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Samstag, 08.08.2020

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Trotz massiver Proteste: Mehr Tierversuche in Nürnberg

Seit einem Jahr laufen die Experimente am Nordklinikum - 04.07.2020 06:00 Uhr

Das Versuchstier im Blick: In den nächsten Monaten startet am Nürnberger Nordklinikum eine neue Forschungsreihe mit Experimenten an 82 Mäusen.

© imago stock&people, NN


Das kleine Gebäude wirkt unscheinbar. Doch die vergitterten Fenster und die Alarmanlage lassen vermuten, dass hinter diesen Mauern kein normaler Klinikbetrieb herrscht. Seit einem Jahr wird hier an Tieren experimentiert. In dem engen Laborraum brennt Kunstlicht, große Klimaschränke sind aufgebaut, in denen die Tiere leben. Temperatur, Licht und Luftfeuchtigkeit kann man exakt einstellen. Bis zu 100 Mäuse und 20 Ratten können für Forschungszwecke gehalten werden.

Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) hat 2017 für eine halbe Million Euro das Tierversuchslabor am Nordklinikum eingerichtet. Es ist das einzige in Nürnberg. Trotz massiven Protesten startete im Sommer 2019 die erste Versuchsreihe. Es soll ermittelt werden, ob Vitamin K2 vor Gefäßveränderungen schützen kann, die häufig durch Diabetes mellitus entstehen und Herz-Kreislauferkrankungen verursachen. Die Regierung von Unterfranken hat dafür Experimente an 40 Ratten erlaubt, die bis Ende 2023 befristet sind. Laut der stellvertretenden Klinikumssprecherin Doris Strahler könne man nach einjähriger Forschung zu den bisherigen Erkenntnissen "keine Aussagen machen"; es sind 24 Tiere gestorben.

Elisabeth Mederer von "Menschen für Tierrechte" in Nürnberg hält grundsätzlich die Übertragbarkeit der Erkenntnisse von Nagern auf den Menschen für nicht gegeben: "Kein tierischer Organismus ist mit dem eines Menschen vergleichbar. Hinzu kommt, dass gesunde Versuchstiere gewaltsam krank gemacht werden, ihnen Schäden künstlich zugefügt werden." Das habe mit den Krankheitsursachen bei Menschen nichts zu tun. Es gehe auch zielgerichteter. Etwa mit sogenannten Organs-on-aChip. Sie werden aus menschlichen Zellen im Labor gezüchtet und funktionieren miteinander kombiniert wie ein Mini-Organismus. Daran könnten Krankheitsursachen oder die Wirksamkeit neuer Medikamente erforscht werden. "So kann man komplizierte biologische Prozesse präzise steuern, kontrollieren und messen – viel besser als im Tierversuch."

Bis zu 100 Mäuse können in dem Tierversuchslabor der PMU auf dem Gelände des Klinikums gehalten werden.

© shutterstock.com


Die PMU hat eine zweite Versuchsreihe beantragt, diese wurde jetzt genehmigt. Es soll bis Mai 2025 an 82 Mäusen getestet werden, ob man erkranktes Gewebe durch künstliches Gewebe ersetzen kann. Die Versuche beginnen in den nächsten Monaten, so Strahler. "Für beide Vorhaben gibt es keine alternativen Methoden." Auf Nachfrage bestätigt sie, dass weitere Versuche an Nagern geplant seien, "ein Antrag zu einer neuen Fragestellung wurde noch nicht eingereicht". Der neue OB Marcus König, bis zur Amtsübernahme langjähriger Geschäftsführer des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth, ist nun auch Vorsitzender des Verwaltungsrates des Klinikums. Zum Sachverhalt wollte er sich nicht äußern.

Roman Stilling von "Tierversuche verstehen", einer Allianz von Wissenschaftlern, meint dazu: "Für jeden Tierversuch wird von den Genehmigungsbehörden geprüft, ob die Belastung des Tieres in einem vertretbaren Verhältnis zum Erkenntnisgewinn steht. Grundsätzlich sind Tierversuche erst dann erlaubt, wenn die Erkenntnisse aus Alternativmethoden wie Zellkulturen oder Computersimulationen ausgeschöpft sind." Mit Blick auf Corona sagen die Wissenschaftler, Impfstoffe werde es ohne Tierversuche nicht geben. Auch an der Uni Erlangen laufen dafür zwei Versuchsreihen. Seitens der Forscher heißt es: "Bei Covid-19 ist noch erheblicher medizinischer und wissenschaftlicher Fortschritt nötig."

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