chaos

Motorradfahrer demonstrierten lautstark gegen drohende Fahrverbote - 19.07.2020 13:36 Uhr

Es war ein Meer aus Bikern, das sich am Wochenende in Nürnberg versammelte.

© Eduard Weigert


Motorradfahren? Das bedeutet für Biker Freiheit. Unabhängigkeit. Was nicht in diese Kette passt, ist ein Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen, so wie es der Bundesrat im Sinn hat. Dieser Vorstoß bringt die Motorradfans derart in Rage, dass sie sich am Samstag Vormittag auf der Großen Straße zu einer Ring-Umrundung zusammen gerottet haben.

Im Vorfeld hatte die Initiative RideFree2020, ein Zusammenschluss aus Bikern des Nürnberger Umlands, zu diesem Protest aufgerufen. "Lasst euch auch von eventuellem Regen nicht abschrecken!", lautete der Appell, denn sonst dürft ihr euch später bei Sonnenschein auch nicht beklagen, wenn ein Fahverbot verhängt wird." Das scheint gewirkt zu haben, denn gegen 11 Uhr vibriert die Große Straße unter dem Dröhnen funkelnder Maschinen, Kinder am Rand halten sich die Ohren zu.

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Demo gegen Fahrverbote: 6000 Motorräder rollen durch Nürnberg

Ein Meer aus Motorrädern erstreckt sich am Samstag am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Am Vormittag haben sich tausende Biker für eine Demonstration gegen mögliche Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen versammelt. In einer Kolonne wollten die Teilnehmer den Stadtring umfahren. Aus ganz Mittelbayern seien Demonstranten angereist. Für andere Verkehrsteilnehmer kommt es zu Einschränkungen.


Wer vorne steht, kann das Ende der Meute nicht mehr erkennen. Die Frage nach der genauen Teilnehmerzahl lässt sich kaum beantworten. Angekündigt waren 2000. Während die Polizei nach aktuellen Schätzungen von 6000 ausgeht, sieht der Veranstalter mehr als doppelt so viele Teilnehmer: "Den Ring auf 18 Kilometern haben wir komplett belegt", sagt Johannes Loesch von RideFree 2020 nach der Veranstaltung. "Wir waren etwa 15000."

Keine nennenswerten Zwischenfälle

Bevor es jedoch auf den Ring geht, verliest Loesch die Auflagen. Die Teilnehmer werden um vernünftiges Verhalten gebeten: Rote Ampeln haben war keine Bedeutung, aber Polizeifahrzeuge dürfen nicht überholt werden. Und: "Keine Wheelies, Show- oder Stunteinlagen!" Bei einer anderen Veranstaltung glaubte ein Teilnehmer, auf dem Hinterrad fahren zu müssen und räumte dabei einige Biker-Kollegen von ihren Maschinen.

Szenen, die man heute nicht sehen will. Später wird die Polizei zufrieden sein. Mit sich und mit dem Veranstalter. Obwohl die angekündigte Zahl vervielfacht wurde, gab es keine nennenswerten Zwischenfälle, keine Unfälle. Hier und da kommt es zu kleinen Unstimmigkeiten an den Kreuzungen. Auf Höhe des Business-Tower etwa werden Autofahrer ungeduldig. Es dauert, bis Tausende Motorräder vorbei geknattert sind.

Zahlreiche Menschen bekunden Solidarität

Darunter sind Bikes, Trikes, Tourer, Enduros - und Fahrzeuge, die klingen wie eine Schlagbohrmaschine, die mit hoher Geschwindigkeit auf Granit stößt. "Da fehlt mir jegliches Verständnis", schreit ein Mann in seinem Ford gegen den Lärm an. "Mit so einem Krawall wirbt man doch nicht um Verständnis!" Er sollte sich irren.

Am Straßenrand stehen zahlreiche Menschen und bekunden ihre Solidarität. Sie strecken die Daumen nach oben, halten die Handflächen zum Abklatschen hin und klatschen zwar nicht hörbar aber deutlich sichtbar Beifall. Auffällig viele ältere Menschen sind unter diesen Zuschauern. Eine Frau, bereits im Rentenalter, begrüßt den aufgebrachten Hornissenschwarm. Nein, sie steige nicht mehr auf ein Motorrad, sagt sie. Aber sie erinnere sich gern an die Zeit, als sie mit ihrem Mann viele Ausflüge gemacht hat. Gerade an Sonn- und Feiertagen. "Das darf man sich nicht nehmen lassen."

Rückenwind von Joachim Herrmann

Auch der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann, selbst leidenschatlicher Motorradfahrer, gibt in einer Ansprache den Bikern Rückenwind, in dem er ein pauschales Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen klar ablehnt und ihm auch wenig Chancen einräumt. Ein Exot zwischen all den schweren Maschinen ist der Nürnberger Claus Schindler, der sich mit seinem Roller hier behauptet. Eine betagte, aber top gepflegte Vespa, Baujahr 1971.

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"Die hatte schon mein großer Bruder als Studentenauto", sagt er lachend. Auch er, so gibt er zu, hatte mal am Auspuff geschraubt und ein bisschen mehr Sound aus dem Vehikel geholt. "Nach zwei Tagen habe ich das aber wieder rückgängig gemacht", berichtet er. "War unerträglich für mich und für andere." Da er im Alltag einen Großteil seiner Strecken aber mit dem italienischen Oldtimer bewältigen kann, will auch er sich nicht einschränken lassen. Ich muss meistens nicht zwei Tonnen bewegen um von A nach B zu kommen, meint er.

"Wir kommen wieder"

Bei der heutigen Veranstaltung wirkt seine alte Dame eher wie eine Biene unter lauten Hornissen. Aber die gemeinsame Sache vereint alle. Am Nachmittag ist der Spuk vorbei. Ein letztes Polizeiauto verlässt den Ort, an dem die Tour begann und endete. Ruhe legt sich auf die Große Straße. Nicht ein Papierfitzelchen oder sonst eine Hinterlassenschaft zeugt davon, dass hier eben Tausende Menschen waren. Loesch ist überaus zufrieden. Mit seinen Leuten, mit der Polizei, der Stadt und der Organisation.

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Er ist sich sicher, dass man ein Zeichen gesetzt hat. Und er ist sich ebenfalls sicher, dass dies nicht das letzte war: "Wer Motorrad fährt, zahlt viel Geld für die Maschine und hohe Steuern. Der lässt sich nicht einfach was wegnehmen. Wir kommen wieder." Für heute treten die Biker jedoch erstmal den Heimweg an, der nach den Kennzeichen zu urteilen, durchaus auch ein paar Stunden dauern kann. Nur mit der generellen Vorfahrt ist es nun vorbei. Eine rote Ampel ist wieder eine rote Ampel.

Rurik Schnackig Lokales

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